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Rita Breuer vom Cloppenburger Hospizdienst appelliert an Verantwortliche

Trotz Corona: „Trauer und Abschied müssen möglich bleiben!“

  • Hospiz- und- Trauerbegleiterin Rita Breuer aus Cloppenburg sieht gravierende Folgen mancher Corona-Maßnahmen für Menschen, die in dieser Zeit einen Angehörigen oder Freund verloren haben.
  • Die ehrenamtliche Hospizdienst-Mitarbeiterin hält es für einen großen Fehler, dass Angehörige während des ersten Lockdowns im Frühjahr zeitweise nicht zu ihren sterbenden Partnern oder Eltern gelassen wurden.
  • Auch Beerdigungen im kleinsten Kreis ohne Gelegenheit zu Begegnung beim anschließenden Kaffeetrinken erschwerten Menschen das Trauern
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„Das darf auf keinen Fall noch einmal passieren!“ Rita Breuer hat konkrete Fälle aus dem Frühjahrs-Lockdown vor Augen: zwei junge Frauen, die in den letzten Stunden ihrer Mutter nicht bei ihr sein durften. Das Krankenhaus hatte wegen der Corona-Pandemie ein komplettes Besuchsverbot verhängt, auch für Angehörige sterbender Patienten. Die Mutter starb allein – die Töchter können es immer noch nicht richtig fassen.

Als ehrenamtliche Trauerbegleiterin trifft Rita Breuer die zwei Frauen regelmäßig. Sie kennt ihre  Geschichte, die wie Blei auf der Erinnerung der beiden lastet: wie das Krankenhaus die Töchter per Telefon informiert hatte: „Ihre Mutter liegt im Sterben.“ Dazu die Mitteilung, dass wegen der Pandemie auch jetzt kein Besuch möglich sei. Und wie fünf Stunden später der Anruf kam: „Ihre Mutter ist tot.“

Jeder hat mit Schuldgefühlen zu kämpfen

Was lösen solche Erlebnisse bei Betroffenen aus? Die Antwort der 67-Jährigen kommt pfeilschnell: „Schuldgefühle“, sagt sie, „ganz große Schuldgefühle.“ Mehr als normalerweise dazu gehören. Denn, so beschreibt sie eine Erfahrung: „Etwas Schuld spielt in fast jedem Trauerprozess eine Rolle, mehr oder weniger stark.“ Aber eben besonders, wenn Angehörige beim Sterben eines nahen Verwandten nicht dabei sein konnten. Wie es während des ersten Corona-Lockdowns oft der Fall war.

Die Zahl der Anfragen nach Trauerbegleitung habe in der Corona-Zeit jedenfalls deutlich zugenommen, sagt Hildegard Meyer. Sie ist eine von zwei Koordinatorinnen beim Cloppenburger Hospizdienst, der die Hilfesuchenden an eine oder einen der neun Ehrenamtlichen vermittelt, die dort in der Trauerbegleitung unterwegs sind. Und sie kann sich an verzweifelte Anrufe während des ersten Lockdowns erinnern, von Kindern, die nicht zu ihren Eltern im Krankenhaus durchgelassen wurden.

Der Lockdown macht Trauerbewältigung schwieriger

Rita Breuer hat sich seit rund 20 Jahren dem Thema „Tod und Sterben“ verschrieben. Die gelernte Krankenschwester und ehemalige OP-Leiterin arbeitete früher in der Uniklinik Münster und im Cloppenburger St.-Josefs-Hospital. Nach ihrem Ausstieg aus dem Beruf wandte sie sich der Hospizhilfe zu. Zuerst der Hospizbegleitung und vor zehn Jahren der Hilfe für Trauernde.

