Langjähriger Berater der Bischofskonferenz warnt eindringlich vor Klerikalismus

Soziologe Kaufmann: Kirche entfremdet sich von den Menschen

Ein neues Verhältnis zwischen Geistlichen und Laien in der katholischen Kirche fordert der Bielefelder Soziologe Franz-Xaver Kaufmann (87). Über Jahrhunderte habe die Kirche auf klerikale Hierarchien gesetzt und sich damit der Moderne entfremdet, schreibt Kaufmann am Montag in einem Gastbeitrag in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Jetzt entfremde sie sich auch zunehmend ihren Gläubigen. Der sexuelle Missbrauch und seine „lang anhaltende und systematische Vertuschung“ wirkten wie Brandbeschleuniger. Der Klerikalismus sei ein Haupthindernis für jegliche Kirchenreform.

Kaufmann, früherer Professor für Sozialpolitik und Soziologie in Bielefeld, der immer wieder auch die Deutsche Bischofskonferenz beriet, forderte als wichtigen Schritt eine Entkoppelung von Leitungskompetenzen und sakramentalen Kompetenzen in der Kirche. „Solange die Spendung der meisten Sakramente geweihten Klerikern vorbehalten bleibt und hierfür nur zölibatär lebende Männer in Frage kommen, drängt sich eine Entlastung der wenigen Priester von nicht sakramental definierten Aufgaben und deren Übertragung an Laien auf“, schreibt der Soziologe. Er begrüßte Initiativen der deutschen Bischöfe, verstärkt Frauen in Leitungsämter zu holen. Auch könnten neue Formen von Gemeindeleitung mit Beteiligung von Laien entwickelt werden.

Kirche mit absolutistischem Charakter

Aus Sicht Kaufmanns hat die katholische Kirche in den vergangenen 1000 Jahren die Sonderstellung der Kleriker gegenüber den Laien systematisch ausgebaut – durch Pflichtzölibat, Gehorsamspflicht, alleinige Verwaltung der Sakramente und insbesondere das Beichtsakrament. Im 19. Jahrhundert sei der absolutistische, an Rom orientierte Charakter der Klerikerkirche auch noch als „göttliches Recht“ überhöht worden.

Papst Franziskus habe das klerikale Kirchenmodell nun in Frage gestellt – allerdings nur in moralischen Appellen und auf der Einstellungsebene und noch ohne konkrete institutionelle Konsequenzen. Würde er den klerikalen Charakter kirchlicher Herrschaft wirklich zur Debatte stellen, würde der Papst wohl den gesamten kirchlichen Traditionalismus gegen sich aufbringen, „dessen Macht nicht zu unterschätzen ist“.