Schwester Miriam Holtmeyer ist jetzt Thuiner Franziskanerin

Von der Bauingenieurin zur Franziskanerin

Die 36-Jährige ist die fünftjüngste Schwester in der Kongregation der Franziskanerinnen vom Heiligen Märtyrer Georg zu Thuine. Die Frau aus Lienen im Tecklenburger Land hat gemeinsam mit einer Mitschwester ihre Ewige Profess abgelegt: „Ich bin noch im Freudentaumel“, sagt die großgewachsene Frau mit einem Lächeln. Schwester Miriam ist dankbar für ihren Weg, den sie mit Gott gehen durfte, wie sie sagt, auch wenn der Weg nicht unbedingt gerade war.

Nur sechs Bankreihen in Lienen

Zuhause in Lienen mit drei Geschwistern groß geworden, darunter ihre jüngere Zwillingsschwester, gehörte der Kirchgang selbstverständlich dazu: „Bei uns in unserer Kirche Maria Frieden gibt es nur sechs Bankreihen. Wenn ich das hier erzähle, wundern sich einige, und fragen: ›Wie, nur sechs Bankreihen?!‹ “

Der Orden der Franziskanerinnen vom Heiligen Märtyrer Georg zu Thuine wurde 1869 von Schwester Anselma Bopp gegründet. Das Georgsstift als Mutterhaus, in dem heute 192 Schwestern leben, liegt in Thuine im südlichen Emsland. Neben der Christus-König-Klosterkirche von 1929 sind dort die Ordensleitung, das Altersheim der Schwestern, ein Gästehaus, ein Tagungsgebäude, die Antoniusschule mit Internat, eine Berufsfachschule sowie verschiedene Wirtschaftsgebäude angesiedelt. 2004 machte der Orden Schlagzeilen, als 50 Schwestern austraten um eine neue geistliche Gemeinschaft zu gründen.

Die Thuiner Franziskanerinnen
1869 von Schwester Anselma Bopp gegründet, engagieren sich die Schwestern vor allem im Bildungs- und Sozialwesen sowie in der Flüchtlingshilfe. 2004 machte der Orden Schlagzeilen, als 50 Schwestern austraten um eine neue geistliche Gemeinschaft zu gründen. Der Orden hat insgesamt 1110 Mitglieder und ist in den Niederlanden, Japan, den USA, Kuba, Brasilien, Indonesien, Timor-Leste, Assisi (Italien) und Albanien vertreten.

Lienen ist eben nicht das Emsland. Schwester Miriam, oder Anne Holtmeyer, wie sie mit Geburtsnamen heißt, wuchs in der Diaspora auf. In der kleinen Kirchengemeinde kennt jeder jeden, das ist auch nach der Fusion zur Pfarrei Seliger Niels Stensen Lengerich so geblieben.

Fußball und Kirche

Die Lienerin war nach der Erstkommunion Messdienerin, dann kam die Firmung und schließlich der Pfarrgemeinderat. Ein Hobby lief immer mit: „Mein Vater hat oft gesagt: ›Die Anne ist entweder in der Gemeinde oder auf dem Fußballplatz!‹“ Jahrelang spielte Schwester Miriam in der Frauenfußballmannschaft  Schwarz-Weiß Lienen.

Nach einer Lehre als Bauzeichnerin und dem Fachabitur folgten vier Monate Leerlauf: „Da habe ich in der Kirche geholfen, geputzt und war als Küsterin tätig.“

Der Kontakt zur Kirche war immer eng, trug sie durch den Alltag. Zweifel kamen einmal zum Tragen, als ihre Zwillingsschwester schwer erkrankte: „An dem Sonntag, nachdem die Diagnose bekannt war, wollte ich nicht in den Gottesdienst gehen. Meine Mutter hat mich überzeugt, dass ich es doch tun sollte. Und es war gut“, meint sie rückblickend.

Rechnen, dasmit das Haus hält

Dennoch stand die Neugierde  auf weiteres Wissen im Vordergrund. Sie startete 2002 ein Studium im Bauingenieurswesen in Münster: „Ach, du wirst Architektin?“, wurde sie immer wieder gefragt. „Nein, konstruktive Ingenieurin“, hat sie dann geantwortet, „wir rechnen, damit das Haus hält!“ Da kamen erstmals die Gedanken, was wäre, wenn sie sich nur noch Jesus in ihrem Leben widmen würde? Doch erstmal ging das Studium vor.

