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Der Leiter des Gertrudenstift Rheine, Frank Nienhaus, im Interview über die Zeit vor Ostern

Über Fasten, hochgestellte Türklinken und Gottes Liebe

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Durch Corona sind die Menschen aktuell in vielerlei Hinsicht eingeschränkt. Können sie in dieser Situation überhaupt noch fasten? Aber sicher, sagt Frank Nienhaus, Leiter des Exerzitien- und Bildungshauses Gertrudenstift in Rheine-Bentlage, und erklärt im Interview, wie das gehen kann.

Die Fastenzeit steht bevor – und wir haben Corona. Können wir in dieser Situation überhaupt noch fasten, Herr Nienhaus? Wir verzichten doch bereits auf Vieles. Wie passt das zusammen?

Die Allermeisten verstehen die Fastenzeit heute noch als eine Zeit, in der man Verzicht leisten muss und sich selbst verändern kann und, oder soll. Ja, die Coronazeiten fordern von uns allen schon extremen Verzicht an menschlichen Kontakt und Freiheitsrechten; wir können kaum etwas tun oder verändern. Aus dieser Perspektive passt eine Fastenzeit nicht, weil mir in diesem Verständnis gerade zusätzlich viel verboten wird und ich verzichten muss. Aber dieses grundsätzliche Vorurteil, dass die Fastenzeit etwas mit Verzicht oder Leistung zu tun hat, möchte ich gerne ausräumen.

Können Sie das genauer erklären?

Früher hieß es am Aschermittwoch: "Bedenke Mensch, dass du Staub bist und zu Staub zurückkehrst". Das war eher negativ ausgedrückt. Heute heißt es, "Kehr um und glaub' an das Evangelium." Das heißt, ich muss was tun: umkehren. Aber bei diesem Zitat von Jesus aus dem Markusevangelium vergisst man den einleitenden Satz: "Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe." Es kommt also zuerst das Angebot Gottes. Deswegen ist für mich die österliche Vorbereitungszeit eine Zeit, wo ich mir bewusst mache, dass Jesus und damit Gott zuerst die Zeit erfüllt. Es geht nicht um meine Leistung, sondern darum, dass ich eine neue Chance bekomme, mit Gott und dadurch mit den Menschen neu in Beziehung zu kommen.

Das klingt ja nach einem Angebot mit einer frohen Botschaft, oder?

Frank Nienhaus, Leiter des Gertrudenstift Rheine, will authentisch und mit Freude von Gott sprechen, auch mit Corona-Frisur. | Foto: privat
Frank Nienhaus ist Leiter des Exerzitien- und Bildungshauses Gertrudenstift in Rheine-Bentlage. Nach dem Theologie- und Philosophiestudium sowie einem Stipendium zur interdisziplinären Erforschung des katholischen Milieus arbeitete Frank Nienhaus in St. Marien Münster-Sprakel mit. Zeitgleich absolvierte der 58-Jährige ein Fernstudium zum Betriebsleiter. Der fünffache Familienvater lebt in Emsdetten. | Foto: privat

Lassen Sie es mich noch einmal etwas anders erklären: Nach Johann Baptist Metz ist die kürzeste Definition von Religion die „Unterbrechung“. Übertragen auf diese "Corona-Fastenzeit" können wir das so sehen: Wir erleben eine radikale Unterbrechung unseres Alltags, wo wir uns neu bewusst machen können, was uns wichtig und heilig ist, und dass wir zuerst von Gott geliebt sind. Diese Beziehung besteht von Gott aus vorbehaltslos und ohne Voraussetzungen. Der Priester und Dichter Andreas Knapp, Mitglied im Orden der "Kleinen Brüder vom Evangelium", hat es so ausgedrückt: "Kehr um und entdecke, dass Gott [längst] hinter dir steht." Das halte ich für die schönste Botschaft überhaupt: Umdrehen, merken und spüren, dass Gott, den ich vergesse im Alltag, in der Hektik, längst bei mir ist; besser noch hinter mir steht. Und das ist in Corona, in den Zeiten, wo wir vielleicht weniger Stress haben und weniger oberflächliche Beziehungen bedienen müssen, eine tolle Möglichkeit, um sich genau das wieder klar zu machen.

