SKM-Generalsekretär unterstützt kirchlichen Reformdialog

Synodaler Weg: Stephan Buttgereit leitet das Priesterforum

So viele Briefe und E-Mails wie in den letzten Wochen hat Stephan Buttgereit nur selten zuvor bekommen. „Es scheint, dass ich ein bekannter Mann geworden bin“, sagt er schmunzelnd.

Seit bekannt geworden ist, dass er beim Synodalen Weg zur Erneuerung der katholischen Kirche in Deutschland zusammen mit Bischof Felix Genn das Forum „Priesterliche Existenz heute“ leiten wird, erhält er viele Vorschläge, wie es weitergehen soll mit dem Zölibat, mit der Zukunft des allgemeinen Priestertums aller Getauften und des Priestertums durch Berufung.

Wunsch nach Aufhebung des Zölibats

„Einige wünschen sich die Beibehaltung des Zölibats als besonderes Zeichen in der Welt, andere die Möglichkeit, verheiratete Männer zum Priester weihen zu können. Und es gibt Stimmen, die die Priesterweihe für Frauen fordern.“

Die Bandbreite gut gemeinter Tipps, wie Buttgereit in den Versammlungen des Synodalen Wegs sprechen oder agieren soll, ist groß. „Auch wissenschaftliche Ausarbeitungen werden mir zur Durchsicht empfohlen“, sagt der 57-Jährige und sagt gleich, dass er den Synodalen Weg nicht für akademische Winkelzüge nutzen wird.

Berufung von Fischern und Handwerkern

„Wir haben schon viel zu lange akademische Debatten geführt und dabei die normalen Christen aus dem Blick genommen. Wir haben Diskussionen geführt über Fragen, die keiner gestellt hat.“ Einige Priester hätten etwas flapsig gemeint, was denn „dieser Kerl auf den Posten als Forumsleiter über die priesterliche Lebensform“ sagen könne, er sei ja kein Priester und Theologe.

Bei solchen Bemerkungen bleibt der vierfache Familien­vater und diplomierte Sozialarbeiter gelassen: „Jesus hat Fischer und Handwerker berufen, keine Schriftgelehrten. Also sollten wir beim Synodalen Weg versuchen, den Diskurs in den Sitzungen über die Zukunft der Kirche zu erden.“

Vertreter des Zentralkomitees der deutschen Katholiken

Der Generalsekretär des SKM-Bundesverbands – Katholischer Verband für soziale Dienste (vormals Sozialdienst katholischer Männer) hat klare Vorstellungen vom Synodalen Weg, bei dem die deutschen Bischöfe in Zusammenarbeit mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und Experten versuchen wollen, die Vertrauenskrise in der Kirche zu überwinden.

Die Ergebnisse aus der Studie „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ – kurz MHG-Studie genannt – und in ihrer Folge die Forderung vieler Katholiken nach Reformen hätten gezeigt, wie deutlich der Wunsch nach Veränderungen  sei. „Wir brauchen dabei die offene Debatte und die Fähigkeit, neue Positionen zu beziehen“, meint Buttgereit.

Große Vertrauenskrise

Zur allgemeinen kirchlichen Entwicklung mit den weniger werdenden Priestern, den Kirchenaustritten und den schwindenden Gottesdienstteilnehmern sagt er: „Die Hütte brennt. Da kann man nicht mehr theoretisch über die Feuerwehr sprechen. Beim Synodalen Weg müssen wir liefern und nichts auf die lange Bank schieben.“

Wer Buttgereit zuhört, merkt schnell, dass er sich als Katholik aus Überzeugung versteht. „Ich stehe zu meiner Kirche und meinem Glauben“, sagt er. Kirche kennt er von klein auf: Ein inzwischen verstorbener Onkel war Priester, sein Vater Organist in der St.-Sixtus-Kirche, wo er schon als kleiner Junge auf die Orgelbühne durfte und die Gottesdienste „von oben“ verfolgen konnte.

Kommunionhelfer in der Pfarrei in Haltern

Später sang er im Kirchenchor mit und war im Pfarrgemeinderat. „Durch die berufliche Tätigkeit mit den weiten Reisen und den vielen Terminen musste ich das aber aufgeben“, sagt der Halterner, der seinen Arbeitssitz in Düsseldorf hat. Was blieb, ist sein Dienst als Kommunionhelfer. „Das tue ich weiterhin gern.“

Die eigene Spiritualität vertieft er durch das morgendliche Lesen in der Heiligen Schrift und der Tageslosung. „Ich bin mit der Bibel unterwegs“, sagt er über sich selbst und hat einen Tipp parat, welche Bibelstellen gut zum Synodalen Weg passen: Matthäus 23, die Worte Jesu gegen die Schriftgelehrten und Pharisäer, oder der 1. Brief an Timotheus, Kapitel 3, in dem die Eigenschaften eines Bischofs genannt werden.

Experte für Männerfragen

Buttgereit ist nicht nur Mitglied im ZdK, das ihn zum Vertreter für den Synodalen Weg gemacht hat. Sein Rat als Experte für soziale Verbandsarbeit und für Jugend- und Männerfragen wird in vielen Gremien und Verbänden geschätzt – so in der Arbeitsgemeinschaft der katholischen Organisationen in Deutschland, im Bürgernetzwerk Bürgerschaftliches Engagement, in der Landesarbeitsgemeinschaft Väterarbeit Nordrhein-Westfalen, im Bundesforum Männer, in der Gemeinschaft der Katholischen Männer in Deutschland oder im Bund-Länder-Netzwerk Gemeindecaritas und Engagementpolitik.

