BKU-Bundesvorsitzender Ulrich Hemel im Interview

Unternehmer: Kirche soll Glauben der Mitarbeiter nicht kontrollieren

Wie gerecht es in der Wirtschaft zugeht, dazu äußert sich die Kirche immer wieder. Doch wie sieht es bei ihr selbst aus? Einschätzungen von Ulrich Hemel, Bundesvorsitzender des Bundes Katholischer Unternehmer (BKU).

Herr Hemel, wie verhält sich aus Ihrer Sicht die Kirche als Arbeitgeber und Unternehmer?

Allgemeine Aussagen sind schwierig, denn die Kirche besteht aus vielen Einheiten. Zum Beispiel aus den Verwaltungen der Bistümer, den verschiedenen Caritas-Einrichtungen, katholischen Krankenhäusern, Ordensgemeinschaften und vielem mehr. Da wird auch in der Öffentlichkeit nicht genügend differenziert. Diese Einheiten sind eigenständig handelnde Unternehmen – und dabei reicht die Bandbreite von Paradies bis Alptraum.

Wie meinen Sie das?

BKU-Vorsitzender Ulrich Hemel. | Foto: privat
BKU-Vorsitzender Ulrich Hemel. | Foto: privat
Ulrich Hemel (62) ist nach Stationen bei der Boston Consulting Group und der Paul Hartmann AG – zuletzt leitend tätig als CEO – heute Inhaber der Firma „Strategie und Wert Unternehmensberatungs- und Beteiligungs-GmbH“. Zudem ist er Direktor des Weltethos-Instituts in Tübingen und Bundesvorsitzender des BKU.

Viele Beschäftigte in kirchlichen Unternehmen bringen Werte, die ihnen wichtig sind, in ihr tägliches Arbeitsleben ein. Das kann für große Arbeitszufriedenheit sorgen. Die Mitarbeiter können aber auch in sehr unangenehme Situationen geraten.

Zum Beispiel?

Da geht es vor allem um ethische Konfliktsituationen. Ich kenne den Fall eines Religionslehrers in einem süddeutschen Bistum. Seine Frau und er hatten entschieden, ihr Kind nicht als Säugling zu taufen, sondern es später selbst entscheiden zu lassen. Dieser Mann hat Schwierigkeiten mit der Kirche bekommen, zumal er ja als Religionslehrer im kirchlichen Kernbereich tätig ist. Dabei spricht alles dafür, dass er seinem Kind den Glauben nahe bringt, obwohl es noch nicht getauft ist.

Die Kirche vertritt Werte wie Nächstenliebe. Müsste sie sich dann nicht als Arbeitgeber sozialer verhalten als andere Unternehmer?

Es wäre sozialromantisch und geradezu unfair, zu erwarten, dass kirchliche Arbeitgeber aus Menschenfreundlichkeit auf notwendige Leistung verzichten. Die Anforderungen werden sich bei vergleichbaren Arbeiten nicht unterscheiden, idealerweise aber der Geist, in dem sie erbracht werden. Vielleicht herrscht ein anderer Umgang mit Mitarbeitern, oder es ist einem kirchlichen Unternehmen besonders wichtig, ein familienfreundliches Klima zu schaffen, Leistungen anzuerkennen und wertzuschätzen. Aber wenn ein kirchlicher Betrieb wirtschaftlich handelt, dann steht auch er in der Spannung zwischen sozialer Verantwortung und unternehmerischer Freiheit. Das muss ich bei der Bewertung von kirchlichem Handeln zugestehen. Sonst wäre es eine Lebenslüge, von „Unternehmen“ zu sprechen.

Der für Arbeitnehmerrechte engagierte Pfarrer Peter Kossen aus Lengerich hat jüngst kritisiert, dass auch die Caritas einzelne Arbeitsfelder und Dienstleistungen ausgliedert. Kossen zweifelt, ob die Kirche von solchen Möglichkeiten Gebrauch machen sollte…

Dem 1949 gegründeten Bund Katholischer Unternehmer gehören nach eigenen Angaben bundesweit etwa 1.200 Personen an. An diesem Freitag und Samstag hält er seine Jahrestagung in Heidelberg ab. | KNA

Solange sie sich an Gesetze und Tarifverträge hält, muss das möglich sein. Es gehört zum unternehmerischen Auftrag, den Bestand einer Firma zu sichern. Und dabei darf man auch Geld sparen. Stellen Sie sich vor, ein kirchlicher Betrieb gerät in wirtschaftliche Schwierigkeiten und es stellt sich heraus, die Leitung hat Gelegenheiten ausgelassen, Kosten zu sparen. Das würde dann doch auch kritisiert. Trotzdem gilt sozusagen ein verschärftes Willkürverbot. Wenn bessere Möglichkeiten nach Abwägung aller Aspekte zur Hand sind, müssen diese auch ergriffen werden.

Wo wünschen Sie sich Verbesserungen beim unternehmerischen Handeln kirchlicher Betriebe?

Die Kirche sollte wirtschaftlich „im Heute ankommen“, professionelle Standards und Verfahren anwenden. Hier hinkt die Kirche teilweise noch meilenweit hinterher und ist teilweise sogar stolz darauf. Da geht es zum Beispiel um Fragen wie: Wer wird eingestellt, wer befördert? Wer erhält Leitungsverantwortung? Nach welchen Kriterien wird das entschieden? Auch angesichts jüngster Arbeitsgerichtsurteile sollte sich die Kirche fragen, wann sie auf getauften Mitarbeitern besteht und wann nicht. Es soll kirchliche Beschäftigte geben, die die christliche Werthaltung mittragen und im Arbeitsalltag leben, aber nicht getauft sind. Dabei sollte ein Einstellungsgespräch immer wichtiger sein als ein Taufschein. Anders gesagt: Von jedem kirchlich Beschäftigten muss das innere und äußere Mittragen christlicher und humaner Werte verlangt werden können. Das ist aber etwas ganz anderes als die Formalität eines Taufzeugnisses oder gar eine immer problematische „Glaubensprüfung“. Werte mitzutragen, das kann man verlangen. Glauben aber ist doch sehr persönlich und entzieht sich letztlich der Beurteilung eines Arbeitgebers.