Diese Erfahrung hat ihren Blick für Fehlentwicklungen geschärft: In den letzten Momenten eines Menschen dabei sein zu können sei wichtig, gerade für Partner oder Kinder, sagt sie. Das gelte sowohl für den Sterbenden als auch für diejenigen, die zurück blieben. Dass das im Frühjahr zeitweise nicht möglich war, mache manchen Menschen bis heute zu schaffen. Deshalb ihr Appell an Verantwortliche: „Trauer und Abschied müssen möglich bleiben.“

Kontakte über Video sind nur Behelf

Kontakte über Tablet oder Smartphone seien ein unvollkommener Ersatz. „Sie helfen vielleicht ein wenig, wenn Besuche verboten sind. Aber sie können zum Beispiel Berührungen nicht ersetzen.“ Das bleibe trotz gelockerter Möglichkeiten immer noch ein Problem. „Wenn mein Angehöriger stirbt, dann möchte ich auch seine Hand halten“, sagt die Trauerbegleiterin. „Aber wie soll das gehen? In Schutzkleidung und mit Gummihandschuhen?“

Als fast ebenso negativ wie den durch Corona erzwungenen Abstand wertet Rita Breuer die Beschränkungen bei Trauerfeiern. Etwa, wenn nur eine Handvoll Menschen am Grab Abschied nehmen dürfen. „Es hat ja viele Beerdigungen mit fünf oder zehn Teilnehmern gegeben. Da durfte nicht selten nicht einmal die ganze Familie dabei sein.“

Auch Beerdigungskaffee ist ein wichtiges Ritual

Auch wenn viele heute gar nicht mehr eine große Beerdigung für ihre Angehörigen wünschten – „Oft wundern sich ihre Klienten darüber, wie gut es tut, wenn doch 50 oder 60 mit ihnen am Grab stehen.“ Für den Trauerprozess sei es wichtig, dass andere da sind, die sich verabschieden möchten.

Auch das gemeinsame Kaffeetrinken hinterher werde unterschätzt. „Weil man da häufig spürt, wie der Druck schwindet, wie das Zusammensein die Menschen entspannt und ihnen hilft, das Geschehene zu verarbeiten.“ Das Treffen sei ein altes Ritual, das durchaus seinen Sinn habe. „Es wird dabei ja häufig auch gelacht“, sagt Rita Breuer. „Deshalb ist es sehr schade, dass das derzeit wieder nicht möglich ist.“

Früher fingen Familien Trauernde auf

Vor dem Lockdown im Frühjahr leitete sie zwei Trauergruppen: eine für Menschen, die einen Lebenspartner oder einen Bruder oder eine Schwester verloren haben, eine andere für Hinterbliebene von Verstorbenen, die freiwillig aus dem Leben gegangen waren. Alles Menschen, die leiden und damit alleine nicht fertig werden.

Dass es davon heutzutage mehr gebe als früher, das habe mit den veränderten Bedingungen zu tun, auch ohne Corona. Wo früher verschiedene Bezugspersonen für Gespräche zur Verfügung standen, fühlten sich viele heute alleingelassen mit ihrer Not. „Da ist ja meist nicht mehr viel mit Familie, die das im gemeinsamen Trauern auffangen könnte“, sagt Rita Breuer. „Es gibt nicht mehr die Strukturen wie vor 50 Jahren. Und oft leben Kinder weit weg.“ Deshalb sei es wichtig, dass es Gruppen oder Einzelhilfen für Trauernde gebe.

Begleitung läuft jetzt einzeln

Doch auch Ihre Gesprächsgruppen konnten seit März nicht mehr stattfinden. In der Phase des ersten Lockdowns hat die Trauerbegleiterin versucht, die Begleitung telefonisch oder mit Video-Anrufen aufrecht zu erhalten. „Das hatte aber Grenzen“, so ihre Erfahrung. Mittlerweile kommen die Menschen wieder einzeln zu Gesprächen zu ihr.