Die Dienste des SKM, für die Buttgereit bundesweit verantwortlich ist, haben sich in den letzten Jahren intensiv mit den Missbrauchsfällen beschäftigt und dabei nicht nur mit den kirchlichen Fällen: „Die Täter waren Männer, die Opfer Kinder und Jugendliche. Wir beschäftigen uns in unserer Arbeit auch damit, wie Männer zu Tätern werden konnten und was Männer antreibt, Gewalt auszuüben“, sagt Buttgereit.

Viele Männer verlassen die Kirche

Der Familienvater setzt darauf, dass auch über die Rolle des Mannes in der Kirche gesprochen wird; „Überdurchschnittlich viele Männer verlassen die Kirche. Das sollte uns zu denken geben.“

Aber auch die Rolle des Mannes in der Gesellschaft müsse beleuchtet werden: Die Männerarbeit des SKM habe sich in den letzten Jahren grundlegend gewandelt – ebenso wie das Männerbild der Gesellschaft allgemein. „Noch vor Jahrzehnten gehörte zum Beispiel die Ausübung von Gewalt, leider auch die gegen Frauen und Kinder, wie selbstverständlich zur ‚Männlichkeit‘ dazu. Heute hat sie nichts mehr in den Herzen und Hirnen von Männern, erst recht nicht in denen von Vätern, zu suchen.“

Auf dem Weg zur Geschlechtergerechtigkeit

Mit dem SKM-Beraternetz ‚Echte Männer reden‘ trage der Verband dazu bei, dass Männer und Väter beim Rollenwandel mithalten können. „Mich treibt in der Männerarbeit um, was Jungen und Männer an Rahmenbedingungen und Beratungsangeboten benötigen, damit der gesellschaftlich gewollte Paradigmenwechsel auch tatsächlich gelingt und wir zu einer tatsächlichen Geschlechtergerechtigkeit gelangen“, sagt Buttgereit. Auch solche Aspekte könnte der Synodale Weg aufgreifen.

Auf dem Tisch des Forums „Priesterliche Existenz heute“ liegt ein langer Fragenkatalog. Mit dem Verweis auf das „Pries­tertum aller Getauften“ will das Gremium zunächst über Grundsatzfragen sprechen. Dabei soll es um die Sendung des gesamten Gottesvolkes in einer säkularer werdenden Gesellschaft gehen.

Frustation unter Priestern

Im Hinblick auf Priester geht es dann um das Verhältnis von Sakramentalität und Macht sowie um Zugangsvoraussetzungen zum Priesteramt. Besprochen wird der Umgang mit unterschiedlichen sexuellen Orientierungen von Priestern und um die Frage: Ist der Zölibat die dem Wesen des Priestertums allein angemessene Lebensform? Außerdem will die Arbeitsgruppe der Frage nachgehen, wie Frustration im Amt vorgebeugt werden kann.

Buttgereit wird gut vorbereitet ins Forum gehen. Er freut sich auf die Zusammenarbeit mit seinem Co-Vorsitzenden Bischof Felix Genn: „In den Vorgesprächen habe ich Bischof Genn als guten Zuhörer kennen gelernt, der die Meinung anderer akzeptieren kann. Allen ist an einem fruchtbaren Verlauf des Synodalen Wegs gelegen.“

Stephan Buttgereit ist seit 2012 Generalsekretär des SKM-Bundesverbandes – Katholischer Verband für soziale Dienste in Deutschland. Der 57-Jährige ist verheiratet und hat vier Kinder. Nach seinem Studium an der Katholischen Fachhochschule Münster als Diplom-Sozialarbeiter arbeitete er in den Bereichen der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe in Haltern. 1994 wurde er dort zum Stadtjugendpfleger ernannt und Sachgebietsleiter für Jugendförderung des Amtes für Kinder, Jugend und Familien. 1999 wurde er Geschäftsführer des SKM Münster, des Jugendausbildungs­zentrums JAZ und der gemeinnützigen SKM GmbH in Münster. 2009 übernahm er zudem die Geschäftsführung des Integrationsbetriebs gemeinnützige Umweltwerkstatt GUW. Erfahrungen auf Bundesebene sammelte er im Vorstand des SKM und in verbandlichen und kirchlichen Organisationen.

Am ersten Advent beginnt der Synodale Weg mit einem symbolischen Auftakt. Die Arbeit startet Ende Januar mit der ersten Plenarversammlung von mehr als 200 Bischöfen, Vertretern des Zentralkomitees der Katholiken und Experten. Im September 2020 folgt die zweite Plenarversammlung. Dazwischen arbeiten Arbeitsgruppen an vier Themen: „Sexualmoral“, „Macht, Partizipation und Gewaltenteilung“, „Priesterliche Existenz heute“ und „Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche“. Unter dem Eindruck des Missbrauchsskandals hatten die Bischöfe im Frühjahr 2019 einen „verbindlichen synodalen Weg“ zur Erneuerung der Kirche angestoßen. Mit ihm wollen sie Lehren aus dem Missbrauchsskandal ziehen und Vertrauen zurückgewinnen. Wie genau der Synodale Weg zur Erneuerung der Kirche aussehen wird und welche Verbindlichkeit er haben wird, ist noch nicht klar.