Ario Patto hat 4.000 Kilometer aus dem Irak hinter sich

Vom Flüchtling aus Kurdistan zum Reli-Lehrer in Vechta

Was bedeutet ihm Heimat? „Freunde, Arbeit, vielleicht irgendwann eine Familie“, sagt Aria Patto und lächelt. So gesehen könnte Deutschland einmal so etwas für ihn werden, ist es vielleicht sogar schon ein bisschen.

Denn er ist auf gutem Weg: Der 31-Jährige, der vor vier Jahren aus dem Irak nach Deutschland flüchtete und der möglicherweise schon bald als Lehrer für Religion und Sport vor einer Oberschulklasse steht, in Vechta, Cloppenburg oder Lohne vielleicht. So jedenfalls sieht der Plan aus.

Iraker wird vielleicht Pastoralreferent

Vielleicht beginnt er aber auch die Ausbildung zum Pastoralreferenten. Genau weiß der schlacksige Iraker das noch nicht. Derzeit holt er an der Universität Vechta fehlende Prüfungen  für die Zulassung für ein Referendariat nach. Dann wird er weitersehen.

Dabei ist er eigentlich längst Lehrer. Im Irak braucht man nur ein Fach. Er hat Sport studiert und schon fünf Jahre unterrichtet, unter anderem an einem Gymnasium. So lange, bis er es immer mehr mit der Angst zu tun bekam, als Mitglied der christlichen Minderheit im Irak.

„Das Problem ist nicht die Mehrheit“, sagt Aria Patto. „Die meisten meiner Freunde sind Muslime, und wir leben bei uns so miteinander, wie Menschen leben sollten. Aber es gibt immer ein paar, die das kaputt machen. Und dann wird es gefährlich.“ Gerade für ihn, der gerne diskutiert und Dinge beim Namen nennt, die er als falsch erkennt.

Die Flucht aus dem Irak fiel ihm schwer

Wie gefährlich das sein kann, wusste er. „In den 1980-er Jahren ist ein Pries­ter unserer Gemeinde umgebracht worden.“ Später sein Cousin und dessen Sohn am selben Tag.
Seine Flucht nach Deutschland war keine einfache Entscheidung. „Ich hatte eine schöne Wohnung, einen guten Job und verdiente sehr gut.“

Die Behörden haben seinen Asylantrag anerkannt. Mittlerweile lebt er in Vechta, rund 4000 Kilometer entfernt von seiner Heimatstadt Shaqlawa. Die liegt etwa 50 Kilometer nördlich von Erbil, der Hauptstadt der Region Kurdistan im Norden des Irak.

Katholisch gelebt im Irak

„In Shaqlawa lebten ein paar Hundert katholische Familien“, erklärt Aria Patto. Sie gehören zur mit Rom unierten chaldäisch-katholischen Kirche. Sein Elternhaus liegt gegenüber dem Gotteshaus. Den Glauben hat er dort mit der Muttermilch aufgesogen. Seine Geschwister sangen im Kirchenchor. Wie sein Bruder hat er als Subdiakon zum Beispiel den Lektorendienst übernommen.

Auch Theologie hat er schon studiert, um als Katechet zu unterrichten, ehrenamtlich, freitags oder in den Ferien. Aria Patto besuchte dafür das Babel-Kolleg, die einzige katholische Fakultät im Irak. Gegründet wurde sie 1991 in Bagdad. Nach der Ermordung mehrerer Professoren und Studenten verlegte sie ihren Sitz nach Kurdistan, nach Ankawa, einen Vorort von Erbil.

Flüchtling wollte schnell lernen

In Deutschland ging es Ara Patto darum, schnell zu lernen und einen Platz in seiner neuen Heimat zu finden. Anfangs hat er sich selbst Deutsch beigebracht, später besuchte er Sprachkurse an der Universität in Vechta.

Weil er oft anderen Flüchtlingen als Dolmetscher half, sprachen sich seine Sprachkenntnisse und Hilfsbereitschaft bald herum. Außer Deutsch und Englisch spricht Aria Patto unter anderem Aramäisch, Kurdisch und Arabisch.

Iraker half in katholischer Schule

Bei den Maltesern absolvierte er eine Ausbildung zum Integrationslotsen, an der bischöflichen Ludgerus-Oberschule half er als Sprachlehrer und Dolmetscher. Fast alles leistete er ehrenamtlich. „Ich habe ja selbst auch viel Hilfe von anderen bekommen“, sagt er, „und für meinen Lebensunterhalt gab es ja Geld vom Staat. “

Dass er in Vechta gelandet ist, nennt Aria Patto einen Glücksfall und schwärmt von der Hilfsbereitschaft vieler Menschen. Flüchtlinge in großen Städten erzählen ihm ganz andere Geschichten: „Sie haben keine deutschen Freunde, keinen Kontakt, hören niemals ein Hallo.“ Er erlebt das ganz anders.

Ausbildung zum Religionslehrer

Derzeit holt er an der Universität Vechta Module und Prüfungen nach, um auch in Deutschland als Lehrer arbeiten zu können, für Sport und Religion. Etwa die Hälfte hat er schon geschafft. Einiges liegt noch vor ihm, auch ein paar schwierige Module und das Referendariat.

Und da ist noch die Idee, auf die Aria Patto in seiner Zeit in der Asylbewerber-Unterkunft in Damme gekommen ist, im Kontakt mit Pastoralreferent Josef Peters. „Da habe ich gesehen, dass das, was ich früher ehrenamtlich gemacht habe, hier in Deutschland ein richtiger Beruf sein kann.“ Auch dieser Gedanke arbeitet noch in ihm. Eine Zulassung für die Ausbildung zum Pas­toralreferenten hat er bereits, er soll aber zunächst sein Studium beenden. Mit einer halben Stelle könne er in der Hochschulgemeinde schon mal praktische Seelsorge-Erfahrungen sammeln. „Danach kann ich mich immer noch entscheiden.“

Angebote in der Hochschulgemeinde

Die Arbeit mit Studenten liege ihm, sagt er. Aria Patto ist zum Beispiel bei Gemeindeabenden in der Kirche am Campus dabei. Zu seinen Koch­abenden mit arabischen Gerichten kamen zuerst 20 und zuletzt 60 Teilnehmer.

Seine Zukunft ist auf gutem Weg, sicher. Aber für immer Deutschland heißt vielleicht auch: Nie wieder zurück in den Irak. Das schmerzt ihn.  Freunde und Erinnerungen der ersten 27 Jahre seines Lebens weiß er dort. Und seine Familie.

„Ich war gerade drei Monate in Deutschland, als ich die Nachricht vom Tod meines Vaters bekam. Und ich konnte nicht hin.“ Seit fünf Jahren hat er seine Mutter nicht mehr gesehen. „Das ist megaschwierig für mich. Aber für sie ist es noch viel schwieriger.“