Rita Breuer verabredet sich mit ihnen in einem großen Raum der Cloppenburger Hospizdienstes, auch wenn das mehr Arbeit bedeutet. Statt eines Gruppentreffens hat sie jetzt auch schon mal sechs Gespräche in einer Woche. Die Nachfrage ist groß, und auch das hat mit Corona zu tun: „Weil sie sich sonst mit nur wenigen anderen treffen dürfen, sind gerade diese Gespräche noch wichtiger.“

Manche brauchen länger als andere

„Man muss immer und immer wieder miteinander sprechen“, sagt die Trauerbegleiterin. Und sie müsse Menschen oft auch ermutigen. Zum Beispiel, wenn die aus ihrem Umfeld kritische Töne hören: etwa, dass sie nach drei Monaten immer noch unter dem Verlust eines Menschen leiden. Sätze wie: „Bist du da immer noch nicht mit fertig? Guck doch endlich mal nach vorne!“

Rita Breuer: „Wir leben ja in einer Zeit, in der alles immer schnell erledigt sein muss und in der wir uns als die Macher unseres eigenen Lebens und unseres Schicksals verstehen.“ Doch so eine Haltung werde denjenigen nicht gerecht, die in ein Loch fallen und glauben, den Sinn ihres Lebens verloren zu haben. Ihnen einen neuen Blick auf ihre Leben zu ermöglichen und neue Perspektiven zu zeigen, darum geht es bei der Trauerbegleitung.

Ein neues Verhältnis zur Schuldfrage

Auch darum, die Frage nach Schuld neu zu sehen. „Es gibt ja Menschen, die Dinge denken wie: ,Wenn ich da gewesen wäre, wäre mein Vater oder Mann nicht gestorben‘.“ Da ist es wichtig, ihnen klar zu machen, dass sie selbst nicht verantwortlich sind und dass sie nicht Herr über Leben und Tod sind. Und damit auch nicht schuldig.“

Woher Rita Breuer selbst ihre Kraft nimmt? Zum Beispiel aus dem, was sie als kleinere oder größere Erfolge verbuchen kann. Erst vor einigen Tagen hat sich ein junger Mann von ihr verabschiedet. Sein Bruder war bei einer Veranstaltung direkt neben ihm tot zusammengebrochen. „Ich habe ihn über zehn Monate begleitet, zuerst jede Woche, dann in größeren Abständen.“ Zum Schluss kam er nur noch einmal im Monat. Als er sich verabschiedete, bedankte er sich und sagte: „Es geht mir besser und ich weiß, dass ich ohne ihn leben muss. Aber das Leben geht weiter, und es geht anders weiter.“ Rita Breuer lächelt: „Solche Erlebnisse, das ist es, was mich antreibt.“

Hospizdienst für den Landkreis Cloppenburg e. V.
Der Hospizdienst für den Landkreis Cloppenburg hat sich 1997 gegründet, um Angebote für schwerkranke sterbende Menschen zu organisieren. Zunächst konzentrierte sich die Arbeit im Wesentlichen auf ambulante Hospizarbeit, später kamen Angebote der Trauerbegleitung hinzu. „Nach dem Tod eines lieben Menschen fallen viele Menschen in ein Loch“, erklärt dazu Hildegard Meyer, die die Einsätze der ehrenamtlichen Helferinnen koordiniert. Insgesamt etwa 50 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer sind für die begleitenden Angebote der Hospizhilfe im Einsatz, neun davon in der Trauerbegleitung. Die Hospizhilfe bemüht sich stets darum, Anfragen auch kurzfristig nachzukommen. Zum Angebot gehört auch ein offenes Trauercafé, jeweils sonntags von 15 bis 17 Uhr. In der gegenwärtigen Pandemie-Zeit musste das meist ausfallen. Der Hospizdienst hofft aber, es am letzten Sonntag des Jahres, am 27. 12. wieder öffnen zu können. Anmeldungen und weitere Informationen gibt es unter www.hospizdienst-clp.de oder unter 0 44 71/8 509 140.

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