Helfern geht es um Würde der Menschen

Tafel in Coesfeld bietet mehr als volle Einkaufskörbe

Es geht wieder zum Hintereingang des Supermarkts, zur Laderampe. Dorthin, wo eigentlich neue und frische Ware angeliefert wird. Der Kühlwagen von Peter Hamm und Willi Grevelhörster bringt nichts. Sie kommen, um das zu holen, was nicht mehr gebraucht wird. Zumindest nicht mehr in den Regalen des Geschäfts.

Aber es gibt nicht wenige, die genau diese Dinge benötigen. Weil sie sonst kaum etwas hätten. Die beiden Rentner helfen gern dabei, um diese Ware und diese Menschen zusammenzubringen.

„Mir kommen manchmal die Tränen“

Peter Hamm (links) und Willi Grevelhörster entladen den Transporter. | Foto: Michael Bönte
Peter Hamm (links) und Willi Grevelhörster entladen den Transporter. | Foto: Michael Bönte

„Wenn ich die Geschichte der Menschen höre, die sich das Essen aus der Tafel holen, kommen mir manchmal die Tränen“, sagt Grevelhörster. Er ist seit elf Jahren ehrenamtlich für die Coesfelder Tafel im Einsatz, sein Beifahrer seit sechs. Es ist heute bereits die zweite Tour für sie. Am Morgen haben sie einige Bäcker und Kleingeschäfte in der Umgebung abgefahren. Jetzt stehen die großen Lebensmittelmärkte an.

Dort stehen die Kisten zumeist schon bereit. Obst und Gemüse ist dabei, Milchprodukte, Backwaren, Süßigkeiten und Getränke. „Eigentlich alles aus dem riesigen Sortiment“, sagt Hamm und verstaut einen Eimer mit Blumen zwischen einer Tomatenkiste und einem Kartoffelsack. Nach drei Märkten ist der Lieferwagen gut gefüllt. Es geht zurück zur Tafel.

Es riecht nach Melonen und Zwiebeln

Dort steht die Doppeltür eines ehemaligen Kindergartens schon offen. Nicht die, durch die die Kunden kommen. Sondern jene, hinter der ein Dutzend Freiwillige warten, um die Ware zur sortieren. Die Tische und Kühlkammern sind bereits voll von den Touren anderer Helfer.

Melonen-, Zwiebeln- und Bananen-Geruch vermischen sich. Aus dem Radio klingt Musik aus dem Titanic-Film: „My heart will go on ...“

„Deutschland hat mir geholfen, jetzt will ich Deutschland helfen“

Eine Mitarbeiterin sortiert Brot und Brötchen. | Foto: Michael Bönte
Eine Mitarbeiterin sortiert Brot und Brötchen. | Foto: Michael Bönte

Sie sind hier alle mit dem Herzen bei der Sache. Insgesamt 100 Ehrenamtliche und etwa 25 Mini-Jobber. Jene Helfer, die sich neben den Hartz-IV-Geldern eine Kleinigkeit dazu verdienen. Wie Ismael Talal, der vor wenigen Jahren als Flüchtling aus dem Irak kam. „Deutschland hat mir geholfen, jetzt will ich Deutschland helfen“, sagt der 58-Jährige.

Nicht wenige hier haben selbst einen Weg hinter sich, der irgendwann einmal einen Bruch hatte. Flucht, Krankheit und Obdachlosigkeit gehören zu den Lebensgeschichten.

Am Vormittag türmen sich hier die Lebensmittel-Berge

„Irgendwie sind alle hier durch ihr eigenes Trainingslager des Lebens gegangen“, sagt Hildegard Sonnenschein, Vorsitzende der Tafel in Coesfeld. „Und sie sind damit zu unserem wichtigsten Kapital geworden.“ Weil sie sich einfühlen können in die Situation der Kunden. Einige Mini-Jobber sind später als Freiwillige dabei geblieben.

Jede helfende Hand wird in der Sortierung gebraucht. Hier schlägt das Herz der Tafel. Zwei Mal in der Woche fahren die drei Kühlwagen und einige Privatwagen hinaus. Am späten Vormittag türmen sich die Lebensmittel-Berge. Ganze Paletten Pudding-Becher, ein Karton mit hunderten Chips-Tüten oder säckeweise Wurstwaren gehören dazu. Weil die Tüten beschädigt sind, weil einzelne Teil in großen Verpackungseinheiten das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten haben, weil falsch etikettiert wurde. „Eine kaum zu ertragene Verschwendung“, sagt Sonnenschein.

„Will ich das selbst noch essen?“

Nichts von der Ware kommt einfach so zu den Kunden. Alles wird genau geprüft. „Will ich das selbst noch essen?“, ist die Grundidee bei der Prüfung der Ware. Viele Hände sind es jetzt, die Früchte drehen. Es wird gerochen, auch gekostet. In einer Joghurt-Palette haben sich einige Deckel gewölbt. Die Kühlkette hat hier nicht funktioniert. Es wird aussortiert. Was nicht in die Regale kommt, kommt zur Biogasanlage oder zum Recycling-Hof.

