Kreuz im Auto, Namenstag, Freitagsfisch

Sterben katholische Bräuche aus?

Namenstag feiern, den Rosenkranz beten, freitags kein Fleisch essen – das sind althergebrachte katholische Sitten und Gebräuche. Manche drohen allerdings allmählich auszusterben, nachdem sie teils über Jahrhunderte wie selbstverständlich zum Alltag der Gläubigen dazugehörten. Hier einige Beispiele für solche Rituale und Gepflogenheiten, über ihren Sinn und über die Frage, weshalb es sich lohnen könnte, scheinbar verstaubte Traditionen neu zu entdecken.

Über Jahrhunderte hinweg erhielten Neugeborene den Namen des oder der Tagesheiligen ihres Geburts- oder Tauftages. Über Jahrhunderte hinweg erhielten Neugeborene den Namen des oder der Tagesheiligen ihres Geburts- oder Tauftages. | Foto: Michael Bönte

Namenstag feiern

Bei der Suche nach einem Vornamen für ihr Kind achten Eltern heutzutage vor allem auf den Wohlklang des Namens. Das sei für fast drei Viertel der Eltern der entscheidende Gesichtspunkt, besagt eine Umfrage der Gesellschaft für deutsche Sprache. Auch wichtig: dass Vor- und Familienname miteinander harmonieren.

Ein religiöser Bezug, so ein weiteres Ergebnis der erwähnten Umfrage, spiele bei der Namenswahl nur mehr „eine weniger wichtige Rolle“. Und darum ist es logisch: Der Namenstag wird auch in katholischen Familien immer seltener gefeiert. Über Jahrhunderte hinweg erhielten Neugeborene den Namen des oder der Tagesheiligen ihres Geburts- oder Tauftages. Martin Luther etwa bekam seinen Vornamen, weil er an einem 11. November, dem Gedenktag des heiligen Martin von Tours, getauft wurde. Von einer – in ihren Augen oft übertriebenen – Heiligenverehrung hielten die Reformatoren wenig, weshalb es vorwiegend die Katholiken waren, die ihre Kinder bewusst nach Heiligen benannten. Sie erhielten einen Namen, ja, vor allem aber erhielten sie einen Namenspatron oder eine Namenspatronin.

In manchen, vor allem ländlichen katholischen Regionen wurde der Namenstag einst sogar ausgiebiger gefeiert als der Geburtstag. Denn „Geburtstag“, sagte man, „hat jede Kuh“. Aber für die Namenswahl, siehe oben, haben Patrone in unseren Tagen eine geringe oder gar keine Bedeutung. Darum gerät der Namenstag in Vergessenheit. Ein wenig schade für die Kinder – ihnen entgeht ein persönlicher Feiertag. Und sie müssen auf einen Namenspatron verzichten, an dem sie sich orientieren oder im Notfall zumindest abarbeiten könnten.

Zweige am Kreuz

Zweige am Kreuz erinnern an PalmsonntagZweige am Kreuz erinnern an Palmsonntag, als Jesus zu seiner Kreuzigung in Jerusalem einzog. | Foto: Michael Bönte

Hasenfiguren, Nester, Eier, Kerzen, Gestecke – in vielen Wohnungen hält die Osterdekoration mittlerweile schon Wochen vor dem Fest Einzug. Wie auch Weihnachten wird Ostern mehr und mehr vorgefeiert. Ostern immerhin hat auch ganz traditionell so etwas wie eine kleine Vorfeier: den Palmsonntag. Er erinnert an Jesu Einzug in Jerusalem; die Menschen jubelten ihm zu und streuten Palmzweige auf den Weg. Deshalb werden vor dem Gottesdienst Palmzweige gesegnet – ersatzweise, wo keine Palmen wachsen, nimmt man immergrüne Pflanzen wie Buchsbaum, Eibe oder Wacholder oder auch Zweige der Salweide mit ihren Palmenkätzchen.

Gern werden auch kleinere oder größere Palmstöcke oder -sträuße gebunden. Wie auch immer: Nach dem Gottesdienst nimmt man die Zweige, Sträuße oder Stöcke mit nach Hause und schmückt damit das Kreuz (oder die Kreuze) im Wohnzimmer, über dem Türrahmen, im Herrgottswinkel ...

Im Volksglauben galten die gesegneten Zweige am Kreuz als Schutz vor Blitz, Feuer und Krankheit; man steckte ein paar Zweige auch in den Acker, weil man sich davon eine gute Ernte versprach, oder mischte sie unters Viehfutter, damit die Tiere gesund blieben. Eigentlich jedoch stehen die grünen Zweige am Kreuz für das Leben. Sie sollen ausdrücken: Christus hat den Tod besiegt und das Leben neu gewonnen.

Von Palmsonntag an, also schon zu Beginn der Karwoche, weist das geschmückte Kreuz auf die Osterbotschaft hin. In manchen Regionen bringen die Kinder einen gesegneten Palmzweig oder -stock ihren Paten, Großeltern oder Nachbarn. Erwachsene tragen ihn anderswo zu einem bettlägerigen Kranken. Oder zu ihren Toten auf dem Friedhof.

