KIRCHE+LEBEN-INTERVIEW

Religiöser Aufbruch? Wie ein Theologe die französischen Taufzahlen deutet

Anzeige

Christian Bauer aus Münster über die Identitätssuche junger Menschen, die Möglichkeit eines Vibe-Shifts und Anfragen an die deutsche Kirche.

Herr Professor Bauer, die französischen Taufzahlen sorgen derzeit wieder für Aufsehen. „Quiet Revival“ oder Strohfeuer, was ist Ihr Eindruck?

Es scheint mir weniger als ein nachhaltiges Revival, aber auch mehr als ein kurzfristiges Strohfeuer zu sein. Vielmehr ist es so, dass in der französischen Gesellschaft schon seit Generationen viele institutionelle Mauern längst eingestürzt sind, die bei uns noch mit großem Kraftaufwand aufrechterhalten werden. Vielleicht kann man es so sagen: Die französische Kirche feiert gerade sehr begrenzt, aber doch auch sehr real ‚Auferstehung in Ruinen‘. Und für viele der Neugetauften gilt, was Kardinal Jean-Marc Aveline, der kluge Vorsitzende der französischen Bischofskonferenz, gesagt hat: Es gibt ältere Katholik:innen, die kennen die Kirche, haben aber Jesus noch nicht entdeckt. Und dann gibt es aber auch vermehrt neue Katholik:innen, die haben Jesus entdeckt – aber sie kennen die Kirche noch nicht. Was werden sie dort wohl finden?

Der Religionssoziologe Edgar Wunder kritisierte zuletzt, dass die Taufquote und nicht die absolute Zahl an Taufen maßgeblich sei. Steht Deutschland am Ende sogar besser da?

Das ist von den reinen Zahlen her sicherlich so. In Deutschland ist die Taufquote auf sinkendem Niveau signifikant höher als in Frankreich. Dort scheint jedoch ein Level erreicht, von dem aus es nur noch aufwärts gehen kann. Da fallen dann auch vergleichsweise kleine Steigerungen ziemlich ins Gewicht. Die Situationen sind schon sehr unterschiedlich: nicht nur innerhalb Deutschlands, sondern auch zwischen unseren Ländern. Eine französische Katholikin hat mir einmal gesagt: „Aus der deutschen Kirche kann man austreten, in unsere Kirche muss man überhaupt erst einmal eintreten.“ Viel wichtiger als die empirischen Zahlen ist dabei das sich in Frankreich gerade wandelnde Kirchengefühl: weg von einer still vor sich hinsterbenden Gemeinschaft, hin zu einer allmählich wachsenden. Da dreht sich was – ein sich möglicherweise ankündigender Vibe-Shift.

Warum ist die katholische Kirche für einige junge Menschen in Frankreich so attraktiv? Tradition, Stabilität, die Sehnsucht nach dem vermeintlich Alten? Verwechseln einige möglicherweise ihre politische Haltung mit Glauben?

Es steht mir nicht zu, das zu beurteilen, denn ich kann diesen neuen Katholik:innen ja nicht ins Herz schauen. Da bräuchte es gründliche qualitativ-empirische Untersuchungen über die Motive der Neugetauften. Was man aber sagen kann: Die offenkundige Suche junger Menschen in Frankreich, Deutschland und anderswo nach einer tragfähigen Identität im Leben darf man nicht dem identitären Kirchenrand überlassen – und schon gar nicht den erstarkenden rechtsextremen Rattenfängern in der Politik. Sie müssen vor Ort ein kraftvolles, aber offenes Christentum erleben können. Wir brauchen attraktive Orte des gelebten Evangeliums, an denen man ohne jedes Gefühl der Peinlichkeit auch den eigenen nichtreligiösen Freund:innen sagen kann: Komm und sieh!

Welche Rolle spielen das Internet und sogenannte Christfluencer für die Taufzahlen? Was tragen charismatische oder traditionalistische Gruppierungen dazu bei?

Dazu kenne ich keine konkreten Zahlen. Ich kann nur vermuten, dass sie in der aktuellen Konjunktur rechtsidentitärer Lebensmodelle bestimmte gesellschaftliche Mindsets besser bedienen als ein skeptisches, aber eben auch nicht autoritäres und klerikales, misogynes und homophobes Christentum, das man in den USA mit dem schönen Begriff „middle-of-the-road-Catholicism“ bezeichnet. Viel spannender scheint mir, die existenziellen Fragen vieler junger Leute in einer verunsicherten Welt zu hören, auf welche die rechtskatholischen Christfluencer und Katholikalen eine theologisch falsche Antwort geben. 

Wie nachhaltig ist ein solcher Glaube? In Deutschland hört man häufig, dass diese Leute nicht in den Gemeinden auftauchen. Warum ist das so und wie holt man sie dorthin?

Es scheint eine Art ‚Drehtüreffekt‘ zu geben – aber auch da gibt es bislang noch keine belastbaren Zahlen. Und sicherlich ist die Zugehörigkeit zum Pfarrmilieu kein absoluter Gradmesser für die gelebte Nachfolge Jesu. Es gibt längst auch noch ganz andere Formen von christlicher Gemeindlichkeit. Für unsere klassischen Pfarrgemeinden, denen ich durchaus noch viel pastorale Zukunftsfähigkeit zutraue, gilt die mittlerweile schon etwas ältere, aber noch immer zutreffende Frage des ehemaligen Erfurter Bischofs Joachim Wanke: Wollen wir überhaupt wachsen? Wollen wir neue Katholik:innen mit neuen Fragen, die unsere vertrauten Kreise stören?

Welche Verantwortung kommt Medien bei der Berichterstattung über die Taufzahlen zu? Was bewirken unkritische Berichte oder sogar bewusst gestreute Gerüchte?

Naja – es fällt schon auf, dass es vor allem konservative Medien sind, die auch hierzulande einen ‚Taufboom‘ herbeireden und damit insgeheim vor allem sagen wollen, dass der ‚altliberale‘ Mainstream der Maß-und-Mitte-Christ:innen, die mein evangelischer Kollege Kristian Fechtner in der eigenen Konfession als „mild religiös“ bezeichnet, abgewirtschaftet hat – während klarer profilierten Formen von Kirchlichkeit angeblich die Zukunft gehört. Demgegenüber wären andere Narrative eines missionarischen, das heißt zur Welt hin offenen Christentums zu sammeln und weiterzuerzählen, das unter Evangelisierung vor allem eine kirchliche Selbstbekehrung – und keine gesellschaftliche Fremdbekehrung – versteht, welche die Lebenskraft des Evangeliums Jesu glaubwürdig bezeugt. Diese Rückkehr zum nachkonziliaren Evangelisierungsbegriff Pauls VI. ist etwas ganz anderes als die von kirchlichen Konservativen seit Johannes Paul II. propagierte Neuevangelisierung!

Anzeige

Komplet - der Abend-Newsletter von Kirche+Leben

JETZT KOSTENLOS ANMELDEN



Mit Ihrer Anmeldung nehmen Sie die Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis.