1,3 Millionen Euro von der Kirche für unabhängige Studie

Uni Münster arbeitet Missbrauchsfälle im Bistum Münster auf

Der Historiker Thomas Großbölting von der Universität Münster arbeitet mit einem vierköpfigen Team die Missbrauchsfälle im Bistum Münster durch Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige seit 1945 auf. „Wir werden auch Namen nennen, wenn es Verantwortungsträger gibt“, erklärte der Professor für Neuere und Neueste Geschichte am Mittwoch vor Journalisten. Es würden nicht nur Akten studiert, sondern auch Fallstudien erstellt und Interviews mit Betroffenen geführt.

Das Bistum Münster finanziert die Forschungen der Historiker mit 1,3 Millionen Euro. Eine entsprechende Zuwendungsvereinbarung wurde vom Rektor der Universität, Johannes Wessels, und vom Bistum Münster, vertreten durch Bischof Felix Genn, unterzeichnet.

„Maximale Unabhängigkeit vereinbart“

Bischof Felix Genn und Uni-Rektor Johannes Wessels unterzeichnen den Vertrag zur Studie. | Foto: Christof HaverkampBischof Felix Genn und Uni-Rektor Johannes Wessels unterzeichnen den Vertrag zur Studie. | Foto: Christof Haverkamp

Es sei „maximale Unabhängigkeit“ bei den Studien über den Umfang und die Zusammenhänge des Missbrauchsskandals vereinbart worden, erklärte Großbölting. Die Untersuchungen sollten nicht allein einen wissenschaftlichen Beitrag leisten, sondern auch die Prävention unterstützen. „Wir hoffen, dass wir nicht nur über die Betroffenen arbeiten können, sondern mit den Betroffenen“, unterstrich der Historiker, der von 2005 bis 2007 die Abteilung Bildung und Forschung bei der Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin leitete.

Das Bistum gewährleiste einen „uneingeschränkten Zugang“ zu seinen Akten und Notizen. Dies unterscheide die Arbeiten auch von der 2018 vorgestellten bundesweiten MHG-Studie, bei der es in vielen Diözesen nur einen mittelbaren Zugang über Bistumsmitarbeiter gegeben habe. Das Bistum Münster hatte für diese Aufgabe eine Rechtsanwaltskanzlei beauftragt.

Der Generalvikar des Bistums Münster, Klaus Winterkamp, erhofft sich von der Studie Erkenntnisse darüber, was in der katholischen Kirche falsch gelaufen und systemisch bedingt sei. Winterkamp unterstrich, sowohl der nordrhein-westfälische Teil des Bistums Münster als auch der niedersächsische Teil mit dem Oldenburger Land würden einbezogen. Er hoffe, dass erste Ergebnisse zeitnah und nicht erst in zweieinhalb Jahren vorgelegt würden, sondern es auch Zwischenschritte gebe.

„Größtmögliche Offenheit bei der Darstellung der Täter“

Die Ergebnisse sollen nach Angaben von Großbölting allgemein zugänglich veröffentlicht werden. Die Form der Dokumentation stehe bisher noch nicht fest. Um wissenschaftliche Standards einzuhalten, werde ein siebenköpfiger Beirat gebildet, dem auch Juristen und Sozialwissenschaftler angehören würden. Geplant sei eine „größtmögliche Offenheit“ bei der Darstellung der Täterseite und eine größtmögliche Rücksicht auf Betroffene.

Winterkamp erklärte, das Bistum erwarte nicht, „dass Ruhe einkehrt“ und sich das Image der Diözese durch die Studien und Veröffentlichungen bessere. Nach seiner Einschätzung ist auch künftig mit dem Bekanntwerden neuer Altfälle zu rechnen. Ziel des Bistums sei es, dem Anliegen der Betroffenen zu folgen und die Täter klar zu benennen. Außerdem erhofft sich der Generalvikar neue Erkenntnisse über die strukturellen und systemischen Ursachen des Missbrauchs.