LEITARTIKEL

Ende der Debatte – Zum Abschluss des Synodalen Wegs

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Nach sechs Jahren endete der Synodale Weg. Jetzt soll der Blick raus, nach vorn gehen. Auffällig entschlossen, meint Chefredakteur Markus Nolte. 

Was haben sie gestritten am Anfang, haben sich und andere nicht geschont! Was haben sie sich gegenseitig unterstellt, verdächtigt, misstraut – und haben sich trotzdem zusammengesetzt und getagt, Respekt und Wertschätzung eingeübt, sich diszipliniert, sich aufeinander eingelassen! Vier Jahre lang, von 2020 bis 2023. 

Es gab große Momente mit Tränen der Rührung und Tränen der Verletzung. Es gab große Freude über nicht für möglich Gehaltenes und große Wut über Starrsinnigkeiten, nicht zuletzt in Rom. Es gab Beleidigungen und Provokationen – und es gab Momente, in denen manche unerwarteterweise über sich hinausgewachsen sind. 

Fleiß, Schweiß, Hetze

Vor allem gab es viel Arbeit und Fleiß und Mühe, Schwitzen und Ringen, Expertise und Ratlosigkeit, Aushandeln und Kompromisse, akribische Textarbeit und Verzweiflung an Geschäftsordnung und Technik. 

Es gab von außen Anfeuerung und fast verzweifelte Unterstützung, aber kaum minder Hass und Hetze, Absprechen des Katholischen, des Glaubens, der Liebe zur Kirche. Sie hatten viel auszuhalten und durchzustehen, die mehr als 200 Delegierten der Synodalversammlung. 

“Endlich vorbei!”

Und jetzt ist dieses große Kapitel vorbei. Manche sagen „endlich“ – aus ganz unterschiedlichen Gründen. Andere sprechen von „Staffelweitergabe“, weil ein neues Gremium das verstetigen soll, was als kirchliches Grundprinzip gesetzt ist: Synodalität.

Nach sechs Jahren, so ist es am Ende der letzten Synodalversammlung in Stuttgart immer wieder zu hören, reiche es aber auch mit der Selbstbeschäftigung der Kirche. Jetzt gelte es, nach außen wieder als relevant wahrgenommen zu werden – oder mit dem Titel des recht katholisch als „WegWort“ benannten Schlussdokuments formuliert: „Für eine Welt, die Zukunft hat – mit einer Kirche, die Hoffnung macht.“ 

„Die immer gleichen Diskussionen“

„Ende der Debatte.“ Was ausgerechnet die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken Minuten vor Toresschluss mit Blick auf drohende Änderungsanträge zu eben jenem „WegWort“ anordnete, es wirkte wie das eigentliche Schlusswort des sechsjährigen Synodalen Wegs. 

Einige, die man in Stuttgart fragte, gaben ihr Recht: „zu kleinteilige Diskussionen“, „zu großer Zeit- und Finanzaufwand“, „wenig professionell“, „die immer gleichen Debatten“. Manche zeigten sich genervt, ermüdet, andere aber auch wütend, frustriert, ratlos – wieder andere dankbar, begeistert, überwältigt. Es gab all das.

Einhalt und Murmelgruppen

Dabei begann die letzte Synodalversammlung wenig gesprächig, sondern mit viel Hören. Damit sind nicht nur die geistlichen Impulse namens „Einhalt“ und das aus der Weltsynode in Rom entlehnte geistliche Murmelgruppen-Format „Conversatio in spiritu“ („Gespräch im Geist“) gemeint, die viel Zeit einnahmen. 

Darüber hinaus galt es, dem Bericht des Präsidiums zu folgen, einer hochgradig komplizierten soziologischen Auswertung des „Prozessgeschehens“, schließlich dem Stand der Aufarbeitung und Aufklärung des sexuellen Missbrauchs sowie der Entwicklung einer Straf- und Verwaltungsgerichtsbarkeit. Aussprachen dazu erhielten wenig Zeit.

Große Empörungen

Dabei gehörte eben dies von Anfang an zum Geist des „Synodalen Weges“ und seinen Versammlungen: die kontroversen, oft sehr persönlichen Äußerungen der mehr als 200 Delegierten – seien es Bischöfe, Professoren, Verbandsmitglieder, Berufsgruppen oder „einfache Gläubige“. Jetzt in Stuttgart war davon erst am vorletzten der drei Tage etwas zu spüren, dafür mit entsprechender Vehemenz. 

