Bergbau-Ingenieur aus Dorsten-Holsterhausen widmet sich sozialer Arbeit

Thomas Pyszny ist einer von zehn neuen Diakonen im Bistum Münster

Als er vor etwa 40 Jahren das erste Mal unter Tage fuhr, nahm ihn ein alter „Kumpel“ an die Hand. Das war guter Brauch. Wenn ein junger Mann seinen Dienst im Bergwerk antrat, brauchte er in den Schächten und Stollen weit unter der Erde Orientierungshilfe. Ohne diesen Helfer hätte sich Thomas Pyszny verirrt. Er war damals 18 Jahre alt und bereits zum Elektriker ausgebildet worden. „Trotzdem hatte ich keine Ahnung, wie ich meine Aufgaben da unten erledigen sollte.“

Von da an waren die Schächte und Stollen sein täglicher Platz: harte Arbeit ohne Tageslicht im Schichtdienst. Pyszny wollte Verantwortung übernehmen. In seiner Freizeit bildetet er sich fort, besuchte Seminare, bekam schließlich ein Studium ermöglicht. Im Bergwerk „Fürst Leopold“ in Dorsten-Holsterhausen arbeitete er sich damit hoch, vom Steiger bis zum Bergbau-Ingenieur. Zeitweise trug er er die Verantwortung für bis zu 250 Kumpel unter Tage. Jetzt war er es, der die Kollegen an die Hand nehmen und ihnen Orientierung geben musste.

Wurzeln im Bergbau

Industrie-Brache: Thomas Pyszny vor einer Halle auf dem ehemaligen Werksgelände der Zeche, auf der er arbeitete. | Foto: Michael Bönte
Industrie-Brache: Thomas Pyszny vor einer Halle auf dem ehemaligen Werksgelände der Zeche, auf der er arbeitete. | Foto: Michael Bönte

Wenn er am Sonntag in Münster zum Diakon geweiht wird, hat das seine Wurzeln in dieser Bergmannsvergangenheit. Wenngleich diese für ihn vor etwa fünf Jahren abrupt endete. Das Bergwerk, in dem er arbeitete war schon einige Jahre zuvor stillgelegt worden. Der Strukturwandel hatte zugeschlagen. Viele Kumpel wurden „freigestellt“. Dann erwischte es auch Pyszny, der mittlerweile in der Hauptverwaltung der Zeche saß. „Mit 52 Jahren in den Ruhestand“, erinnert er sich. „Das war schon ein großer Verlust für mich.“

Ein Sozialplan fing ihn auf, seine beiden erwachsenen Söhne waren aus dem Gröbsten raus, er war finanziell abgesichert. „Es ging mir gut, auch wenn ich plötzlich keinen festen Beruf mehr hatte.“ Aber Zeit. Das war neu. Als leitender Angestellter, der zudem Unterricht an der Bergwerkschule gab, war zuvor kaum Raum für anderes gewesen. Auch weil er über die Arbeitszeit hinaus viele Gespräche führen musste und wollte. „In meiner Position war ich immer mehr für die Menschenführung im Betrieb mitverantwortlich.“

Soziale Antenne

  Dabei hörte er auch von Zukunftsängsten, von privaten Tragödien, von traurigen Schicksalen. Es waren Gespräche, die er immer vor dem Hintergrund seines Glaubens führte. „Das habe ich nie offen gesagt, aber natürlich klingt die eigene Überzeugung durch.“
Thomas Pyszny mit einer alten Lore, einem Wagen für die Kohleförderung. | Foto: Michael Bönte

Dabei hörte er auch von Zukunftsängsten, von privaten Tragödien, von traurigen Schicksalen. Es waren Gespräche, die er immer vor dem Hintergrund seines Glaubens führte. „Das habe ich nie offen gesagt, aber natürlich klingt die eigene Überzeugung durch.“ Er fühlte sich manchmal wie ein Gegenpol zu rein betriebswirtschaftlichen Entscheidungen. Bei Personalplanungen machte er sich für seine Kumpel stark, auch wenn es die Vorgesetzten nicht immer begeisterte. Pysz-ny nennt das im Rückblick seine „soziale Antenne“. „Ihrer war ich mir damals aber nicht bewusst – sie war einfach da.“

Zeit, ein Gefühl für die Sorgen der Menschen und sein Glaube – das klingt wie eine Rezeptvorschlag für die Ausbildung zum Diakon. „Für mich war das eine logische Entwicklung – es musste so kommen“, sagt seine Frau Regina. „Denn er war ja schon als Bergmann eine Art Diakon gewesen.“ Sie beschreibt sein Talent, einfühlsam auf Menschen zuzugehen, trösten zu können, zu helfen. Er war und ist eben ein „echter Kumpel“, sagt sie. Und ein solcher Kumpel handelt in ihren Augen immer auch diakonisch.

Familie geht vor

Weihe-Termin
Die Weihe der neuen Diakone findet am Sonntag, 26. November 2017, um 14.30 Uhr im St.-Paulus-Dom statt. Sie ist live bei „Kirche-und-Leben.de“ zu sehen.

