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Wie erreichen die Kirchen Menschen, die sich als gläubig empfinden, aber Heimat suchen? Rebecca Lögers da Silva ermutigt zum Weglassen.
Seit September arbeite ich fürs Bistum Osnabrück als Referentin für „Christliche Rituale im Rahmen eines Ökumenischen Netzwerkes im Stadtgebiet Osnabrück“. Kurz gesagt: Ritualguide für Menschen in Osnabrück, mit Verknüpfung zu einem Netzwerk ökumenischer Seelsorger*innen. Die Idee ist: Niedrigschwellige Angebote schaffen, Menschen erreichen, die in einer klassischen Kirchengemeinde nicht zu finden, aber gläubig sind.
Allein durch meinen aktuellen Job bin ich also schon etwas voreingenommen, was die Frage betrifft, in welche Richtung sich Kirche(n) entwickeln sollen. Ich hätte mich auf die Stelle ja wohl kaum beworben, wenn ich das Konzept für eine schlechte Idee hielte.
Katholisches Profil und Identität
Aber: Bedeuten niedrigschwellige, ökumenische Angebote nicht auch, dass wir unsere Profilierungen verlieren? Wenn wir Weihrauch und Rosenkränze und pompöses Orgelspiel weglassen, geben wir dann nicht auch einen Teil unserer ureigensten katholischen Identität auf?
Kann schon sein. Es kann aber auch sehr gut sein, dass wir viel mehr dazugewinnen, als wir verlieren, wenn wir uns mit der Frage beschäftigen: „Wann suchen/brauchen Menschen in ihrem Leben Rituale?“ Und besonders in einer Zeit, in der sich alle christlichen Akteur*innen die Frage stellen: „Wie soll es weitergehen, wo liegt unsere Zukunft?“, tut es doch gut, Mitstreiter*innen zu haben.
Kaum noch konfessionelle Identifikation
Die Autorin
Rebecca Lögers da Silva studiert katholische Theologie in Münster und arbeitet als Referentin für Christliche Rituale im Bistum Osnabrück.
Deshalb glaube ich nicht, dass wir weiter in die katholische Nische gehen sollten. Selbstverständlich haben wir traditionell katholische Rituale, die vielen Menschen gut tun und ihnen helfen. Ich glaube nur auch, dass sehr viele Menschen, die für „hochschwellige“, komplexe Rituale empfänglich sind, schon erreicht werden. Und wenn wir eben auch (wieder) Menschen erreichen wollen, die sich selbst als gläubig, als spirituell, vielleicht sogar christlich erleben, sollten wir auch christlich denken, und das heißt eben auch: ökumenisch.
Ich glaube, dass viele Menschen keine so starke konfessionelle Identifikation mehr verspüren – und sich selbst aus moralisch-ethischen Gründen als entfernt von institutionellen Überbauten von Kirchen erleben. Ich glaube ebenso, dass das spirituelle, gläubige Selbst-Erleben und dazugehörige Bedürfnisse von dieser Identifizierung unabhängig existieren und ihr passendes Gegenüber suchen. Vielleicht können wir an der einen oder anderen Stelle (wieder) Teil dieses Gegenübers werden.
„Niemand soll dich wegen deiner Jugend geringschätzen!“, ermutigt der 1. Timotheusbrief (4,12) seinen Empfänger Timotheus. Und in der 1.500 Jahre alten Benediktsregel rät der heilige Benedikt, bei wichtigen Dingen alle Brüder anzuhören, „weil der Herr oft einem Jüngeren offenbart, was das Bessere ist“ (RB 3,3). Darum kommen in unserer Rubrik „Der junge Kommentar“ ausdrücklich Autor:innen unter 30 Jahren mit ihrer persönlichen Meinung zu einem selbst gewählten Thema zu Wort. Sie sind ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.