Es geht auf 13 Uhr zu. In einer halben Stunde werden die ersten Kunden kommen. Immer dienstags und donnerstags. Es wurden Zeitfenster eingerichtet. Wer seine Bedürftigkeit nachgewiesen hat, bekommt eine Karte, wann seine Tafel-Stunde ist. Damit es kein Gedränge gibt.

„Es geht um die Achtung jedes einzelnen Menschen“

Die Kunden dürfen sich ihre Körbe nach ihren Vorstellungen füllen. | Foto: Michael Bönte
Die Kunden dürfen sich ihre Körbe nach ihren Vorstellungen füllen. | Foto: Michael Bönte

„Das hat auch etwas mit Würde zu tun“, sagt Sonnenschein. „Das kleine Gespräch, ein wenig zuhören oder auch einfach nur das Aushalten ihrer Eigenarten sind genau so viel wert wie die Lebensmitteltüten, die sie mit nach Hause nehmen.“ Die Helfer zwischen der Theke und den hohen Regalen fragen nach Befindlichkeiten, nach der Situation daheim oder nach den Ereignissen des vergangenen Wochenendes. Und natürlich nach den Essenswünschen. „Du bist Muslim, aber das ist Schweinefleisch“, ist zu hören. Oder: „Hast du irgendeine Unverträglichkeit oder Allergie?“

Für Sonnenschein ist es wichtig, dass die Menschen hier nicht fertig gepackte Kisten abholen, sondern sich von den Milchprodukten über Obst, Gemüse und Fleischwaren bis zur Brot-Theke bewegen, um ihre Körbe selbstbestimmt füllen zu lassen. „Denn es geht hier nicht nur ums Geld, sondern auch um die Achtung jedes einzelnen Menschen.“
Wenngleich es nicht wenig ist, was die Menschen hier einsparen können.

Anfeindungen gegen Tafeln

Eine Kiste ist schnell mit Lebensmitteln im Wert von 80 Euro gefüllt. Geld, das die etwa 200 Kunden am Tag für andere Grundbedürfnisse verwenden können, sagt Sonnenschein: „Sicher geht jeder da anders mit um, aber für viele bedeutet diese Einsparung eine Chance in anderen Bereichen wieder mehr am Leben teilhaben zu können.“

Die Kisten der Kunden füllen sich nach und nach. | Foto: Michael Bönte
Die Kisten der Kunden füllen sich nach und nach. | Foto: Michael Bönte

Alle in der Tafel kennen die Anfeindungen, dass ihre Hilfe nur ein System aus Faulheit und Gier unterstütze. „Wir festigen mit unserer Arbeit keine solchen Strukturen“, sagt Sonnenschein. „Wir setzen der gesellschaftlichen Entwicklung der Ignoranz und Gleichgültigkeit aber etwas entgegen.“ Das gelte für den Umgang mit den Lebensmitteln genauso wie für den Umgang mit den Bedürftigen. Und nicht zuletzt auch im Umgang mit den Mitarbeitern. „Wir haben hier eine kleine eigene Welt geschaffen, in der Dinge wie Wertschätzung, Nachhaltigkeit und Zuwendung eine ganz andere Rolle spielen als in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen.“

„Weit mehr wert als das Geld für Lebensmittel“

Peter Hamm und Willi Grevelhörster haben ihren Kühlwagen bereits abgestellt, als sich die Schlange der Kunden an der Theke entlang schiebt. Dass diese Menschen etwas umsonst in den Korb gelegt bekommen, für das sie selbst am Nachmittag vielleicht im Supermarkt einiges zahlen werden, ist kein Grund für die beiden Rentner, an ihrem Einsatz zu zweifeln. „So habe ich noch nie gedacht“, sagt Grevelhörster. „Ich habe das Schicksal dieser Menschen nie selbst erfahren müssen – das ist für mich weit mehr wert als das Geld für meine Lebensmittel.“

Die Coesfelder Tafel
Die Grundidee der Coesfelder Tafel ist es, qualitativ einwandfreie Nahrungsmittel, die im Wirtschaftsprozess nicht mehr verwendet werden können, an die Tafel-Kunden abzugeben. Dabei gilt, dass die gesamte Arbeit der Tafel ehrenamtlich geleistet wird. Es gibt derzeit sechs Fahrer-Teams, denen drei Kühlwagen und mehrere Privatwagen zu Verfügung stehen. In den fünf Innendienst-Teams arbeiten mehr als 100 Mitarbeitern. In einer Woche werden etwa fünf Tonnen Lebensmittel verarbeitet und bis zu 500 Kunden zur Verfügung gestellt. Bei einem Überangebot bestehen Kooperationen mit anderen Tafeln. Alle Kosten werden durch Spenden und Sponsoren-Gelder gedeckt. Warenangebote der Tafel dürfen die Helfer nicht für eigene private Zwecke verwenden.
Die Coesfelder Tafel wurde 2005 gegründet und beachtet die Grundsätze des Bundesverbands Deutsche Tafeln. Deutschlandweit entwickeln sich diese Angebote seit 1993. Derzeit gibt es etwa 900 Tafeln. Die Träger sind unterschiedlich, etwa Wohlfahrtsverbände oder lokale Initiativen.