„Wer Menschenwürde in Frage stellt, spricht für sich selbst ein Urteil“

Timmerevers: Kein Pauschalurteil über AfD wählende Christen

Seit 100 Tagen ist Heinrich Timmerevers (64) Bischof des Bistums Dresden-Meißen. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur spricht der frühere Weihbischof und Offizial in Vechta über seine Haltung zur AfD und zu deren Wählern – und über die Tage der Eingewöhnung in Sachsen.

Herr Bischof, mit Ihrem Wechsel nach Dresden sind Sie in ein gesellschaftliches Umfeld gekommen, das stark polarisiert ist. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Bischof Heinrich Timmerevers: Die Proteste in Dresden bei den Feiern zum Tag der Deutschen Einheit habe ich sehr massiv miterlebt. Als die Spitzen des Staates beim Verlassen der Frauenkirche niedergeschrien wurden, hat das eine Grenze überschritten. Es ist keine Kultur des Miteinander-Umgehens, Hass zu säen und zu verleumden.

Was können die Christen tun, um diese Spaltungen zu kitten?

Wir sind als Staatsbürger und als Christen in der Pflicht zu schauen, was die wirklichen Probleme dieser Menschen sind, die so schreien, und nach Lösungen zu suchen. Wir sollten auch durch unser eigenes Verhalten dazu anleiten, so zu streiten, dass der andere nicht beleidigt und diffamiert wird. Die vielen Menschen, die unseren Staat und sein Rechtssystem stützen, müssten sich zudem stärker bemerkbar machen.

Ist es vertretbar, dass ein Christ AfD wählt oder Mitglied der Partei ist?

Bischof Heinrich Timmerevers.
Bischof Heinrich Timmerevers. | Foto: pd

Wer das christliche Abendland verteidigen will, darf niemanden wegen seiner Hautfarbe oder seiner Religion ausgrenzen. Wer das christliche Menschenbild von der Würde aller Menschen grundsätzlich in Frage stellt, spricht für sich selbst ein Urteil.

Braucht es eine klare kirchliche Richtlinie für den Umgang mit AfD-Anhängern?

Menschen einfach auszugrenzen, ist keine Lösung. Wir müssen mit dem Problem umgehen. Wenn jemand in solchen Fällen aber gegen Recht und Gesetz verstößt, ist der Staat in der Pflicht, es zu ahnden. Eine deutliche Ansage, ob Katholiken der AfD angehören dürfen, würde mir schwerfallen. Das müsste man im Einzelfall sehen. Letztlich steht jeder Christ vor der Frage, ob er das mit seinem Gewissen vereinbaren kann. Im Übrigen sind die Zeiten vorbei, dass die Kirchen eindeutige Wahlempfehlungen geben. Ich vertraue auf die Fähigkeit der Bürger, aus ihrem Gewissen heraus die richtige Wahl zu treffen.

Wie fällt Ihre Bilanz nach 100 Tagen im Amt aus?

Ich denke, dass ich mich schon eingelebt habe. Meine Mitarbeiter sind sehr hilfsbereit und haben Verständnis, wenn ich auch mal eine dumme Frage stelle. Im Übrigen bin ich noch mittendrin, Persönlichkeiten aus Kirche und Gesellschaft kennenzulernen.

Wie kommen Sie mit dem sächsischen Dialekt zurecht?

Bisher meine ich, alles verstanden zu haben. Von zu Hause her spreche ich ja Plattdeutsch mit meiner Familie und mit meinen Freunden. Von daher ist mir vertraut, dass Menschen neben Hochdeutsch noch einen Dialekt oder eine andere Sprache haben.