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2020 starben 1.581 Menschen am „harten“ Drogenkonsum

Tag der Drogentoten: Ordensfrau fordert Solidarität mit Abhängigen

  • Im vergangenen Jahr starben nach offiziellen Angaben 1.581 Menschen am Drogenkonsum.
  • Mitarbeitende der Drogenhilfe und Angehörige begehen am 21. Juli einen Gedenktag der Drogentoten.
  • Gastkirche in Recklinghausen bereitet Wortgottesdienst „auf der Platte“ am Recklinghäuser Bahnhof vor.
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Der „Tag der Drogentoten“ macht auf die schwierige soziale Situation von Drogenabhängigen und auf die Lücken in der Drogenpolitik aufmerksam. Begangen wird er jährlich seit 1998 am 21. Juli und ist weit über die Grenzen von Deutschland hinaus bekannt. Die Mutter eines Drogentoten aus Gladbeck hatte diesen Gedenktag ins Leben gerufen. Auch in der Nachbarstadt Recklinghausen wird dieses Gedenken bewahrt.

Bundesweit lag die Zahl am Drogenkonsum verstorbenen Menschen für das Jahr 2020 bei 1.581. „Drogentote werden offiziell statistisch von der Polizei erfasst“, sagt Peter Appelhoff von der Drogenhilfe Recklinghausen und Ostvest.

Gottesdienst am Treffpunkt der Drogenabhängigen

Allein im Kreis Recklinghausen sterben jährlich etwa fünf bis zehn Menschen am Drogenkonsum. Appelhoff schätzt die Zahl der Konsumenten „harter Drogen“ im Kreis Recklinghausen auf rund 3.000.

Zusammen mit der Gastkirche Recklinghausen feiert die Drogenhilfe am Gedenktag um 11 Uhr einen Gottesdienst „auf der Platte“ am Bahnhof. Zu der Gedenkfeier sind neben den betroffenen Angehörigen auch alle eingeladen, die sich solidarisch zeigen möchten.

Drogentod wühlt emotional auf

Die Drogenhilfe rechnet mit 20 bis 30 Teilnehmenden bei dem Gottesdienst. „Einige kommen von außerhalb extra zu diesem Termin. Andere meiden ihn, weil sie nicht auffallen möchten“, sagt Appelhoff. Die so genannte offene Drogenszene in Recklinghausen bestehe aus 60 bis 70 Menschen. „Auch für sie ist der Drogentod ein Einschnitt. Er wühlt emotional auf.“

Das Gedenken bereitet Ordensschwester Judith Kohorst vor. Sie ist Pastoralreferentin an der Gastkirche. „Es ist ein Gottesdienst, in dem auch die zu Wort kommen sollen, die einen Kumpel, eine Freundin durch Drogen verloren haben“, sagt sie.

Leben abseits der Gesellschaft

Es werde ein Gottesdienst sein, in dem Mitarbeitende der Drogenberatungsstelle und der Gastkirche, Betroffene und Angehörige von Drogentoten „gemeinsam diejenigen vor Gott bringen, die im Leben und im Sterben von der Gesellschaft oft genug ins Abseits gedrängt und vergessen wurden“. Für alle Verstorbenen werde eine Kerze angezündet.

Jeder Drogentote sei einer zu viel, sagt die Ordensschwester: „Viele Drogentote würden noch leben, wenn die Lebensbedingungen für sie besser wären.“ In Recklinghausen gebe es zum Beispiel immer noch keinen „Druckraum“, also einen Raum, in dem Süchtige unter hygienischen und menschenwürdigen Bedingungen konsumieren können und dabei fachlich begleitet werden.

Jeder Drogengebrauch hat eine Geschichte

Schwester Judith Kohorst
Schwester Judith Kohorst von den Lüdinghauser Franziskanerinnen arbeitet an der Gastkirche in Recklinghausen. | Foto: pd

„Die Gesellschaft und sicher auch die Kirchen neigen immer noch dazu, das Problem der Drogen weit zu verdrängen und zu vergessen, dass jeder Drogengebrauch eine Geschichte hat“, sagt Schwester Judith. Darum sei so ein Gedenktag sehr wichtig.

Das Gedenken rücke die Menschen ins Licht, die sonst im Schatten vergessen würden. „Menschen, die Drogen gebrauchen, müssen oft genug erfahren, dass sie unerwünscht sind. An Drogen kann man sterben, aber vielleicht sterben noch mehr Menschen an der Ausgrenzung, die sie erfahren“, sagt Schwester Judith.

Ein Schandfleck im Stadtbild

Sie erzählt von einem Gespräch: Ein Betroffener habe ihr einmal erzählt, man habe ihn des Platzes verwiesen mit der Begründung, er würde einfach durch seinen Aufenthalt auf diesem Platz das Stadtbild verschandeln. Der Betroffene habe sie damals gefragt: „Wie kann denn ein Mensch, also ein Mensch das Stadtbild verschandeln?“

Die Gastkirche Recklinghausen hilft Drogenabhängigen seit Jahrzehnten. „In unserem Gasthaus sind alle willkommen, ob drogensüchtig oder nicht.“ Und natürlich gibt es dort handfeste Hilfe: Vom Kaffee und der warmen Mahlzeit bis zur Dusche, von der frischen Kleidung bis zum Schlafsack.

Gastkirche hilft unbürokratisch

Der Sozialarbeiter Karsten Suchanecki hilft bei Anträgen und Behördengängen, berät bei Schulden und Wohnungssuche. Auch ärztliche Beratung gehört zu den Hilfen der Gastkirche. „Nicht zuletzt setzen wir uns zusammen mit der Drogenberatungsstelle auch politisch für eine Verbesserung der Lebenssituation von Betroffenen ein“, sagt die Franziskanerin.

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