Als typisch katholisches Freitagsopfer galt lange der Verzicht auf Fleisch und Wurst. Freitags wurde Fisch gegessen.Als typisch katholisches Freitagsopfer galt lange der Verzicht auf Fleisch und Wurst. Freitags wurde Fisch gegessen. | Foto: Shutterstock

Freitags kein Fleisch

Wie den Christen jeder Sonntag als ein kleines Osterfest gilt, weil Jesus an einem Sonntag auferstanden ist, so erinnert sie jeder Freitag an den Karfreitag, an dem Jesus gekreuzigt wurde. Seit alters her wird der Sterbetag Christi auf vielfältige Weise hervorgehoben: zum Beispiel durch Kreuzesmessen, Freitagsläuten, Kreuzweggebete und Fasten. An diesem Trauertag, vermerkt das „Lexikon für Theologie und Kirche“, vermied man früher „wichtige Unternehmungen, Reisen, Umzüge, zu säen, sich die Haare schneiden zu lassen, die Kinder zu baden“.

Als typisch katholisches Freitagsopfer galt lange der Verzicht auf Fleisch und Wurst. Freitags wurde Fisch gegessen, einst durchaus ein Nahrungsmittel für arme Leute und ein nicht besonders schmackhaftes dazu, weil Fisch allenfalls in Küstenregionen frisch zu erhalten war und überall sonst durch viel Salz konserviert werden musste. Das ist längst anders. Fisch ist frisch und delikat zubereitet und in zahlreichen Variationen erhältlich; eine Gaumenfreude, außer natürlich für Leute, die ihn einfach nicht mögen.

Fleisch und Wurst lassen viele Zeitgenossen ohnehin häufiger mal oder sogar ganz weg, aus gesundheitlichen, ethischen oder anderen Gründen. Und leckere Alternativen zu Fleisch und Wurst – und Fisch – gibt es in Hülle und Fülle. Als Freitagsopfer sei der „Verzicht auf Fleischspeisen“ zwar „nach wie vor sinnvoll und angemessen“, sagen die deutschen Bischöfe heute. Aber sie nennen Alternativen: „spürbare Einschränkung im Konsum, besonders bei Genussmitteln“ oder „Dienste und Hilfeleistungen für den Nächsten“. Was durch Maßhalten eingespart werde, „sollte mit Menschen in Not geteilt werden“.

Schwieriger ist es mit dem Freitagsopfer sowieso geworden. Der Freitag läutet das Wochenende ein; die Schule macht samstags und sonntags Pause, auch viele Arbeitnehmer haben frei, machen freitags sogar früher Feierabend als sonst. Man hat spätestens ab Freitagmittag gute Laune. Der Gedanke an den Sterbetag Christi stört da schon. Aber nun: Das soll er ja auch.

Der heilige Christophorus ist deshalb im Wagen, weil er der Schutzpatron der Autofahrer ist.Der heilige Christophorus ist deshalb im Wagen, weil er der Schutzpatron der Autofahrer ist. | Foto: Michael Bönte

Christophorus im Auto

In einschlägigen Internetforen wird gelegentlich vor Christophorus-Plaketten gewarnt, oder genauer: davor, sie auf dem Armaturenbrett über dem Beifahrer-Airbag anzubringen. Werde der nämlich bei einem Unfall ausgelöst, könne die Plakette zum Geschoss werden und schlimme Verletzungen verursachen. Wie widersinnig, nicht wahr? Schließlich befindet sich das Bildnis des heiligen Christophorus deshalb im Wagen, weil er der Schutzpatron der Autofahrer ist. Er soll doch vor Unfällen bewahren – und sie nicht verschlimmern.

Während so manche typisch katholische Gepflogenheit allmählich verschwindet, ist der Christophorus nach wie vor populär: Der Handel hält ein reichhaltiges Angebot an Plaketten und Schlüsselanhängern in allen Preislagen vor. Und die werden ganz offensichtlich keineswegs nur von Katholiken gekauft. Fragt sich nur: Verstehen die Leute die Medaille oder den Anhänger als eine Art zauberkräftigen Talisman oder glücksbringendes Amulett? Das wäre dann ja doch ein eher magisches (oder soll man sagen: heidnisches?) Verständnis.

Der nordirische Kardinal Tomás Ó Fiaich erzählte in seiner höchst amüsanten Ansprache beim Katholikentag 1986 in Aachen von den unterschiedlichen Gewohnheiten einer Mutter und ihrer Tochter beim Autofahren: Die Mutter spreche ein kurzes Gebet, bevor sie losfahre, schnalle sich jedoch nicht an, denn der liebe Gott schütze sie ja; die Tochter hingegen schnalle sich vorm Start an, verzichte aber aufs Gebet, weil der Gurt sie ja vor Schaden bewahre. Ein guter Christ, schloss der Kardinal, tue beides: sich anschnallen und beten.

