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Johannes S. heißt eigentlich Winfried Behlau. Sein Leben fängt mit einer Vergewaltigung an. 2012 erzählt er gegenüber Kirche+Leben seine Geschichte.
Dieser Artikel erzählt die Geschichte von Winfried Behlau und erschien zuerst im Familien-Journal, Ausgabe 37/2012, von Kirche+Leben. Damals bat Behlau noch um Anonymisierung, er wird hier Johannes S. genannt. Kirche+Leben veröffentlicht den Text unverändert.
Johannes S. erfuhr mit 13 Jahren, dass sein Vater ein russischer Soldat ist. Der hatte die Mutter in den ersten Nachkriegstagen vergewaltigt und war auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Seit jener Zeit änderte sich im Leben des Jungen alles. Bis heute schmerzen die Narben aus Scham, Verleugnung und schlüpfrigen Anspielungen der Erwachsenen, die ihm seit früher Jugend zugefügt wurden.
Das Schweigen, das irgendwann auch Teil seiner selbst wurde, versucht er behutsam zu lösen. Vergewaltigungen gehören zu den abscheulichsten Kriegsverbrechen. Das Leid der Frauen wird langsam in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Doch was ist mit den Kindern dieser sexuellen Kriegsgewalt?
Wen Johannes S. seinen Vater nannte
Die ZDF-Reportagereihe „37 Grad“ berichtet am Dienstag, 9. Juni 2026, um 22.15 Uhr über die Geschichte von Winfried Behlau. Kirche+Leben weiß, worum es geht.
Lügen, Vertuschen, Verschweigen, Weglassen, Umschreiben – Johannes S. (alle Namen geändert) hat seine Lektionen früh von den Erwachsenen gelernt. Wenn zu Beginn jedes neuen Schuljahres der Name und Beruf des Vaters in das Klassenbuch eingetragen werden mussten, ergriff ihn ein lähmender Schock. Keine Prüfung, kein Lebenslauf, keine Bewerbung ohne Angaben zum Familienstand.
Johannes S. nannte dann meist den Namen des Mannes, der seiner Mutter Maria ein liebevoller Gatte und seinen beiden älteren Schwestern ein guter Vater gewesen war. Das tat er, obgleich dieser „Vater“ bereits vier Jahre vor seiner Geburt im Zweiten Weltkrieg als Soldat gefallen war. Später machte Johannes S. gar keine Angaben mehr und begründete das mit „den Kriegswirren“. Immer aber schwebte wie ein grausames Damokles-Schwert die Angst vor Entdeckung über ihm. Was würden Klassenkameraden, Freunde, Lehrer, Nachbarn und Kollegen von ihm denken, wenn sie die Wahrheit über seine Herkunft wüssten?
Mutter gibt seinen Vater preis
Als kleiner Junge hatte sich Johannes S. nie darüber gewundert, dass sein Vater Alois bei seiner Geburt bereits vier Jahre tot war. Er hatte sich immer als eine Art „Nachgeburt“, als Nachgeborener, gefühlt, das war für ihn natürlich und in Ordnung gewesen und hatte ihm Sicherheit gegeben. Einen Tag nach seinem 13. Geburtstag nahm ihn die Mutter zur Seite und fragte: „Weißt du, wo die kleinen Kinder herkommen?“ Dann sagte sie ihm, wer sein Vater wirklich war: ein russischer Soldat, der sie im Juli 1945 und vor der Flucht aus dem heutigen Polen vergewaltigt hatte. „Nachdem Mutter mir das erzählt hatte, atmete sie tief durch und ging in die Küche“, erinnert sich Johannes S.. Das Einzige, was er habe antworten können, war: „Du hast mich trotzdem lieb!“
Nach dieser Offenbarung versiegelte die Mutter ihren Mund und sprach fortan nie wieder über die Tat. Bis heute nicht. Und Johannes S. gesteht: „Ich habe es auch nie richtig versucht. Sie blockte immer ab.“ Heute habe es noch weniger Sinn als früher, die inzwischen 98-Jährige aufzustören. „Sie ist dement und kann sich nicht mehr erinnern“, sagt er. Seit jenem Tag im Jahr 1959 teilt Johannes S. seine Jugend in zwei Teile: in einen weitgehend unbeschwerten Teil, in dem er zwar einen toten, aber ehrenwerten Vater mit dem anständigen Beruf eines Schuhmachermeisters gehabt hatte, und einen Teil, in dem das Verdecken, Verstecken und die Scham ihren Ursprung nahmen. „Mutter hatte eine große Familie, alle hatten tolle und spannende Lebensläufe“, sagt der heute 66-Jährige. So mancher Anverwandte ließ das Kind allerdings mit Anspielungen aufmerken, die es erst als Erwachsener richtig verstand. Da fiel schon mal das Wort vom „Bankert“ oder „Bastard von der Straße“. Erst später begriff Johannes S., dass er damit gemeint war. Ein Nachbarkind hänselte: „Du bist ja ein Pole!“