WISSENSCHAFT

„Geschichtsentwöhnt“: Theologe Michael Seewald kritisiert Synodalen Weg

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Trotz großer Symphatien rügt der an der Universität Münster lehrende Dogmatiker das kirchliche Reformvorhaben. Was ihm besonders aufstößt.

Von KNA

Der Theologe Michael Seewald von der Universität Münster wirft dem Synodalen Weg vor, zentrale Fragen der Glaubensentwicklung auszublenden. Zwar habe sein Buch „Dogma im Wandel“ große mediale Aufmerksamkeit gefunden, schreibt er in der September-Ausgabe der „Herder-Korrespondenz“. Auf den Reformprozess der katholischen Kirche in Deutschland habe es jedoch kaum Einfluss gehabt. „Er will Dogmenentwicklung betreiben, ohne über Dogmenentwicklung nachzudenken.“

Seewald betont, er sympathisiere mit vielen Anliegen des Synodalen Weges. Dennoch bezweifle er, dass dieser Kurs die Kirche wirklich weiterbringe. Es falle ihm schwer zu glauben, dass die „dort vorherrschende Spielart geschichtsentwöhnter und allgemeinplatzorientierter Theologie die Zukunft der Kirche zu prägen vermag“.

Seewald: Es gibt Brüche in der Lehre

Nach Ansicht des Dogmatikers herrscht in der Kirche noch immer eine Sichtweise vor, die geschichtliche Brüche verdränge. Das gelte besonders für Gruppen, die, so Seewald, „aus ideologischen Gründen jede Form von Diskontinuität ablehnen und stattdessen die Vorstellung einer streng homogenen Entwicklung der Glaubenslehre verteidigen“. Dogmenentwicklung bedeute dort lediglich, dass sich die „Glaubenslehre lediglich additiv erweitern, spekulativ verfeinern oder begründungslogisch vertiefen kann“.

Die Realität sehe anders aus: In der Kirchengeschichte habe es zahlreiche Brüche gegeben - etwa in der Haltung zur Sklaverei, zur Theologie des Priesteramts, beim Monogenismus oder bei der Bewertung der Todesstrafe durch die Päpste.

Seewald: Synodaler Weg stellt grundlegende Fragen nicht

Seewald schreibt, der Synodale Weg habe sich für eine Begründungsweise entschieden, die grundlegende Fragen nicht stelle: „Der Synodale Weg zeigt ein beachtlich geringes Interesse an der für einen solchen Reformprozess nicht nebensächlichen Frage, wie die instabile Gleichzeitigkeit von Kontinuität und Diskontinuität im Rahmen synodaler Prozesse zu fassen sei.“

Der Orientierungstext zu den theologischen Grundlagen des Reformprojekts betone zwar, im Stil des Konzilsdokuments „Gaudium et spes“, dass Wissenschaft und Künste die Weiterentwicklung der kirchlichen Tradition anregen könnten. Ebenso fordere er, alle Gläubigen an der Entwicklung der Lehre zu beteiligen. Doch die entscheidende Frage werde nicht gestellt. „Wie Lehrentwicklung jedoch theologisch verantwortbar gedacht werden kann und in welchen Formen sich die Lehre fortentwickeln darf, spricht der Synodale Weg nicht an“, so Seewald.

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