Die Kirchen-Sprache ist oft abgehoben und kompliziert. Sonja Hillebrand hat Psalmen in Leichte Sprache übersetzt. Sie sagt, was helfen könnte.
Frau Hillebrand, gibt es so etwas wie eine „typisch kirchliche“ Sprache und warum ist das zum Problem geworden?
Die Besonderheit kirchlicher Sprache liegt darin, dass sie sich mit etwas auseinandersetzt, das außerhalb unserer messbaren Wirklichkeit liegt: Gott. Kirchliche Sprache ist darum darauf angewiesen, in Metaphern zu sprechen, um den Menschen einen Zugang zu Gott zu ermöglichen. Mitunter können wir beobachten, dass die verwendeten Metaphern nichts mehr mit der Lebenswirklichkeit der Menschen zu tun haben. Begründet wird die Verwendung der alten Sprachbilder mit Verweis auf die Tradition und die tiefe Bedeutung der Metaphern. Da aber nur noch die Wenigsten diese Bedeutung kennen, entsteht der Eindruck, als würden sich die Redenden hinter allgemeinen Phrasen und Floskeln verstecken.
Fallen Ihnen typische Phrasen, Floskeln oder Worthülsen ein?
Ein sehr gutes Beispiel für typisch kirchliche Sprache ist das Tagesgebet, das in jeder Eucharistiefeier vor den biblischen Lesungen gebetet wird. Keine Frage: Das sind großartige Gebete, die in verdichteter Form tiefe, theologische Botschaften enthalten – aber kaum jemand versteht sie heute noch. Da lesen wir Ausdrücke wie: „Durch die Wiedergeburt in der Taufe hast du uns gerecht gemacht.“ Solche Formulierungen setzen voraus, dass die Hörenden mit den kirchlichen Traditionen vertraut sind – was heute jedoch nur noch die wenigsten sind.
Ich freue mich immer dann, wenn die Menschen, die über unseren Glauben sprechen, sich nicht verstecken, wenn sie genau wissen, was sie sagen wollen und unsere Frohe Botschaft voll auf den Punkt ins Wort bringen.
Warum könnte mehr Leichte Sprache der Kirche helfen, dass kirchliches Sprechen über Gott und Glaube für alle – nicht nur für Menschen mit Beeinträchtigung oder geringen Sprachkenntnissen – wieder verständlicher und ansprechender wird?
Leichte Sprache wurde ursprünglich konzipiert, um Informationen für Menschen mit Beeinträchtigung oder geringen Sprachkenntnissen zugänglich zu machen. In der Forschung gibt es inzwischen jedoch Ansätze, die Leichte Sprache unter anderem über die jeweilige Zielgruppe definiert. Als Übersetzerin habe ich also immer die jeweilige Zielgruppe im Blick und ich stelle mir die Frage: Was brauchen die Menschen, für die ich schreibe, um meinen Text zu verstehen?
Zwei Eigenschaften Leichter Sprache hindern mich daran, in Worthülsen abzudriften: Zum einen handelt es sich um eine sehr reduzierte Sprachform. Für Floskeln und leere Phrasen ist dort kein Platz. Als Übersetzerin muss ich genau wissen, was ich sagen möchte und bin gezwungen, dies einfach und mit wenigen Worten auszudrücken. Auf der anderen Seite lebt Leichte Sprache in der Praxis von einem Feedback der Zielgruppe: Was meine Rezipienten nicht verstehen, darf ich nicht schreiben.
Was müsste geschehen, etwa in der Aus- und Fortbildung von Seelsorgerinnen und Seelsorgern, um das umzusetzen?
Ich glaube, zunächst braucht es ein stetiges Üben darin, dass Sprache und Zielgruppe zusammenpassen, wenn wir nicht Gefahr laufen wollen, dass uns irgendwann niemand mehr versteht. Meines Erachtens lebt Leichte Sprache vor allem aus Erfahrungen. Klar, als Übersetzerin benötige ich gewisse Grundkenntnisse darüber, was Sprache schwer und was Sprache leicht macht, aber was im seelsorglichen Alltag möglich ist und was nicht, lerne ich vor allem über praktische Erfahrungen.