Das führt zur eigentlich sinnvollen Funktion der Christophorus-Plakette: Sie erinnert daran, dass der Christ auf allen seinen Wegen auf Gott vertrauen kann. Und dass er vielleicht auch ein kurzes Gebet sprechen könnte vorm Losfahren. Anschnallen nicht vergessen!. Und darauf achten, dass die Christophorus-Plakette ihren rechten Platz hat!

Sich mit Weihwasser zu bekreuzigen, soll in erster Linie an die Taufe erinnern.Sich mit Weihwasser zu bekreuzigen, soll in erster Linie an die Taufe erinnern. | Foto: Michael Bönte

Segen mit Weihwasser

Am Eingang jeder katholischen Kirche hängt ein Weihwasserbecken. Man taucht beim Betreten und Verlassen der Kirche kurz die Hand hinein und bekreuzigt sich. Bei feierlichen Gottesdiensten werden die Gläubigen mit Weihwasser besprengt, bei Beerdigungen der Sarg, bei kirchlichen Segnungen die Räume eines neuen oder renovierten Gebäudes. So weit, so allgemein bekannt.

Jüngere Katholiken wird möglicherweise dieser Lexikoneintrag überraschen: „Es ist ein alter christlicher Brauch, sich selbst (und als Eltern die Kinder) jeden Morgen durch ein Kreuzzeichen mit Weihwasser dem Segen Gottes zu empfehlen.“

Viele ältere Katholiken kennen es noch oder haben es noch: ein kleines (mitunter nicht sonderlich geschmackvolles) Weihwasserbecken, auch -kessel oder -schale genannt, meistens im Schlafzimmer oder im Eingangsbereich der Wohnung, oft zusätzlich auch im Kinderzimmer.

Üblicherweise findet sich im rückwärtigen Bereich vieler Kirchen ein größeres Gefäß, aus dem Weihwasser für den Hausgebrauch entnommen werden kann. Dieses Wasser wird vor allem in der Osternacht geweiht. Sich oder die Kinder mit Weihwasser zu bekreuzigen, soll in erster Linie an die Taufe erinnern; es ist, hat der Jesuitenpater Eckhard Bieger einmal formuliert, „so etwas wie ein Erkennungszeichen der Getauften, wie wenn man die Mitgliedskarte zeigt“. Wer das kleine Ritual am Morgen zelebriert, nach dem Aufstehen oder vor dem Verlassen des Hauses, der drückt damit aus: Ich gehe mit Gott in diesen Tag, ich bin als Christ unterwegs.

Der Rosenkranz ist ein meditatives Gebet ist, das den Geist zur Ruhe bringt.Der Rosenkranz ist ein meditatives Gebet ist, das den Geist zur Ruhe bringt. | Foto: Michael Bönte

Rosenkranz beten

Der Rosenkranz kann heute als die am weitesten verbreitete katholische Andachtsform angesehen werden“, weiß Wikipedia. Auch wenn statistisch nicht belegbar, trifft das zweifellos zu. Andere Andachtsformen – das wären zum Beispiel das Angelusgebet („Engel des Herrn“), die eucharistische Anbetung, der Kreuzweg, Litaneien oder die Herz-Jesu-Verehrung – stehen, wenn man das so sagen darf, in der Beliebtheitsskala sicherlich deutlich hinter dem Rosenkranz.

Aber man muss wohl hinzufügen, wiederum ohne dass dafür harte Zahlen, sondern nur Erfahrungswerte vorliegen: Mit allen genannten traditionellen Frömmigkeitsformen können viele junge und nicht mehr ganz so junge Katholiken „wenig anfangen“, wie die gängige Formulierung lautet. Alle diese Gebetsformen werden immer seltener praktiziert.

Das gilt auch für den Rosenkranz, der sich vergleichsweise aber noch am besten hält. Was unter anderem daran liegen dürfte, dass der Rosenkranz ein meditatives Gebet ist. Eines, das den Geist zur Ruhe bringt, darin durchaus vergleichbar mit einem Mantra, das ja ebenfalls ständig wiederholt wird. Wobei der Rosenkranz den großen Vorteil hat, dass man etwas in der Hand hält, dass man die 59 Perlen, die Knoten dazwischen und das Kreuz erspüren, ertasten, bewegen kann.

Für das Rosenkranzgebet muss man sich Zeit nehmen; Zeit hat man im Alter, nicht in seinen jungen und seinen besten Jahren; und „gegrüßet“ wird Maria, und Marienverehrung ist ja angeblich Frauensache, oder? Alles nur Vorurteile, sicher, doch sie sitzen fest.

Das in seiner heute gebräuchlichen Form 600 Jahre alte Rosenkranzgebet war auch immer eines, das in schweren Zeiten Trost und Zuflucht bot, zumal es einem bewährte, aus- und inwendig gelernte Worte in den Mund zaubert. Not lehrt Rosenkranz beten. In Kriegen, bei schweren Krankheiten und Todesfällen. Entbehrlich, solange es uns, solange es mir gut geht.

Oder sagen wir so: Der Rosenkranz ist ein Schatz. Und ein Schatz liegt nun mal nicht im Sonderangebot im Supermarkt herum; er ist verborgen, man muss ihn suchen, finden, ausbuddeln, ehe er einen reich macht.