MISSBRAUCH

Theologinnen: Kategorie „Märtyrerinnen der Reinheit“ ist nicht mehr tragbar

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Bis heute wird der heiligen Maria Goretti gedacht. Darin erkennen die Regensburger Wissenschaftlerinnen um Ute Leimgruber eine  „Täter-Opfer-Umkehr“.

Von KNA

Am Gedenktag der heiligen Maria Goretti erklären drei Regensburger Theologinnen, dass die Kategorie der „Märtyrerinnen der Reinheit“ angesichts tausender in der Kirche missbrauchter Frauen und Mädchen nicht länger haltbar sei. Es sei Zeit für eine Intervention mit Blick auf die Verehrung Gorettis als „Märtyrerin der Jungfräulichkeit“, schreiben die Pastoraltheologinnen Ute Leimgruber und Philippa Haase sowie die Exegetin Judith König in einem Gastbeitrag für katholisch.de.

Das elfjährige Mädchen hatte sich 1902 gegen einen Vergewaltigungsversuch gewehrt – daraufhin stach der Täter auf sie ein und sie starb an den erlittenen Verletzungen. „Generationen katholischer Mädchen wurde (und wird) sie seitdem als Vorbild präsentiert – inklusive der Botschaft, es sei besser, zu sterben, als die eigene sexuelle ‚Unberührtheit‘ preiszugeben“, schreiben sie.

Die drei Wissenschaftlerinnen verweisen auf einen im Missbrauchsgutachten des Bistums Fulda geschilderten Fall, in dem der Täter sein Opfer aufgefordert habe, Goretti zu spielen und sich gegen seine Taten zu wehren. Er selbst habe sich mit Gorettis Vergewaltiger Alessandro Serenelli identifiziert. Die Betroffene habe hier die religiöse Botschaft nicht als Schutz, sondern als zusätzliche Verletzung erfahren.

Genug gegen Vergewaltigung gewehrt?

Betroffene sexueller Gewalt seien immer wieder mit der Frage konfrontiert, ob sie sich auch ausreichend gewehrt hätten. Dabei seien die Reaktionen auf solche Angriffe ganz unterschiedlich: Manche erstarrten, andere passten sich der Situation an, wieder andere erlebten das Geschehen wie von außen – alles Schutzmechanismen angesichts einer existenziellen Bedrohung.

„Die Erfahrungen von Betroffenen zeigen, dass normative Erzählungen über Mädchen und Frauen, die lieber sterben würden als sexuelle Gewalt zu erleiden, Schuldgefühle verstärken, Scham vertiefen und den Eindruck erwecken können, man habe versagt, wenn man Gewalt überlebt hat“, schreiben die Theologinnen.

Täter-Opfer-Umkehr

In der Verehrung des Mädchens als „Märtyrerin der Reinheit“ erkennen die Wissenschaftlerinnen eine Täter-Opfer-Umkehr: „Anstatt den Täter und seine Tat in den Blick zu nehmen, schaut man auf Mädchen und Frauen und ihre Sexualität.“ Was heute als problematische Strategie der Schuldabwehr erkannt werde, bleibe in kirchlichen Deutungen oft unreflektiert.

Sie betonen, selbst Kirchenvater Augustinus (354–430) habe schon festgestellt, „dass die Sünde der Vergewaltigung immer ausschließlich dem Täter zuzurechnen ist und dass ‚die leibliche Keuschheit durch gewaltsam erlittene Notzucht nicht verloren geht‘“.

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