Das Übersetzen von Texten in Leichte Sprache erfordert in jedem Fall eine intensive Vorarbeit: Ich muss sowohl die theologische Intention meines Textes als auch die Zielgruppe sehr genau kennen, um beides aufeinander abstimmen zu können.
Mit dem Katholischen Bibelwerk haben wir eine Institution, die seit 2013 mit verschiedenen Kooperationspartnern und ehrenamtlicher Unterstützung Bibeltexte in Leichte Sprache übersetzt und online zur Verfügung stellt (https://www.bibel-leichte-sprache.de/). In der Praxis werden diese Texte häufig in Gottesdiensten oder im Religionsunterricht verwendet. Natürlich sind diese Texte nicht speziell für die Zielgruppe „Pfarrei“ oder „Schule“ verfasst worden, aber sie bieten eine erste Anlaufstelle, um mal mit Leichter Sprache zu experimentieren. Wer selbst Texte verfassen möchte, findet ebenfalls im Bibelwerk eine Anlaufstelle, da hier in unregelmäßigen Abständen Fortbildungen angeboten werden.
Kann man alle grundlegenden theologischen Begriffe in Leichte Sprache übersetzen?
Ich sehe zunächst einmal keine generellen Grenzen, da ich nicht jeden theologischen Begriff übersetzen muss. In erster Linie werden Texte für Gottesdienste und Gebete in Leichte Sprache übersetzt. Die religiöse Sprache verfolgt in diesen Kontexten nicht nur das Ziel, Informationen zu vermitteln, sondern auch, eine spirituelle Atmosphäre zu schaffen. Dabei ist es nicht notwendig, jedes Wort genau zu verstehen.
Ein Beispiel: Das Wort „Halleluja“ ist im Deutschen ein Fremdwort. In der Leichten Sprache müsste es durch ein anderes Wort ersetzt werden. Im Gottesdienst jedoch hat „Halleluja“ eine feste Bedeutung: Es drückt Lobpreis und Freude über Gottes Gegenwart aus, etwa vor dem Evangelium oder in Psalmengebeten. Fragen Sie einmal einen durchschnittlichen Gottesdienstbesucher, was genau „Halleluja“ bedeutet. Kaum jemand wird Ihnen das sagen können. Die Atmosphäre jedoch, die mit diesem Begriff verbunden ist, können die meisten Menschen in irgendeiner Form beschreiben. Meine Aufgabe bei der Übersetzung in Leichte Sprache sehe ich darin, diese Atmosphäre herauszuarbeiten. Deshalb habe ich „Halleluja“ zum Beispiel so übersetzt: Ich lobe Gott. Ich singe Halleluja. Ich freue mich über Gott.
Das Bistum Münster ist zum Beispiel am Projekt „LeiGoLo“, das Gotteslob in Leichter Sprache beteiligt. Wie gut ist das Bistum Münster im Vergleich zu anderen Diözesen da unterwegs?
Das Bistum Münster ist im Vergleich mit anderen Diözesen sehr gut aufgestellt, wenn es um Leichte Sprache geht. Das liegt vor allem am Engagement der Menschen, die auf diözesaner Ebene für die Seelsorge für Menschen mit Behinderung zuständig sind. Mit Martin Merkens haben wir im Bistum Münster jemanden, der großen Wert auf Leichte Sprache legt, um allen Menschen gleichermaßen den Zugang zum Glauben zu ermöglichen. Trotzdem gibt es noch viel Luft nach oben. Wir müssen immer mehr darauf hinarbeiten, Gebete, Bibeltexte und liturgische Elemente in vereinfachten Sprachformen anzubieten, um den Bezug zum Leben der Menschen nicht zu verlieren.
Sonja Hillebrand (44) ist als Theologin zuständig für das Mentorat an der Universität Vechta, die Begleitung der Katholischen Öffentlichen Büchereien im Offizialatsbezirk Oldenburg und dort auch für die Unterstützung der Pfarreien in der Kirchenentwicklung. Im Dezember erscheint ihre Doktorarbeit als Buch unter dem Titel „Ist Gott größer als der Himmel? Die Herausforderung einer Psalmenübersetzung in Leichte Sprache am Beispiel von Ps 113.“ Außerdem arbeitet sie ehrenamtlich als Übersetzerin für das Projekt „Altes Testament in Leichter Sprache“ des Katholischen Bibelwerks.