Groß war die Empörung darüber, dass eine Erhebung dazu, wie die Beschlüsse der Synodalversammlung in den Bistümern umgesetzt wurden, ohne namentliche Nennung eben jener Bistümer erfolgte. Groß war die Empörung darüber, dass für die Wahl von Personen in der neuen Synodalkonferenz Frauen und junge Menschen auf Gutglauben benannt werden sollten – anstatt gerade ihnen mittels Quote Sitze zu garantieren. Und groß war die Empörung darüber, dass die erste Vorlage für ein Schlusswort zu viel Nabelschau betrieb, Geschlechtergerechtigkeit fehlte, Schuldzuweisungen zu stark, Verletzungen zu wenig benannt würden. 

„Knatschkatholische Frauen“

Tags darauf verbaten sich manche Bischöfe – so etwa ausgerechnet Kardinal Reinhard Marx, der erste Präsident des Synodalen Weges – ein „Hineinregieren“ durch eine „Ober-Instanz“ in seine bischöflichen Verantwortlichkeiten, genau das habe Rom moniert. War da was mit Synodalität? Mit Transparenz? Mit Rechenschaftspflicht? War es nicht exakt das, was Marx selber nicht nur als erster Präsident gefordert hatte?

Überhaupt, Rom, immer wieder Rom: So oft habe man nach Rom geschrieben, aber nie eine Antwort erhalten, beklagten manche, auch Synodal-Präsident Bischof Georg Bätzing. Schwester Katharina Kluitmann aus Münster platzte da der Kragen: „Briefe nicht zu beantworten – das ist Machtmissbrauch!“, erklärte sie. Und an den anwesenden Nuntius, Erzbischof Nikola Eterović gerichtet: „Sagen Sie es bitte dem Heiligen Vater weiter: Das geht so nicht, so gehen Menschen nicht miteinander um!“ Die „knatschkatholischen Frauen“ blieben weg, rief sie bebend, das seien keine sogenannten „linksversifften Gremienkatholikinnen! Wir haben keine Zeit mehr!”

Overbeck in Rom, immer wieder

Dabei berichtete Essens Bischof Franz-Josef Overbeck in Stuttgart auch von den verschiedenen Treffen deutscher Bischöfe mit Vatikan-Verantwortlichen, darunter der heutige Papst. Zudem sei er persönlich zu direkten Gesprächen mit Kurienverantwortlichen nach Rom gereist, um immer wieder Schritt für Schritt über die Entwicklung einer Satzung für die künftige Synodalkonferenz zu sprechen. 

Overbeck schilderte gute Erfahrungen. Bätzing verstand denn auch diese Gespräche als eine gewisse Antwort auf die deutschen Briefe, wenngleich auch Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin sich ihm gegenüber verwundert über das Ausbleiben einer vatikanischen Rückmeldung gezeigt habe.

Hinter römischen Kulissen

So jedenfalls erfuhren alle, dass seit der letzten Synodalversammlung einiges geschehen ist – hinter römischen Kulissen, aber ebenso im Synodalen Ausschuss, in dem gewissermaßen eine konzentrierte Essenz der Synodalversammlung und ihrer Berater den Synodalen Weg weitertrieben. 

Zudem: Viele Bischöfe, Generalvikare und andere Verantwortliche sind gewissermaßen dauerhaft mit jenen Themen beschäftigt, mit denen sich auch der Synodale Weg befasste – etwa im Bereich der Missbrauchs-Aufarbeitung. Die anderen Synodalen aber, die vielen anderen, die zuletzt 2023 zusammenkamen, sie hatten schlichtweg in vielem erst jetzt wieder näheren Kontakt zu diesem Projekt. 

Was also bleibt vom Synodalen Weg?

Das nennt man Ungleichzeitigkeiten, unterschiedliche Tempi, differenzierte Befasstheiten. Insofern verwundert es nicht, dass es vor allem bei ihnen Gesprächsbedarf gab – und deutlich weniger etwa bei den Bischöfen. Darum brauchte es Stuttgart, so zäh, langwierig und detailverliebt es mitunter war – und so anstrengend und überflüssig es sich für manche darstellte. Ein Schlusspunkt oder Doppelpunkt – jedenfalls eine 2023 beschlossene Sache.

