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Bistum Münster, Diözesankomitee und Kirche+Leben zeichnen beispielhafte, innovative oder nachhaltige Projekte aus. Dies ist der erste Preisträger.
Kennen Sie Amira Gezow? Sagt Ihnen Peter Höllenreiner etwas? Oder Boris Zabarko? Die Schülerinnen und Schülern der Erna-de-Vries-Gesamtschule und des Johannes-Kepler-Gymnasiums in Ibbenbüren kennen ihre Gesichter und Geschichten jetzt gut. Denn ihre Porträts standen im Herbst 2024 offen zugänglich auf dem gemeinsamen Schulhof – gemeinsam mit über 30 weiteren Fotos von Überlebenden der NS-Verfolgung.
Drei Wochen lang führten 35 SchülerInnen-Guides und zehn Erwachsene ehrenamtlich durch die Ausstellung „Gegen das Vergessen“. Ihr Engagement ermöglichte anderen eine aktive Auseinandersetzung mit der Geschichte.
500 Zeitzeugen fotografiert
Von Frühjahr bis Herbst 2024 hatte ein engagiertes Team aus Haupt- und Ehrenamtlichen rund um Schulseelsorger Christoph Moormann, die Leiterin der Stadtbibliothek Dagmar Schnittker und die Ehrenamtlichen Barbara Kurlemann und Petra Thalmann die Ausstellung auf dem Schulhof vorbereitet.
„Gegen das Vergessen“ ist ein Projekt des deutsch-italienischen Fotografen Luigi Toscano. Er hatte 2014 damit begonnen, zahlreiche Überlebende der Verbrechen der Nationalsozialisten zu porträtieren. Mittlerweile hat der Künstler über 500 Zeitzeugen fotografiert, die als Kinder die Verfolgung und die Geschehen in den Ghettos und Konzentrationslagern miterlebten.
35 Jugendliche werden Guides
Obwohl die Organisation in nur wenigen Monaten für die Ehrenamtlichen ein Kraftakt war, hat die Ausstellung ihr Ziel erreicht: Möglichst vielen Menschen das Ausmaß der NS-Verbrechen vor Augen zu führen – immer vor dem Hintergrund aktueller Themen wie Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung.
Ein Herzstück dieser Auseinandersetzung mit der Geschichte war der Einsatz eigener SchülerInnen-Guides in beiden Schulen. Insgesamt 35 Jugendliche führten ihre Mitschülerinnen und Mitschüler aller Klassenstufen während der drei Wochen durch die Ausstellung. Sie erzählten dabei von den bewegenden Schicksalen der Porträtierten, erklärten aber auch die zeitgeschichtlichen Hintergründe und waren wichtige Ansprechpartner bei Fragen.
Greifbare Geschichte
Dazu bereiteten sie sich neben Klausur- und Abiturvorbereitungen im Vorfeld intensiv auf die Ausstellung vor, recherchierten die historischen Zusammenhänge und setzten sich mit den porträtierten Personen auseinander. „Diese Einzelschicksale in der Ausstellung machen Geschichte verständlich, greifbar und sichtbar“, sagt Lukas Frickenstein, Schüler des Kepler-Gymnasiums und einer der Guides. „Wenn wir erzählt haben, waren selbst die jüngeren SchülerInnen komplett still und aufmerksam.“
Neben den Schülerinnen und Schülern engagierten sich zehn Erwachsene ehrenamtlich als Guides in der Ausstellung, um auch an den Nachmittagen Führungen für Vereine, Gruppen oder Unternehmen anbieten zu können. Die klare Haltung und das starke Engagement der ehrenamtlichen Guides – SchülerInnen wie Erwachsene – sei in jeder Begegnung mit den Besuchern spürbar gewesen, würdigt Christoph Moormann ihren Einsatz. „Diese Zeit hat eine intensive Auseinandersetzung möglich gemacht und wirkte bei vielen Besuchern nach.“
Zeitzeugen eingeladen
Darüber hinaus gelang es dem Team nicht nur, die Ausstellung selbst an die Schulen zu holen, sondern mit viel Einsatz ein beachtetes Rahmenprogramm zu schaffen. Neben dem Künstler Luigi Toscano holten sie auch zwei der porträtierten Holocaust-Überlebenden nach Ibbenbüren: Boris Zabarko und Anna Strishkova.
Zabarko, der im ukrainischen Kiew lebt, eröffnete die Ausstellung und teilte seine Erfahrungen in mehreren Veranstaltungen nicht nur mit den Schülerinnen und Schülern, sondern auch in der Ludwig-Kirche in Ibbenbüren, dem Paulusdom in Münster, in Osnabrück und dem Kloster Gravenhorst.
Etwa 5.000 Menschen haben in den drei Wochen die Ausstellung und die begleitenden Veranstaltungen besucht. Ein Impuls, sich für eine vielfältige und demokratische Gesellschaft einzusetzen. Oder, wie jemand ins Gästebuch der Ausstellung schrieb: „Nie wieder ist jetzt.“