Anzeige
Tot- oder Fehlgeburten sind alltäglich, dennoch sind sie oft mit Scham behaftet. Das muss sich ändern, sagt Seelsorgerin Katrin Großmann.
Jede dritte Frau in Deutschland muss im Verlauf ihres Lebens die Erfahrung einer Fehl- oder Totgeburt machen. Als Seelsorgerin habe ich mit einigen von ihnen die schlimmsten Stunden ihres Lebens geteilt: die Momente nach der stillen Geburt ihres Kindes, den schweren Weg zum Gräberfeld für Sternenkinder.
Die Tabuisierung von Fehlgeburten hat für sie massive Konsequenzen: So wissen etwa die wenigsten Frauen, dass sie wählen können, ob ihr totes Kind durch eine Operation, eine medikamentös eingeleitete, oder gar eine spontane, gynäkologisch begleitete stille Geburt entbunden werden soll. Auch haben alle Anspruch auf die Begleitung durch eine Hebamme.
Betroffene erwirken Verbesserungen
Die Autorin:
Katrin Großmann ist im Auftrag des Erzbistum Berlin als Krankenhausseelsorgerin am Campus Virchow-Klinikum der Charité tätig.
Die politischen Rahmenbedingungen müssen in vielfacher Hinsicht verbessert werden. Das Medikament, das für die Einleitung des Geburtsvorgangs benötigt wird, ist in Deutschland nur zur Behandlung von Magengeschwüren zugelassen. Die Frauen müssen dem Off-Label-Gebrauch zustimmen und tragen die Risiken damit selbst.
Unter Premierministerin Jacinda Ardern hat Neuseeland einen dreitägigen bezahlten Sonderurlaub von Eltern nach einer Fehlgeburt gesetzlich geregelt. In Deutschland müssen die Betroffenen bei einem Verlust vor der zwölften Schwangerschaftswoche eine Krankschreibung organisieren, wenn sie nicht am nächsten Tag wieder arbeiten können.
Natascha Sagorski hat erwirkt, dass der Bundestag im vergangenen Jahr das Gesetz zum gestaffelten Mutterschutz für Frauen nach Fehlgeburten ab der zwölften Schwangerschaftswoche verabschiedet hat. Auch die Möglichkeit eines Eintrags in das Personenstandsregister und das Recht auf Bestattung des Fötus wurde 2013 erreicht. Alles erst auf Initiative Betroffener!
Weiterhin schambehaftetes Thema
Viele Frauen sprechen aus Angst vor einem Verlust erst nach der zwölften Woche über eine Schwangerschaft. Wenn diese nicht hält, bleiben sie mit ihrer Scham und ihren Schuldgefühlen allein. Ihr Verlust bleibt unsichtbar. Der Grund für eine Fehl- oder Totgeburt liegt in den allermeisten Fällen in Chromosomenanomalien und ist durch das Verhalten der Schwangeren nicht beeinflussbar.
Wir alle können zu einer Enttabuisierung beitragen. Als Freund*innen und Angehörige können wir vor allem zuhören, auch wenn der Schmerz noch nach Jahren tief sitzt. Menschen, die um ein Kind trauern, sind auf Empathie und Solidarität angewiesen. Dieses Thema gehört in die Mitte der Gesellschaft, weil es unsere Freundinnen, Tanten oder Schwestern betrifft. Sie brauchen uns.
In unseren Gast-Kommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.