POLITIK

Donald Trump gegen Papst Leo XIV.: Was sie trennt, aber auch verbindet

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Ist der Pontifex einfach nur ein Gegengewicht zum US-Präsidenten? Oder steckt dahinter eine andere, mutmachende Strategie des Vatikan?

An allen Ecken und Enden bekommen wir derzeit Übles über Donald Trump zu lesen – und jetzt auch noch hier, im kirchlich-geschützten Bereich? Aber es bringt ja nichts, das Thema wegzudrücken. Und außerdem hat es auch etwas mit uns Katholiken zu tun, denn einer der wichtigsten Gegenspieler des pöbelnden US-Präsidenten ist immerhin einer von uns. Ich meine den Papst.

Leo XIV. als Anti-Trump? Da ist etwas dran. Die „New York Times“ nennt den US-Pontifex ein „politisches und charakterliches Gegengewicht“ zum derzeitigen Mieter des Weißen Hauses. Auf der einen Seite Trumps „prahlerische Inkonsequenz“, auf der anderen Seite Leos „sanfte, aber bestimmte Würde“.

Höflich-bescharrlicher Widerspruch

Der Autor
Stefan von Kempis, geb. 1970, leitet das deutschsprachige Programm von Radio Vatikan/Vatican News. Er studierte in Bonn, Freiburg und Paris Geschichte und Theologie sowie in Rom und Kairo Islamwissenschaften. Er wohnt in Rom, ist mit einer Spanierin verheiratet und hat zwei Kinder.

In vielen Punkten widerspricht der Papst Trumps Politik, wenn auch auf eine höflich-beharrliche Weise. Nach dem US-Luftschlag auf Caracas erinnerte er daran, dass Venezuelas Souveränität zu respektieren sei. Zu Trumps Versuchen, sich über die Köpfe der Europäer hinweg mit Russland auf einen Waffenstillstand in der Ukraine zu verständigen, bemerkte er, so etwas sei „nicht realistisch“, der Krieg finde nun mal in Europa statt.

Um den Jahreswechsel herum beklagte er in einer Kaskade von Ansprachen „Strategien, die darauf abzielen, Märkte, Gebiete und Einflussbereiche zu erobern“, und verurteilte eine „Diplomatie der Stärke“. Außerdem geißelte er die um sich greifende Tendenz, Worte als „eine Waffe“ einzusetzen, „mit der man Gegner täuschen oder aber treffen und beleidigen kann“. Ein Schelm, wer bei diesen Worten nicht an Mister Trump denkt.

Schnittmengen zwischen Rom und Washington

Und doch scheint es mir zu einfach, zu reduktiv, den Papst lediglich als Gegenpol zu Trump zu begreifen. Zum einen, weil er sich spürbar darum bemüht, den Gesprächsfaden nach Washington nicht abreißen zu lassen, indem er einzelne Trump-Initiativen (zum Beispiel den Gaza-Friedensplan) lobt. Zum anderen, weil der Unterschied in der Form (kein Getöse, kein Getue bei Leo) überdeckt, dass es inhaltlich eben doch manche Schnittmenge zwischen Rom und Washington geben könnte. 

Das wurde spätestens in der Neujahrsrede des Papstes vor Diplomaten klar, als er Einschränkungen der Meinungsfreiheit in westlichen Ländern beklagte. Dies ist aber genau der Punkt, den US-Vizepräsident Vance letztes Jahr bei der Münchner Sicherheitskonferenz vorgetragen hat. Vances Rede stieß damals in der EU auf ungläubiges Entsetzen; die softer vorgetragenen Einlassungen Leos, die in dieselbe Richtung zu zielen scheinen, ließen nun den Münchner Kardinal Marx „unschlüssig“ zurück.

Denkt Leo XIV. schon weiter?

Die „New York Times“ geht davon aus, dass Leo XIV. nicht unbedingt Streit mit Trump sucht, sondern über diesen schon hinausblickt, auf eine Nach-Trump-Weltordnung. Leo ist mit 70 Jahren noch relativ jung für einen Papst und kann, wenn alles gutgeht, mit einem längeren Pontifikat rechnen. Trump hingegen wird im Juni 80 und scheidet (auch hier darf man hinzufügen: wenn alles gutgeht) in drei Jahren aus dem Amt.

Falls die Zeitung recht hat mit ihrer Analyse, dann will der in Amerika geborene Papst dabei mithelfen, dass nach dem Wirbelsturm Trump ein globales System entsteht, bei dem es wieder um „staatsmännische Haltung (geht) und nicht um Deals“. Um ein multilaterales Streben nach Gemeinwohl, nicht um nationalen Egoismus. Um die Stärke des Rechts, nicht das Recht des Stärkeren.

Ist doch eigentlich beruhigend, dass im Vatikan schon jemand die Zeit nach Trump ins Auge gefasst hat, statt sich vom bösartigen Aktionismus des US-Präsidenten verrücktmachen zu lassen.

In unseren Gast-Kommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

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