Pfarrer Thorsten Schmölzing aus Rhede über Gemeindeleben in Corona-Zeiten

„Verständnis für Einschränkungen und große Hilfsbereitschaft“

Keine Taufe, keine Trauungen, Beerdigungen nur im kleinen Rahmen. Wie eine Pfarrei mit der Corana-Krise umgeht, dazu äußert sich Pfarrer Thorsten Schmölzing von der Pfarrei St. Gudula in Rhede.

Gottesdienste, Teambesprechungen und Hausbesuche fallen aus oder werden stark eingeschränkt. Wie stellt sich derzeit das Pfarreileben in St. Gudula dar?

Wir alle stehen vor der Herausforderung, dass wir miteinander in Verbindung bleiben und solidarisch sind, während wir direkten persönlichen Kontakt vermeiden müssen. Das trifft uns als christliche Glaubensgemeinschaft besonders, weil uns im Moment wichtige Formen genommen sind, durch die wir ansonsten Halt, Orientierung und Trost erfahren. Denn wir können uns ja nicht in unseren gewohnten Gruppen und Verbänden treffen oder uns im Gottesdienst zum gemeinsamen Gebet versammeln. Vielen von uns wird in dieser Zeit deutlicher, welchen Wert diese Aspekte unseres Zusammenlebens als Glaubensgemeinschaft für das eigene Leben haben.

Was tun Sie, um Gemeinschaft zu fördern?

Wie viele andere Pfarreien versuchen auch wir, Angebote zu machen, die trotz räumlicher Distanz das Gefühl von Verbundenheit miteinander ermöglichen: Gemeinsam mit der evangelischen Kirche in Rhede lassen wir jeden Abend um 19.30 Uhr die Glocken läuten – als Impuls, zu diesem Zeitpunkt ein Gebet zu sprechen. Als äußeres Zeichen der Zuversicht, dass Gott uns in der aktuell schwierigen Situation begleitet, können Gemeindemitglieder dazu eine Kerze ins Fenster stellen.

Wir haben alle Gemeindemitglieder dazu eingeladen, füreinander zu beten. Gleichzeitig nehmen die Mitglieder des Seelsorgeteams auch per Mail oder Brief Gebetsanliegen entgegen, die sie dann in ihren persönlichen Gebetszeiten aufgreifen. Dies gilt insbesondere für die Priester, die regelmäßig Messe feiern.

Immer wieder veröffentlichen wir Impulse für das persönliche Gebet, die auf unserer Homepage eingestellt und in unseren Kirchen verteilt werden.

Darüber hinaus zeigt sich in unserer Pfarrei und in der ganzen Stadt Rhede eine recht ausgeprägte wechselseitige Aufmerksamkeit. Ich erlebe viel Solidarität und Unterstützung – in Familien, Nachbarschaften und kirchlichen Gemeinschaften, die sich in praktischer Hilfe oder fürsorglichen Telefonaten äußert.

Wie kommunizieren Sie mit den Gemeindemitgliedern?

Die Gremien, Gruppen und Verbände der Pfarrei haben alle ihre Treffen abgesagt. Im Moment kommt ausschließlich der Krisenstab, der insgesamt aus vier Personen besteht, zu Gesprächen zusammen. Wenn andere Gruppierungen ­wie zum Beispiel das Seelsorgeteam oder Ausschüsse des Kirchenvorstandes – Wichtiges und Drängendes abzustimmen haben, geschieht dies per Mail oder per Telefon. Das Seelsorgeteam hält seine Dienstbesprechungen zurzeit in Form von Telefonkonferenzen ab.

Jeden Abend bekommen die Mitglieder des Seelsorgeteams, des Pfarreirates und des Kirchenvorstandes sowie die engsten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von mir eine Mail, in der ich die wichtigsten Informationen des Tages zusammenfasse. Ich schließe dann immer mit einem geistlichen Gedanken, der mich im Laufe des Tages getragen hat. Für mich ist das meine Form, Verbundenheit bei räumlicher Distanz zu leben.

Welche Rolle spielen die sozialen Medien und das persönliche Gespräch?

Insgesamt ist unsere Homepage im Moment eine wichtige Plattform der Kommunikation. Dort veröffentlichen wir zeitnah wichtige Informationen über den Umgang der Pfarrei mit der Corona-Krise. Außerdem stellen wir ab diesem Wochenende dort auch Anregungen zur Besinnung und zum persönlichen Gebet ein.

Soweit die Zeit dazu ist, nehmen die Mitglieder des Seelsorgeteams auch Kontakt zu Gemeindemitgliedern auf, um zu hören wie es ihnen geht. Bei Erwachsenen ist das in der Regel ein Telefonat, bei Jugendlichen geht es eher über andere Kanäle.

Für mich persönlich sind das intensive Unterhaltungen, in denen zur Sprache kommt, wie unterschiedlich Menschen von der Ausbreitung des Coronavirus betroffen sind: Manche befinden sich in Quarantäne, andere sind selbständige Unternehmer und machen sich Sorgen um ihre wirtschaftliche Existenz, wieder andere haben in ihrem direkten Umfeld jemanden mit einer hoch risikohaften Vorerkrankung und bei manchen kommen in der vielen freien Zeit plötzlich alte Geschichten aus ihrem Leben wieder hoch.

