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Ein sorgenvoll-frommer Zwischenruf von Chefredakteur Markus Nolte zur Karwoche

Stell dir vor, es ist Ostern, und keiner geht hin

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Dienst, Demut, Hingabe, Liebe, Leben: Es sind die ganz großen christlichen Worte, die über jedem Tag der Karwoche und des Osterfestes stehen. Doch angesichts des Bildes, das die Kirche in diesen Tagen abgibt, steht sogar die Botschaft in Gefahr, als glaubwürdig wahrgenommen zu werden, fürchtet Chefredakteur Markus Nolte. Ein sorgenvoller, frommer Zwischenruf.

Stell dir vor, es ist Palmsonntag, und keiner geht hin. Nicht, weil zu viele Leute an einem Ort keine gute Idee in Corona-Zeiten sind. Sondern weil uns keiner mehr glaubt, dass uns ein Esel und dahin geworfene Palmzweige genügen für unser Ideal von Macht. Weil uns keiner mehr abnimmt, dass wir rote Teppiche, politisches Kalkül und klerikal-höfisches Gehabe nicht brauchen, um in der Nachfolge dessen, der da in Jerusalem einreitet, Kirche zu sein.

Stell dir vor, es ist Gründonnerstag, und keiner geht hin. Weil uns keiner mehr glaubt, dass wir es ernst meinen damit, wenn wir allen Menschen in Zuneigung und Respekt begegnen, die Füße waschen und ein Mahl aus Liebe, Treue und Hingabe feiern wollen. Weil uns keiner mehr abnimmt, dass es Frauen nicht abwertet, wenn in Kathedralen nur Männern die Füße gewaschen und die Weihe gespendet wird, und dass homosexuelle Menschen nicht diskriminiert werden, wenn ihre Liebe leider nicht segenswert ist.

Gewalt, Verurteilen, Verleugnen

Stell dir vor, es ist Karfreitag, und keiner geht hin. Weil uns keiner mehr glaubt, dass wir den Weg des ohnmächtigen Gottes in Sympathie mit allen zum Schweigen Gebrachten, zu Unrecht Verurteilten, Gequälten, Leidenden und Sterbenden mitgehen, uns öffentlich von Gott verlassen bekennen, am Ende in gewaltiger Ehrfurcht verstummen und trotz allem eine große Erlösung ahnen. Weil uns, solange wir nicht redlich um Entschuldigung bitten und Konsequenzen aus unserem Tun ziehen, keiner mehr abnimmt, dass wir unsere Gewalttaten, unser Verurteilen und Verleugnen verabscheuen und zutiefst bereuen, unsere Vollmacht aber immer demütig als Werkzeug der Gerechtigkeit wahrnehmen.

Stell dir vor, es ist Karsamstag, und keiner geht hin. Weil uns keiner mehr glaubt, dass Gott womöglich schweigt, nicht da ist, jedenfalls nicht nur so, wie und wo er laut Lehre sein soll. Weil uns keiner mehr abnimmt, dass wir trotz Katechismus und Glaubenskongregation im Letzten vermutlich eher sehr wenig über unseren Gott wissen.

Diese Woche könnte alles ändern

Stell dir vor, es ist Ostern, und keiner geht hin. Weil uns keiner mehr glaubt, dass wir der Fülle des Lebens verschrieben sind. Weil wir zwar das Leben schon vor der Geburt und am Ende mit Pathos verteidigen, aber zu wenig leidenschaftlich das lieben, was dazwischen – und zwar ziemlich bunt – ist, lebt und leben dürfen will.

Diese Woche könnte alles ändern. Sie hat es schon einmal geschafft, mindestens. Stell dir vor.

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