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Wie kann Spiritualität Angehörigen im Pflegealltag helfen? Eckhard Frick, Priester und Professor für Spiritual Care, und Jenny Kubitza antworten.
Was ist eigentlich mit dem Begriff Spiritualität gemeint?
Eckhard Frick: Spiritualität darf nicht mit Religion gleichgesetzt werden, denn sie ist deutlich weiter gefasst. Dazu gehören Ressourcen von Sinn, Verbundenheit und Transzendenz ebenso wie Erfahrungen von Hoffnung. Ganz konkret kann das eine Meditationsgruppe sein, die man besucht, eine politische Weltanschauung, die Sinn stiftet, oder auch die Mitgliedschaft in einem Sportverein. Auch Musik kann etwas sein, das uns öffnet und hilft, über die eigenen Grenzen hinauszugehen. Letztlich schließt Spiritualität auch alle Suchbewegungen nach Sinn und Orientierung ein. In unserer Studie verstehen wir Spiritualität als eine grundlegende Dimension des Menschseins, die jede Person hat - auch wenn sie diesen Begriff für sich nicht verwendet.
Jenny Kubitza: Ein wichtiger Aspekt von Spiritualität ist die Erfahrung von Verbundenheit - sei es mit etwas Transzendentem, mit der Natur oder mit sich selbst. Für pflegende Angehörige bedeutet das oft, irgendwann innezuhalten und zu überlegen: Was tut mir in dieser Lebensphase gut und was nicht? Was kann ich konkret verändern, um mir etwas Gutes zu tun? Diese Form von Selbstfürsorge ist etwas ganz Entscheidendes.
Warum?
Frick: Bei der Pflege wurde im Laufe der Jahrhunderte die Hingabe an den anderen derartig betont, dass der Punkt der Selbstfürsorge leider vernachlässigt wurde. Da braucht es ein neues Austarieren.
Kubitza: In dem Moment, wo der Pflegende auf sich selbst achtet, ändert sich auch das Verhältnis zum Gepflegten. Wenn man mehr Zeit für sich selbst nutzt, hat man zwar weniger für die Pflege zur Verfügung. Aber viele Angehörige erklären es so: "Ich kann mich nur gut um dich kümmern, wenn es mir auch gut geht. Wenn du das nicht akzeptierst, wird es mir in drei, vier Monaten schlecht gehen und dann musst du in eine Pflegeeinrichtung." Das wurde von den Gepflegten durchaus verstanden.
Was bewegt pflegende Angehörige innerlich?
Kubitza: Wenn ein Familienmitglied, das man liebt, schwer erkrankt, stellt sich für viele Angehörige früher oder später die Sinnfrage: Wozu pflege ich diesen Menschen? Und was bedeutet diese Situation für mein eigenes Leben? Bleiben solche Fragen unbeantwortet, kann das sehr belastend sein. Haben sie jedoch mithilfe von Spiritualität eine Antwort gefunden, die über moralische Verpflichtungen und reines Verantwortungsgefühl hinausgeht und die wirklich trägt, konnten sie die Situation oft besser akzeptieren. Häufig konnten sie dann auch Unterstützung von außen annehmen, wodurch die Belastung insgesamt sank.
Wie könnte eine Antwort auf die Frage nach dem Wozu aussehen?
Kubitza: Eine pflegende Angehörige hat beispielsweise berichtet, dass sie in diesem Reflexionsprozess gelernt hat, Nein zu sagen. Durch die Doppelbelastung von Beruf und Pflege war das für sie notwendig. Zunächst begann das im Kleinen zu Hause, später konnte sie diese Haltung sogar auf ihre Arbeit übertragen. Ohne die Erfahrung der häuslichen Pflege hätte sie sich nie getraut, zu ihrer Chefin einmal klar Nein zu sagen.
Frick: Da Pflegebedürftige bei den Dingen des täglichen Lebens wie dem Gang zur Toilette oder dem Essen sehr langsam sind, entwickeln viele Pflegende auch einen neuen Bezug zur Zeit. Ich kann mich innerlich aufreiben und unter Druck setzen, wenn der Gepflegte ewig im Bad ist oder im Schneckentempo seine Mahlzeiten einnimmt - oder ich nutze das wie in der Zen-Kultur, um innerlich zur Ruhe zu kommen.
Wie wirkt sich all das aus auf das Verhältnis zu dem Menschen, den man pflegt?
Kubitza: Es ist ja nicht immer so, dass man eine Person pflegt, weil man sie so liebt. Häufig geschieht dies eher aus Verantwortungsgefühl oder weil man sich moralisch dazu verpflichtet fühlt. Eine Tochter beispielsweise hat erzählt, dass der Vater ihr immer wieder das Gefühl gegeben hat, eine Versagerin zu sein. In der Pflege haben sie die Zeit gefunden, miteinander zu sprechen, und sie konnte für sich mit der Vergangenheit abschließen, was ihr Selbstwertgefühl deutlich gesteigert hat.
Welche Rolle spielt Spiritualität, wenn sich das Ende des Lebens abzeichnet - oder wenn der Pflegebedürftige stirbt?
Frick: Spiritualität hilft auch dann, wenn es ans Abschiednehmen geht - vor allem in Form von Hoffnung ist sie etwas sehr Stärkendes. Während diese am Anfang meist darauf beruht, körperliche Fähigkeiten des Pflegebedürftigen wieder herzustellen oder zu erhalten, kann es später darum gehen, mit dem anderen noch eine schöne Zeit zu verbringen und es ihm zu ermöglichen, diese Welt angenehm zu verlassen. Nach dem Tod des Angehörigen hilft Spiritualität, wieder das eigene Leben neu zu entdecken. Sie erlaubt es, den Gedanken zuzulassen, dass der Tod des Gepflegten auch eine Entlastung sein kann. Für viele ist es schwer, ohne Schuldgefühle weiterzugehen. Sie müssen dann in ihrer Trauer lernen, wieder neu zu sich zu kommen.
Zur Person
Der Priester Eckhard Frick gehört dem Jesuitenorden an. Er ist Professor für Spiritual Care und psychosomatische Gesundheit am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München. Zuvor war er bereits Professor für Spiritual Care an der Medizinischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die Pflegewissenschaftlerin Jenny Kubitza ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin von Eckhard Frick. | jjo.