Was für eine Vorstellung von Gott steckt dahinter?

Folgenden Impuls habe ich schon öfter gehalten und wurde dafür regelmäßig verständnislos angeschaut: "Du bist ein Wunsch Gottes, den er sich selbst erfüllt hat." Das halte ich für eine ganz fundamentale und prägende Aussage. Sie stammt übrigens von dem evangelischen Theologen und Neutestamentler Hans-Joachim Eckstein. Die Tiefe dieses Zitates zielt auf die Beziehung zwischen Gott und Mensch. Gott will mich nicht verändern, sondern zuallererst erreichen. In der Hingabe Gottes liegt die ganze Erlösung. Gott verschenkt sich. Unsere Erlösung - nicht nur in der Fastenzeit - liegt darin: Ich bin sein Wunsch, und Gott wird alles tun, um das, was er in mir geschaffen hat, vollkommen zu machen.

Was ist denn das Besondere an den Online-Exerzitien, die Sie jetzt in Rheine starten?

Angeboten werden diese bereits seit 2012. Im Advent haben unsere Referenten Spiritual Meinolf Winzeler und Dr. Maria Voss mit den Impulsen knapp 450 Menschen erreicht. Wir möchten auf niederschwellige Weise den Alltag unterbrechen und Gott ins Spiel unseres Lebens bringen: Das kann mit einem Lied, einem Text, einer Karikatur oder auch einem biblischen Impuls sein. Die Teilnehmer*innen können sonntags eine Rückmeldung verschicken, die individuell und vertraulich beantwortet wird. So kann ein intensiver Austausch stattfinden. „Atme auf - Gott sucht das Verlorene und trägt es heim“ lautet nun das Thema in dieser Fastenzeit. Die Nachrichten kommen nachts um drei Uhr zu den Teilnehmer*innen aufs Handy oder auf den Computer. Morgens auf dem Weg zur Arbeit, oder über den Tag können sie dann gelesen werden, als Pause, Kontrapunkt im Alltag oder intensive Besinnungszeit. Die positive Energie des Glaubens: Gott nimmt mich an, steht hinter mir, das soll spürbar werden. Dahinter steht die Haltung: Das Handeln und das Heilen Gottes ist das Erste, dann verändere ich mich. Als biblisches Beispiel dazu kann man sich die Geschichte vom Zöllner Zachäus vor Augen führen. Niemand will etwas mit ihm, dem Betrüger, zu tun haben, er ist verhasst. Aber Jesus geht erst einmal hin zu diesem Menschen und nimmt ihn vorbehaltlos an, was ihn wiederum Kraft gibt für eine radikale Veränderung.

Manchmal möchte man ja Beziehungen lieber „in Echt“ leben, anstatt in Chaträumen. Wie kommt man denn im Lockdown im Gertrudenstift in geschützten Kontakt?

Auch wenn wir aktuell unsere Kursangebote nicht umsetzten können, die meisten Mitarbeiter sind vor Ort. Unser Hygienekonzept erfüllt alle Anforderungen der Corona-Schutzverordnung und zwingt uns bei Wiedereröffnung auf eine Reduzierung der Gästezahlen auf die Hälfte. Das ist doppelt schade, da wir 2019 erstmals fast 10.000 Übernachtungen hatten und für 2020/21 viele kreative Angebote geplant waren. Dennoch ist die Kapelle des Bildungs- und Exerzitienhaus Gertrudenstift nach wie vor täglich zu bestimmten Zeiten geöffnet; ebenso laden wir mittwochs und samstags zu Eucharistiefeiern ein. Zudem gibt es in der Fastenzeit samstags und sonntags von 14.30 bis 16:30 Uhr Corona bedingt ein neues Angebot: „Kaffee to go and more“. Das ist quasi ein „Außerhausverkauf“ von Kaffee und Kakao mit einem kleinen Impuls extra. Alles gegen eine Spende für ein Projekt in Ruanda, mit dem die Gesundheitsstation in Kaduha unterstützt wird.

