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Volker Leppin hält manches, was über den Heiligen erzählt wird, für eine gute Erfindung. Was wir über Franziskus wirklich wissen können.
Sie haben eine Biografie über Franziskus geschrieben, die nun neu aufgelegt wurde. Was fasziniert Sie so an ihm?
Mein Vater war Pfarrer in der Elisabethkirche in Marburg. Dort gibt es in den mittelalterlichen Glasfenstern eine blau gekleidete Gestalt – Franz von Assisi. Das war als Kind meine erste Begegnung mit ihm. Je mehr ich mich im Lauf meines Lebens mit Theologie beschäftigt habe, desto mehr bin ich auf die Franziskaner gekommen. Nachdem ich mich 2017 aus Anlass des Reformationsjubiläums sehr viel mit Martin Luther beschäftigt hatte, wollte ich nun eine andere Persönlichkeit intensiver studieren – jemanden, der deutlich sympathischer ist als Luther. So kam ich auf Franz von Assisi.
Franziskus ist einer der bekanntesten Heiligen, und es ranken sich zahlreiche Legenden um ihn. Welcher Mythos über Franz stört Sie am meisten und warum?
Der Mythos, dass er immer nett und friedlich gewesen sei. Gerade hier in Amerika sieht man ständig diesen kleinen Franziskus, der mit Vögelchen und anderen Tierchen in einem Garten steht. Dabei war Franz auch extrem provozierend und in seiner Sprache fast aggressiv, wenn es ihm darum ging, die Leute zur Buße aufzufordern. Das vergessen wir gern.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Selbst der bekannte Sonnengesang endet mit der Erinnerung an die Strafe, die Menschen erfahren werden. Es ist durchaus charakteristisch, dass Papst Franziskus in seiner Umweltenzyklika „Laudato si’“ genau diese Schlussstrophen weggelassen hat, als er den Sonnengesang zitiert hat. Das passt eben nicht in unser Bild vom netten Franz.
Sie sprechen Papst Franziskus an. Welche Bedeutung hat es, dass er sich als erster Papst nach dem Heiligen benannt hat?
Im Gespräch:
Volker Leppin (59) ist evangelischer Theologe und Kirchenhistoriker mit einem Forschungsschwerpunkt in Mittelalter, Reformationszeit und Aufklärung. Der Pfarrerssohn wuchs in Marburg auf, studierte Theologie und Germanistik in Marburg, an der Dormitio-Abtei in Jerusalem und in Heidelberg. Als Professor lehrte er in Tübingen, seit 2021 an der Yale University im US-Bundesstaat Conneticut. Von ihm stammt das Buch „Franz von Assisi. Ein unbequemer Heiliger“ (Herder-Verlag 2026, 368 Seiten, gebunden, ISBN: 978-3-534-61221-5, 25 Euro).
Ich war erstaunt, dass ausgerechnet ein Jesuit das macht. Jesuiten und Franziskaner sind ja Orden, die nicht immer nur friedlich miteinander waren. Zudem ist es eine klare Botschaft für die Einfachheit und die Solidarität mit den Armen. Die Namenswahl liegt insofern nahe, weil der Papst aus Lateinamerika kam. Damit hat er auch nochmal die Befreiungstheologie auf die Agenda gesetzt. Im Namen von Franz von Assis sind viele Franziskaner in der Befreiungstheologie aktiv gewesen.
Bringen Sie uns einmal die Arbeit eines Kirchenhistorikers näher: Woran machen Sie fest, ob unser Wissen über einen Heiligen vor allem auf Legenden beruht, oder ob es sich tatsächlich um historische Tatsachen handelt?
Der erste Verdacht für einen Historiker ist, wenn etwas zu gut passt. Das merken wir im Grunde auch im Alltag. Wenn mir jemand aus dem Freundeskreis eine Geschichte erzählt, bei der er am Ende toll dasteht und alles perfekt passt, dann sage ich mir: Du bist ein lieber Freund, aber vielleicht waren die Dinge doch etwas anders. So gehe ich im Grunde auch mit Franz von Assisi um, wenn alles zu gut zu der Heiligengeschichte passt oder zu gut zu einer bestimmten theologischen Erklärung, die die Autoren haben.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Es gibt die berühmte Geschichte von Franz, der in der Kirche San Damiano vom Kruzifix angesprochen wird. Der Gekreuzigte sagt zu ihm: „Stell meine Kirche wieder her.“ Franz versteht es zunächst falsch; er denkt, er soll nur dieses Gebäude wiederherstellen. In Wirklichkeit geht es darum, die gesamte Kirche Jesu Christi wiederherzustellen. Das Motiv kommt dann später nochmal in den Biografien vor. Die Franziskaner haben sich ja seit der Heiligsprechung 1226 immer wieder bemüht, das Leben ihres Ordensgründers heilig und stimmig zu schildern. Die berühmteste Biografie stammt wohl vom Ordensgeneral Bonaventura. Sie hat über Jahrhunderte unser Wissen von Franziskus geprägt, einschließlich dieser Erzählung von der Wiederherstellung der Kirche. Das ist ein tolles theologisches Motiv, das auch viel über Franz von Assisi aussagt. Aber wahrscheinlich ist es einfach eine gute Erfindung.
Können wir heute dann überhaupt etwas sicher über Franziskus wissen? Gibt es Quellen, die verlässlicher sind als die zahlreichen Legenden?
Medientipp:
„Franz von Assisi. Ein unbequemer Heiliger“
Volker Leppin
Herder-Verlag 2026
368 Seiten, gebunden, 25 Euro
ISBN: 978-3-534-61221-5
Dieses Buch können Sie bequem auch bestellen bei unserem Partner www.dialogversand.de, E-Mail service(at)dialogversand.de, Telefon 0251/4839210
Echt sind natürlich die wenigen Texte, die er selbst geschrieben hat, etwa der Sonnengesang. Auch sein Testament ist sehr wichtig als Ausdruck seiner Frömmigkeit. Bei anderen Quellen taste ich jede einzelne Aussage ab. Kann das plausibel sein? Passt das in die Biografie eines Händlersohnes? Im Grunde versucht man, sich als Autor einer Persönlichkeit wie Franziskus immer ein wenig anzunähern. Auch ich kann in meiner jüngsten Franziskus-Biografie nicht behaupten, dass alles garantiert so gewesen sein muss – das wäre ziemlich übertrieben und spekulativ. Das Buch war mein Beitrag zu sagen: So könnte es plausibel gewesen sein. Aber sicher werden andere kommen und sagen: „An dieser und jener Stelle hat der Leppin übertrieben“ – und wahrscheinlich haben sie dann recht.
Warum begeistert Franziskus noch 800 Jahre nach seinem Tod?
Es ist diese ungeheure Radikalität. Franz von Assisi ruft uns zurück zu einem Christentum, das in dieser Radikalität auch in der Bibel steht. Angesichts dessen merken wir, dass wir ständig einen Haufen nötiger Kompromisse machen. Aber dass da einer ist, der in seinem ganzen Leben zeigt: „Es geht ohne Kompromisse, und ich ziehe dieses Leben im Sinne von Jesus Christus durch“ – das ist einfach unglaublich beeindruckend und herausfordernd.