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Mario Zenari hat alles gesehen: Seit 2008 war er Papst-Botschafter in Damaskus. Wie er die Lage des Landes einschätzt.
Die anhaltende Abwanderung der Christen aus Syrien hinterlässt eine "schwere Wunde" in der Gesellschaft des Landes. Darauf weist Kardinal Mario Zenari (80) hin, bis Februar langjähriger Papst-Botschafter in Syrien. 80 Prozent der vor dem Bürgerkrieg dort lebenden 1,5 Millionen Christen hätten in den vergangenen 15 Jahren das Land verlassen, sagt Zenari der katholischen Nachrichtenagentur SIR.
"Leider bereiten sich weitere auf ihre Ausreise vor", so der Kardinal. Das sei umso schmerzlicher, als Christen als Vermittler zwischen den Gruppen der Gesellschaft dienen könnten.
Aufruf zur Einheit
Syrien sei nach wie vor ein verwüstetes Land, das um nationale Einheit ringe. "Die wichtigsten Gruppen - Sunniten, Kurden, Alawiten, Drusen, Christen - müssen wieder zu einem Zusammenhalt finden", sagt Zenari. Die politische und teilweise wirtschaftliche Unterstützung durch die internationale Gemeinschaft mache Hoffnung.
Nach dem Sturz des Assad-Regimes ist eine islamistische Übergangsregierung an der Macht. "Der neue Kurs wird auch deshalb unterstützt, weil die Alternative Chaos wäre", erklärt Zenari. "Syrien braucht dringend Strom, Krankenhäuser, Schulen und Fabriken. Entwicklung bleibt der sicherste Weg zum Frieden."
Nuntius im Bürgerkrieg
Der Kardinal war seit Ende 2008 Papst-Botschafter in Damaskus und harrte auch in den Bürgerkriegsjahren aus. Im Dezember 2024 beobachtete der Italiener den Sturz der Regierung von Bashar al-Assad und die neue Führung unter Ahmad al-Shara. Anfang Februar gab der Vatikan bekannt, Leo XIV. habe Zenaris altersbedingtes Rücktrittsgesuch als Nuntius angenommen.
Er trage aus den Jahren in Damaskus die Namen und Gesichter vieler Menschen im Herzen, schildert er. “Die Gesichter leidender Kinder, deren Gliedmaßen durch Granatsplitter amputiert wurden; die Namen der Verschwundenen wie die beiden orthodoxen Metropoliten von Aleppo, Yohanna Ibrahim und Boulos Yazigi, unseres lieben Pater Paolo Dall'Oglio und anderer Priester; und viele Menschen, mit deren Familien ich noch immer in Kontakt stehe.”