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Was braucht es, um Ost und West zu vereinen? Weit mehr, als die wirtschaftlichen Kennziffern, erklärt Weihbischof Wilfried Theising.
35 Jahre Deutsche Einheit – sie gilt als Glücksfall der Geschichte. 1989 brachten keine Panzer die Wende, sondern vor allem Kerzen und Gebete. Dass ein Unrechtsstaat durch friedlichen Protest zerbrach, ist bis heute ein Wunder. Christinnen und Christen spielten dabei eine entscheidende Rolle. Ihr Zeugnis damals: Einheit ist mehr als ein politischer Akt – sie ist ein prophetisches Versprechen von Freiheit, Würde und Gerechtigkeit.
Doch die Bilanz nach 35 Jahren ist ambivalent. Vereint sind wir – aber sind wir auch versöhnt? Ökonomisch bestehen Unterschiede fort, Abwanderung und Frust prägen weite Regionen im Osten. Nicht wenige erleben sich bis heute als „Bürger zweiter Klasse“. Der gesellschaftliche Ton ist schärfer geworden, Populismus gedeiht und nicht selten speist er sich aus dem Gefühl, übergangen worden zu sein. Eine offene Wunde, die auch die Kirchen nicht heilen konnten.
Ein Prozess, der Versöhnung einschließt
Sie haben nach 1990 eine doppelte Aufgabe übernommen: die Menschen im Osten zu begleiten, die in Freiheit und Demokratie oft Orientierung suchten, und Brücken zwischen Ost und West zu bauen. Kirchliche Gemeinden eröffneten Räume des Austauschs, förderten soziale Projekte und gaben Halt in der Umbruchzeit. Dennoch haben die Kirchen im Osten – und nicht nur dort – an Kraft verloren. Heute kämpfen sie um Sichtbarkeit in einem Umfeld, das zu den religionsfernsten Europas zählt. Das wirft Fragen auf: Hätten die Kirchen mutiger experimentieren, stärker zuhören, konsequenter auf die Lebenswirklichkeiten eingehen müssen? Haben sie Chancen verspielt, aus einer Minderheitensituation eine kreative Kraft zu entwickeln?
Eine sichere Erkenntnis ist, dass Einheit nicht auf ökonomische Kennziffern reduziert werden darf. Sie ist ein Prozess, der Versöhnung einschließt – Versöhnung mit der eigenen Geschichte, den Brüchen in den Biografien, den unterschiedlichen Realitäten in Ost und West. Ohne eine aufrichtige Auseinandersetzung bleibt die Einheit unvollendet.
Auch die Kirchen sind weiterhin gefragt
Der Autor:
Wilfried Theising ist Weihbischof im Bistum Münster und Offizial für den Offizialatsbezirk Oldenburg.
Nach 35 Jahren müssen wir ehrlich fragen: Sind wir bloß äußerlich zusammengekommen oder sind wir auch innerlich zusammengewachsen? Dankbar können wir feiern, dass Frieden, Freiheit und Demokratie – wenn auch fragil – Bestand haben.
Aber kritisch bleibt festzuhalten, dass Versöhnung nicht selbstverständlich, sondern eine bleibende Aufgabe ist. Einheit ist erreicht – Versöhnung bleibt Ziel. Diese Aufgabe gilt nicht nur den Kirchen, sie betrifft alle und macht deutlich: Versöhnung muss aktiv gestaltet, gelebt und immer wieder neu gesucht werden.
In unseren Gastkommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.