Menschen urteilen und richten über andere – zu Recht?

Vom »moralischen Zeigefinger« und von falschen Richtern

Zeigefinger
Der Zeigefinger ist Hinweiser, Bestimmer und fieser In-die-Seite-Piekser.Foto: Petra Bork / pixelio.de

Der Zeigefinger ist Hinweiser, Bestimmer und fieser In-die-Seite-Piekser. Auch als »moralischer Zeigefinger« ist er berüchtigt. Menschen urteilen und richten über andere. Aber ist das nicht eigentlich anmaßend?

Ich muss Ihnen von Tante Elfriede erzählen! Sie wohnte in Düsseldorf, ist vor einem Jahr gestorben und war als Tochter des Bruders meiner Urgroßmutter sicherlich nicht meine Tante. Dennoch: Mit Tante Elfriede verbinde ich grandiose Herbstferienerlebnisse aus Kinderzeiten. Erstens ihren grandiosen Rotkohl mit einem Extraklacks Johannisbeergelee. Zweitens ihren Ohrensessel im Wohnzimmer, in dem stehend mein Bruder und ich die startenden Flieger vom Düsseldorfer Flughafen beobachten konnten.

Und drittens: echte rheinische Lebensweisheiten. Wenn wir in die Stadt fuhren, erklärte sie uns: »Jetzt schauen wir uns erst mal all das an, was wir uns nicht kaufen werden.« Vor Betreten der Kaufhäuser ermahnte sie uns: »Das Berühren der Figüren mit den Pfoten ist verboten.« Und wenn wir Jungs vom Land in der großen Stadt etwas eigentümliche Menschen sahen, bläute sie uns ein: »Man zeigt nicht mit dem Finger auf andere Leute. Sonst fällt der Finger ab.«

Nicht mit dem Finger auf andere Menschen

Warum ist das eigentlich so? Warum zeigt man nicht mit dem Finger auf andere Menschen? Vordergründig natürlich, weil man jemanden damit bloßstellen könnte. Tatsächlich aber gilt der ausgestreckte Zeigefinger seit der Antike als eine Geste der Kraftübertragung; besonders gefährlich war es allerdings, wenn man auf Kranke oder Leidende zeigte – da glaubte man, der Zeigefinger würde dessen Leid auf mich übertragen.

Überhaupt: der Zeigefinger! Er ist nicht nur Hinweiser, Bestimmer und fieser In-die-Seite-Piekser, er ist allemal auch fuchtelnd zuständig fürs Schimpfen, und spielt sich – gestreckt erhoben – zum berüchtigten moralischen Zeigefinger auf.

Jesus zeigt nicht – er reicht die Hand

Von Jesus sind derlei Gesten nicht überliefert. An einer Stelle ist wohl zu lesen, dass er mit seinem Finger einen Teig aus Speichel und Erde zusammenrührt, um damit einen Blinden zu heilen. Auch ist nirgendwo geschrieben, was Jesus konkret als Sünde versteht.

Die Bibel erzählt vielmehr, dass er Sündern die Hand reichte, dass er Unberührbare berührte, dass er sich vor seine Jünger kniete und ihnen mit seinen Händen die Füße wusch. Und es wird davon erzählt, wie er eine Gruppe von Priestern davon abhielt, aus dem entblößenden Zeigefinger eine Waffe zu machen, nämlich Steine in die Hände zu nehmen und eine Ehebrecherin damit umzubringen. Den Satz von Jesus kennen sogar Nicht-Christen: »Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.«

Der eigentliche Richter

Will sagen: Euch steht es nicht zu, über einen anderen Menschen letztendlich zu urteilen. Denn der eigentliche Richter ist allein Gott. Weil Gott auch der Schöpfer eines jeden Menschen ist. Daran glaube ich. Da schließt sich der Kreis. Jeder macht Fehler, natürlich. Jeder wird schuldig, und dafür muss er geradestehen, dafür muss er sich verantworten. Aber dadurch verliert kein Mensch seine Würde – kein Pharisäer, keine Ehebrecherin, aber auch kein Diktator, kein Terrorist, kein Mörder. Weil es heißt: »Die Sünde hassen – aber den Sünder lieben.« Ich finde das ziemlich groß. Denn der Glaube an das Gute im Menschen ist mit unserem Gott nicht totzukriegen.

Aber ich glaube auch an ein Jüngstes Gericht. An eine Instanz, die denen endlich jene Gerechtigkeit zukommen lässt, die ihnen Zeit ihres Lebens verwehrt wurde. Dann werden sich manche wundern. Vermutlich.