In jedem Fall stellt die aktuelle Lage viele vor persönliche Herausforderungen. Darum haben wir auf unserer Homepage und auf den Gebetszetteln, die in unseren Kirchen ausliegen, auch ausdrücklich darauf hingewiesen, dass unser Seelsorgeteam für die Begleitung zur Verfügung steht. Allerdings geht das in Regel nur per Telefon oder Mail. In besonderen Fällen besuchen wir aber natürlich auch zu Hause, zum Beispiel für eine Krankensalbung.

Wie werden Sie die Tauffeiern gestalten?

Bis zum 19. April sind alle Taufen abgesagt, wobei sich schon vor Veröffentlichung der Maßgabe des Bistums viele Familien gemeldet haben, um nach einem Ausweichtermin zu fragen.

Die Brautpaare bereiten ihre kirchlichen Trauungen und Hochzeitsfeiern vor. Die klassischen Hochzeitsmonate sind Mai und Juni. Wie laufen hier Ihre Vorbereitungen und die Gespräche mit den Paaren?

Für die nächsten Wochen musste eine Trauung abgesagt werden, weil sie vor dem 19. April stattfinden sollte. Alle anderen Paare warten zurzeit ab, wie sich die Lage entwickelt. Die Vorbereitungsgespräche, die vor Ostern geplant waren, sind aber schon auf die Zeit nach Ostersonntag verlegt worden.

Beerdigungen sollen nur noch im kleinsten Rahmen begangen werden. Wie können sie noch würdevoll gestaltet werden? Wie reagieren die trauernden Angehörigen?

Wir sind froh, dass die nordrhein-westfälischen Diözesen mit der Landesregierung vereinbaren konnten, dass bis auf Weiteres Trauerfeiern mit bis zu 20 Personen stattfinden können. Weil diese nur außerhalb von geschlossenen Räumen gefeiert werden sollen, können wir im Moment keine Messe feiern, was für manche Familien ein Verzicht ist.

Vor allem aber bedeutet die Begrenzung auf 20 Personen, dass zum Teil nicht einmal die engste Familie teilnehmen kann. Denn hier im Westmünsterland sind die Familien oft groß, so dass jetzt zum Beispiel die Geschwister eines Verstobenen nicht dabei sein können, mit Kindern deren Partnern und Enkelkindern das vorgegebene Maß schon voll ist.

Insgesamt zeigen die Familien durchaus Verständnis für diese Regelung – zumal sie uns allen ja vorgegeben ist. Für jeden einzelnen, der gern an einer Beerdigung teilgenommen hätte, aber nicht die Möglichkeit dazu hat, ist die Situation natürlich sehr belastend und traurig.

Die Messdiener Ihrer Pfarrei und Kaplan Stefan Rosenbaum haben eine Solidaritäts-Aktion ins Leben gerufen. Die Jugendlichen helfen alten und in der Mobilität eingeschränkten Menschen bei der Beschaffung von Dingen des täglichen Bedarfs. Wie verläuft die Aktion?

Ich finde großartig, dass unsere Messdienerinnen und Messdiener die Initiative ergriffen haben, die Hilfsaktion „Rhede2gether“ ins Leben zu rufen. Für mich ist das Engagement der mittlerweile 60 Jugendlichen ein schönes Zeichen dafür, was kirchliche Jugendarbeit bewirken kann: Dass junge Menschen mit der Botschaft Jesu in Berührung kommen und sich davon leiten lassen, wenn es darauf ankommt.

Mittlerweile haben sich schon einige ältere Personen gemeldet und konkret nach Hilfe gefragt. Andere haben angekündigt, dass sie bestimmt in der nächsten Woche Unterstützung benötigen, weil bis dahin ihre Vorräte aufgebraucht sind. Insofern ist davon auszugehen, dass die Hilfsaktion in den nächsten Tagen an Fahrt aufnimmt.

Wenn Sie einen Wunsch hätten: Wie könnte und sollte sich das Gemeindeleben in diesen dramatischen Wochen verändern?

Ich nehme wahr, dass manchem erst durch den auferlegten Verzicht auf kirchliche Angebote bewusst wird, welche Bedeutung der christliche Glaube für das gesellschaftliche Leben und für die persönliche Lebensgestaltung hat. Insofern bringen uns diese Tage vielleicht deutlicher als sonst mit unseren tiefen Sehnsüchten in Berührung – nach Gottes Segen, aber auch nach der Erfahrung von christlicher Gemeinschaft.

Es wäre schön, wenn diese Klärung bei uns als Glaubensgemeinschaft bewirkt, dass wir uns in der aktuell schwierigen Lage vielleicht entschiedener als sonst an der Botschaft Jesu orientieren. Er sagt uns zu, dass wir von Gott gehalten sind, selbst wenn uns manches aus den Händen gleitet. Er lädt uns ein zur tätigen Nächstenliebe gegenüber Bedürftigen. Er schenkt uns die Hoffnung, dass Gott Möglichkeiten eröffnet, wo wir auf die Einschränkungen fokussiert sind.