Was also bleibt jetzt vom Synodalen Weg? 

Die Grenze der Synodalität

In der Abschlussveranstaltung wurde kurz vor Ende ziemlich frappierend klar: Auf pointierte Erwartungen von Laien-Delegierten reagieren manche Bischöfe – die am Ende nur mit 33 von 59 möglichen anwesend waren – allemal so emotional und gekränkt, wie ganz zu Beginn des Weges. Da stand auf einmal wieder die Anmaßung im Raum, ein synodales Gremium könne irgendwie in die Machtbefugnisse eines Diözesanbischofs hineinregieren. 

Das zeigte sehr deutlich: Die Grenze jeder Synodalität liegt im Amt der Hierarchie, konkret der Bischöfe. Diesen Anspruch hat auch der Vatikan bei aller Förderung von Synodalität bislang nicht in Frage gestellt. Es gibt wenig Anzeichen, dass sich an der Lehre der Kirche über das geistliche Amt etwas ändert.

Willkommen in der Wirklichkeit

Des weiteren: Bei allen Fortschritten hierzulande in Form von mehr Sensibilität für Geschlechtergerechtigkeit, für queere Menschen und für eine zeitgemäße und an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientierte Sexualmoral: Auch hier deutet nichts darauf hin, dass über Appelle gegen Diskriminierung hinaus die Lehre der Kirche verändert wird.

Insofern ist der Synodale Weg in Stuttgart endgültig in der römisch-katholischen Wirklichkeit angekommen, weil er die Unveränderlichkeit seiner eigenen Grenzen sechs Jahre nach seinem Beginn fanalgleich in der Schlussversammlung zu spüren bekommen hat. Synodale Gremien –übrigens ganz gleich, ob längst bewährt auf diözesanen Ebenen oder nun neu national – können beraten, abstimmen und empfehlen, aber in der Logik der Kirche natürlich nicht entscheiden. Das obliegt weiterhin dem Bischof für seine Diözese. Manche Bistümer leben diese Synodalität, manche Bischöfe – wie etwa Felix Genn – haben sich freiwillig an synodale Beschlüsse ihrer synodalen Gremien gebunden. Mehr aber konnte realistisch aus diesem Prozess nicht herausgeholt werden. Insofern hat er vieles Mögliche erreicht.

Wie war das noch am Anfang?

Ob das genügt angesichts der Ausgangssituation des Synodalen Wegs in Deutschland? Da ging es schließlich darum, systemische Begünstigungen sexuellen Missbrauchs abzustellen – und zugleich die hochgradig verloren gegangene Glaubwürdigkeit der Kirche wiederzuerlangen. Dem sollen nun in der Synodalkonferenz unter anderem von Laien und Bischöfen gemeinsam verabschiedete Positionierungen zu gesellschaftlich relevanten Themen dienen. 

Das ist löblich und nicht minder nötig. Doch warum sollte diese Gesellschaft auf einmal einer Organisation wieder mehr trauen und zutrauen, die weiterhin Geschlechtergerechtigkeit, Homosexualität, Machtkontrolle doktrinär ablehnt? Weil ja nun doch Laien und Bischöfe sich gemeinsam äußern? Das dürfte „draußen“ kaum interessieren, Kirche ist Kirche. 

Auch ein Fortschritt, aber …

Innerkirchlich freilich ist eine künftige Synodalkonferenz zweifellos ein Fortschritt, womöglich mit weltkirchlichem Pionierpotenzial. Ob wenigstens da Raum gut gemacht wurde für weitere Entwicklungen, auch das muss sich zeigen. 

Die anderen großen inhaltlichen Themen des Synodalen Wegs aber, für die es keine Anzeichen auf lehramtliche Weiterentwicklung gibt – wo werden sie künftig ihren Ort haben? Und wo die Enttäuschten, die Verletzten, die Betroffenen? Wo bleibt diese Wunde der Kirche erfahrbar? Und: Gibt es für sie keine Chance auf Heilung?

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