Vor fünf Jahren aber stand er vor der Entscheidung, dieses Talent mit einem Amt in der Kirche zu verknüpfen. Das war kein Selbstläufer. Es brauchte noch Impulse, die ihn auf die Möglichkeit dieses Dienstes aufmerksam machten. In einem Artikel in „Kirche+Leben“ las er einen Bericht über einen ständigen Diakon. Der Pfarrer seiner Heimatgemeinde St. Antonius und Bonifatius, Carsten Röger, beantwortete ihm daraufhin wichtige Fragen und sagte: „Ein solches Amt würde zu dir passen.“ Schließlich war es der erste Besuch im Institut für Diakonat und Pastorale Dienste (IDP) in Münster, der die Entscheidung brachte: „Sie machten mir deutlich, dass ich diesen Weg gemeinsam mit meiner Frau gehen würde.“ In einem späteren Gespräch sagte Bischof Felix Genn etwas, das ihn und seine Frau endgültig überzeugten: „Es ist eine schöne Aufgabe, aber die Familie geht vor.“


Fröhliche Gruppe – die neuen Diakone im Bistum Münster (v.l.): Thomas Pyszny aus Dorsten-Holsterhausen, Paul Leukers aus Kleve-Materborn, Thorsten Wellenkötter aus Rheine, Günter Hinxlage aus Garrel, Heribert Gausmann aus Rheine, Martin Hart aus Ahaus-Wessum, Tobias Tiedeken aus Sendenhorst, Michael Koopmann aus Ahaus, Christian Lameyer aus Goldenstedt und Karl-Heinz Knake aus Visbek. Gemeinsam haben sie die vierjährige Ausbildung durchlaufen. Nach der Weihe werden sie in ihren Heimatgemeinden im Einsatz sein.  Foto: Michael Bönte

Mit der Zustimmung seiner Familie habe sich für ihn eine „riesige Chance“ aufgetan, sagt Pyszny. „Wer hat denn schon so früh in seinem Leben eine solche Perspektive?“ Er habe die Möglichkeit gehabt, dass zu konkretisieren, was ihm seine „soziale Antenne“ schon immer gefunkt hatte. In seiner ehrenamtlichen Arbeit in der Pfarrgemeinde hatte er nur die Möglichkeit gehabt, „nebenbei ehrenamtlich zu helfen“, etwa in der Flüchtlingshilfe. „Jetzt konnte ich voll durchstarten.“

Neustart als Praktikant

Das tat er sofort. Sechs Monate ging er als Praktikant in einer Förderschule für lernschwache Kinder. War er zuvor für den Einsatz hochtechnisierter Geräte unter Tage verantwortlich gewesen, saß er jetzt mit den Schülern am Werktisch und bastelte Vogel-Kästen. „Der Nagel, den die Kinder mit meiner Hilfe ins Holz schlagen, ist aber mindestens genauso wichtig wie die reibungslose Förderung der Kohle früher.“ Warum? „Weil ich die Notwendigkeit erkannt habe, den Schülern etwas zu geben, das ihnen fehlt: Vertrauen, Hilfe, Unterstützung.“ Deshalb ist er dort hängen geblieben. Auch nach seinem Praktikum geht er noch jede Woche dorthin und gibt Nachhilfestunden, werkt, hört zu.

Das soziale Aufgabenfeld des Diakons war in der vierjährigen Ausbildung im IDP also alles andere als Neuland für ihn. Da war aber noch viel mehr: Etwa theologische Inhalte, liturgisches Wissen oder Möglichkeiten des geistlichen Lebens. Trotz großem Fahr- und Lernaufwands hat ihm das viel Spaß gemacht. Ein Element seines neuen Aufgabengebiets aber habe ihn bis zuletzt intensiv beschäftigt, sagt Pyszny: „Mein Dienst am Altar.“ Auch sein Frau gibt zu, dass sie dem lange skeptisch gegenüberstand: „Da kann ich ihn mir einfach nicht vorstellen – so mit Albe und Stola.“

Sorgen in den Gottesdienst mitbringen

Leitwort
Das Leitwort der zehn Diakon im Jahr 2017 ist: „Dient einander, jeder mit der Gabe, die er empfangen hat“ (1  Petr 4, 10)

Mittlerweile ist Pyszny aber bewusst, warum auch dieser Moment wichtig für seinen Einsatz ist. „Ich stehe da nicht für mich, sondern für die Menschen und deren Sorgen.“ Er wird davon reichlich mitbringen, da ist er sich sicher: „Soziale Brennpunkte, Flüchtlingsarbeit, einsame und benachteiligte Menschen – in Holsterhausen gibt es genug Dinge, die ihren Platz am Altar haben müssen.“ Er wird zu den Orten gehen, wo er sie findet. Und damit zeigen, „was Jesus uns aufgetragen hat“. Allein dadurch wird er auch zur Orientierungshilfe werden. Wie damals bei seinen „Kumpeln“ unter Tage.