Bei „Woche der Brüderlichkeit“ in Recklinghausen

Vertreter von Kirchen und Judentum warnen vor Rechtspopulismus

Vertreter der christlichen Kirchen und des Judentums sind besorgt über einen zunehmenden Antisemitismus in Deutschland. Antisemitische Beleidigungen und Straftaten hätten in den vergangenen Jahren in erschreckendem Maße zugenommen, erklärte der Erfurter katholische Bischof Ulrich Neymeyr am Montag bei einem Treffen von Kirchenvertretern und Rabbinern zur „Woche der Brüderlichkeit“ in Recklinghausen. Die aggressive Rhetorik von Rechtspopulisten sei dazu geeignet, die Kultur öffentlicher Debatten und das gesellschaftliche Zusammenleben nachhaltig zu beschädigen.

„Wir dürfen nicht zulassen, dass der Respekt, den wir jedem Menschen schulden, als ,Gutmenschentum' oder ,politische Korrektheit' lächerlich gemacht wird“, sagte Neymeyr. Die Achtung vor der Würde des Menschen sei kein Tabu, das es zu brechen gelte, sondern die moralische Grundlage des Zusammenlebens einer Gesellschaft.

Rechtspopulismus als Symptom einer verängstigten Gesellschaft

Der Berliner Rabbiner Jonah Sievers sagte: „Leider mussten wir in der letzten Zeit erkennen, dass der latent immer schon vorhandene Antisemitismus seine hässliche Fratze immer ungenierter in der Öffentlichkeit zeigt, sei es als klassischer Antisemitismus oder getarnt als Israel-Kritik.“ Dieser Zustand sei nicht hinnehmbar.

Der evangelische hannoversche Landesbischof Ralf Meister sieht Rechtspopulismus als Symptom einer verängstigten Gesellschaft. Dafür sei auch ein beschleunigter sozialer Wandel verantwortlich. Es gehe darum, „Abstiegsängste wahrzunehmen, Gespräche zu führen, Konflikte auszutragen“, so Meister. Grenzüberschreitungen, mit denen die Grundlagen der demokratischen Kultur verschoben werden sollen, seien nicht hinnehmbar.

Rabbiner: Sündenbockstrategie der Rechtspopulisten

Rabbiner Avraham Yitzchak Radbil aus Osnabrück verwies auf die Sündenbockstrategie der Rechtspopulisten. Jeder Rechtspopulist versuche, den eigenen Bürgern zu vermitteln, dass sie „die eigentlichen Opfer im eigenen Land sind, die von den Fremden schamlos ausgebeutet und gefährdet werden“. Radbil forderte, Hasspredigten und fremdenfeindlichen Äußerungen vehement entgegen zu treten.

Die bundesweite „Woche der Brüderlichkeit“ war am Sonntag in Recklinghausen eröffnet worden. Sie richtet sich gegen weltanschaulichen Fanatismus und religiöse Intoleranz. Bis Sonntag finden unter dem Motto „Angst überwinden – Brücken bauen“ zahlreiche Veranstaltungen statt. Die Woche wird seit 1952 vom Deutschen Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit veranstaltet.