Haben Sie auch eine Empfehlung für Familien, wie sie diese Zeit für sich gestalten können?

Drei einfache Möglichkeiten finde ich wunderbar: Mit der Botschaft „Du bist ein Wunsch Gottes, den er sich selbst erfüllt hat“ kann jede Familie ganz kreativ umgehen! Denn dieser Satz muss ganz tief in die Herzen fallen. Die Buchstaben kann man abschreiben, anmalen oder aus Fimo formen und sichtbar in der Küche, oder einem anderen Ort, wo man häufig zusammensitzt, groß aufhängen. Eine weitere, ganz praktische Sache, die zum Reflektieren anregt: Im Haushalt einige Türklinken hochstellen.

Wie bitte?

Das macht man ursprünglich, wenn die Kinder ganz klein sind, und nicht beispielsweise durch die Flurtür die Treppe runterfallen sollen. So bekommen sie die Tür nicht auf. In unserem Alltagsimpuls werden die Klinken neu hochgestellt, verbunden mit der Botschaft: Gott ist schon längst da, er ist schon „heruntergekommen“; hier bei uns! Daran erinnere ich mich jedes Mal, wenn ich diese versetzten Klinken anfassen will. Auch das lässt sich mit einer Bibelstelle vertiefen, etwa im Markus-Evangelium (5, 21-43), wo es in der Geschichte über die blutflüssige Frau heißt, "wenn ich nur sein Gewand anfasse, werde ich heil". Dahinter steht das Vertrauen: Gott hat viel mehr Möglichkeiten als ich.

Und die dritte Sache?

Das ist ein Ansatz, da habe ich einfach ein Faible für. Er ist deshalb für mich unheimlich interessant, weil wir noch so viele Kreuze und Bildstöcke im Münsterland haben. Es ist ganz simpel: Sich mit Kindern mal einen Bildstock, eine Tafel oder ein Kreuzrelief in einer Kirche ganz genau anschauen. Die Bewegung, die darauf abgebildet ist, können die Kinder nachmachen, oder auf Papier abrubbeln, oder abzeichnen. Die Kinder können gut sagen, wie sich welche Person oder Handhaltung (an-)fühlt. Darüber können dann die Eltern mit ihren Kindern gut ins Gespräch kommen. Oft sind die Eltern zunächst unsicherer als die Kinder. So werden diese steinernen Denkmäler für mich immer auch Erinnerungsorte, die ich mit einer konkreten Ansprache verbinde. Meine Kinder lachen da manchmal drüber, aber ich gehe an keinem Kreuz oder Bildstock vorbei, ohne es zu grüßen.

Also wieder in Beziehung gehen zu Gott über eine Geste, eine Äußerung?

Genau. Ein ganz banales "Hey!" oder "Hallo guter Gott, schön dass du da bist" können da schon reichen. Wir haben einen reichen Schatz an Bildern, Gesten und Ritualen im Glauben, den wir für unsere Beziehungspflege nutzen können. Wir müssen als Kirche die Zeichen nur mehr erklären und mit Begeisterung authentisch vorleben.

Für die Online-Exerzitien „Atme auf - Gott sucht das Verlorene und trägt es heim“ des Gertrudenstifts kann man sich bis zum 15. Februar anmelden unter onlineexerzitien.gertrudenstift@bistum-muenster.de. Es entstehen keine Kosten. Über vier Wochen von Aschermittwoch bis zum 21. März bekommen die Teilnehmenden online einen Impuls. Jeweils sonntags gibt es zudem Gelegenheit für persönliche Rückmeldungen, die streng vertraulich behandelt und vom Referenten individuell beantwortet werden.

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