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Wer Dogmen kritisiert, ist nicht katholisch, behaupten manche. Warum der renommierte Wissenschaftler das falsch findet.
Der Münchner Dogmatiker Michael Seewald fordert eine offenere Diskussion über Lehren in der katholischen Kirche. Kritik an der dogmatischen Lehrform werde oft vorschnell als Ablehnung des Glaubens verstanden, sagte Seewald am Freitag, 24. Juli, in Paderborn. Diese "Ängstlichkeit" verhindere eine notwendige theologische Auseinandersetzung.
Seewald appellierte, Dogmen als geschichtlich entstandene Formen kirchlicher Lehre anzusehen, nicht als endgültige Gewissheiten. Dogmen könnten nicht mit der Lehre der Kirche insgesamt gleichgesetzt werden. Sie entstünden erst, wenn die Kirche eine bestimmte Deutung der Offenbarung verbindlich vorlege.
Seewald: Dogmen sind zeitbedingt und kritisierbar
Gott offenbare keine Dogmen, sondern einen mehrdeutigen Willen. Dieser sei nicht beliebig, lasse aber unterschiedliche Deutungen zu.
Erst die Kirche gebe einer dieser Deutungen die Form eines Dogmas. So erfolge dogmatisches Lehren zeitbedingt und sei grundsätzlich kritisierbar, sagte Seewald. Kritik dürfe daher nicht mit einer Ablehnung der Glaubenslehre verwechselt werden. Sie könne vielmehr "mit überzeugter Kirchlichkeit einhergehen".
Seewald: Glaube braucht radikale Selbstkritik
Die Kirche benötigt laut Seewald einen Glauben, "der so groß ist, dass er zur radikalen Selbstkritik fähig wird". Aus dieser Selbstkritik könne eine Vitalität entspringen, "die belebend auf geläuterte Formen des Christseins zurückwirkt".
Der Dogmatiker warb für eine Kirche, die den Glauben so verkünde, dass er zur Auseinandersetzung mit den Herausforderungen der Gegenwart befähige. Ein ängstlicher Rückzug in abgeschlossene Glaubenswelten werde dem Evangelium nicht gerecht.
Langjähriger Professor in Münster
Seewald sprach bei der "Libori Lecture", einer 2025 eingeführten Veranstaltung zum Liborifest in Paderborn. Im Vorjahr hatte der US-Theologieprofessor Massimo Faggioli die Vorlesung gehalten.
Michael Seewald hat seit Sommer 2026 den neuen Lehrstuhl für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München inne. Zuvor lehrte er zehn Jahre an der Universität Münster. 2025 erhielt er für seine theologische Forschung den Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis.