Zur kritischen Reflektion islamischer Verhältnisse

Theologe Khorchide fordert „Jahr der Barmherzigkeit“ für Muslime

Der islamische Theologe Mouhanad Khorchide fordert in Anlehnung an Papst Franziskus ein Jahr der Barmherzigkeit für Muslime. „Die Muslime benötigen ein Jahr der Barmherzigkeit, um einerseits selbst die innerislamischen Verhältnisse kritisch zu reflektieren und andererseits die nichtislamische Welt einzuladen, sich gemeinsam an einen Tisch der Barmherzigkeit zu setzen, um unsere gemeinsame Verantwortung für eine barmherzige Welt ernsthaft und aufrichtig anzugehen“, schreibt er in einem Gastbeitrag für die „Zeit“-Beilage „Christ & Welt“ (Donnerstag).

Für viele Menschen klinge dies „angesichts der vielen Terrormeldungen im Namen des Islam absurd“, so der Münsteraner Religionspädagoge weiter. Der Koran betone die Barmherzigkeit jedoch „wie kein anderes heiliges Buch“. Dennoch, so Khorchide, „vermisst man sehr oft nicht nur die Rede von der Barmherzigkeit im Alltag mancher Muslime, sondern und vor allem deren Umsetzung im Handeln dieser Gläubigen.“

„Die ganze Welt braucht heute das Konzept der Barmherzigkeit“

Dies gelte nicht allein für Muslime. „Und daher hat der Papst nicht zu Unrecht 2016 zum Jahr der Barmherzigkeit erklärt, denn die ganze Welt braucht heute das Konzept der Barmherzigkeit, verstanden als bedingungslose Zuwendung eines jeden Menschen seinem Nächsten gegenüber.“ Aus diesem Konzept erwachse auch ein staatlich-politischer Auftrag: „Kulturelle und individuelle Unterschiede sollten bestehen bleiben, aber nicht mehr als Ab- und Ausgrenzung wahrgenommen werden, sondern als Bereicherung unserer Pluralität.“

Zugleich sei es unaufrichtig, von Barmherzigkeit zu reden, „während tagtäglich unzählige Menschen hungern, in der Kälte frieren“, schreibt Khorchide weiter. „Leider müssen wir als westliche Gesellschaften unser Versagen zugeben, Barmherzigkeit in der Außenpolitik umzusetzen.“ Hier müsse man ansetzen.