Soziales Jahr
Wer sich für ein Freiwilliges Soziales Jahr bei den Thuiner Franziskanerinnen im In- und Ausland interessiert, kann sich an das Sekretariat wenden unter Tel. 05902 / 501103.

Zahlen seien immer schon ihr Ding gewesen. Ihre Familie betreibt ein mittelständiges Baugeschäft, und auch in Zukunft bleibt sie der Mathematik verbunden. Schwester Miriam wird Betriebswirtschaftslehre studieren, „natürlich in Ordenstracht“, wie sie sagt, und für die veranschlagten fünf Jahre in der Niederlassung der Thuiner Franziskanerinnen in Osnabrück leben.

Studium in Münster und Osnabrück

Wie geht das für sie zusammen? Auf der einen Seite rationale Zahlen und berechenbare Statik, auf der anderen Seite der Glaube an Höheres als tragende Säule des Lebens? „Bei seiner Berufung wurde Franziskus gesagt: ›Stelle mein Haus wieder her‹, und er hat dann auch erst einmal angefangen, eine Kirche aus Steinen zu bauen“, meint Schwester Miriam lachend.

Sie nimmt die Situation, wie sie ist, packt an und steht zu ihrem Glauben, wie sie es immer getan hat. Sie war die Einzige unter ihren Kommilitonen in Münster, die regelmäßig zur Kirche ging. Dazu kam ein Besinnungswochenende, angeleitet von einer Thuiner Franziskanerin. „Danach hat sie mich immer wieder eingeladen, zweimal im Jahr. Bestimmt sechs Einladungen habe ich bekommen, bevor ich noch einmal hinging!“, meint Schwester Miriam.

Kinofilm gab Aussschlag

Trotzdem: Auf die Dauer merkte sie, dass es ihr nicht reichte, nur Häusern Halt zu geben. Ihre Seele kam dabei zu kurz. Halten und gehalten werden im Glauben, das wollte sie noch intensiver erleben. Ausschlaggebend war ein weiteres Besinnungswochenende. Die Teilnehmer schauten den Kinofilm „Die Passion Christi“ des australischen Regisseurs Mel Gibson: „Dieser Film hat mich nachhaltig beeindruckt, und ich habe mich gefragt: Wie kann ich eine Antwort auf Jesu Liebe zu uns geben? Kann ich das im Kloster? Oder kann ich das im Job?“

2007 hatte sie das Diplom in der Tasche und eine gute Stelle in einem Ingenieurbüro in Aussicht: „Ich hatte mich schon vom Ordensleben verabschiedet, doch danach ging es mir schlecht.“ Von der Familie ahnte so wirklich niemand etwas: „Das war eine Sache, die musste ich mit mir allein und Gott ausmachen.“

„Suche nach Gott hört nicht auf“

Mit 27 Jahren trat sie als Novizin in den Orden der Thuiner Franziskanerinnen ein. Sie vergleicht das Leben in Gemeinschaft mit dem in der Familie: „Meine ältere Schwester hat jetzt drei Kinder. Das ist natürlich schön, aber auch da verstehen sich nicht immer alle gleich gut. So ist es auch hier. Wir leben alle gemeinsam in einem Orden, aber wir sind trotzdem unterschiedliche Menschen.“

Sie schätzt die vielseitigen Talente ihrer Mitschwestern. Zwar ist sie eine der Jüngsten, aber sie macht sich keine Gedanken darüber, was passiert, wenn eines Tages vielleicht niemand mehr eintritt: „Es wird weitergehen“, ist Schwester Miriam zuversichtlich.

Während der letzten fünf Jahre im Orden arbeitete sie in einem Mädchengymnasium in Papenburg als Sekretärin: „Die Jugendlichen dort haben alle Freiheiten. Sie können sich alles leisten. Trotzdem haben sie Fragen und suchen nach einem Sinn im Leben. Ich denke, das Suchen nach Gott wird nie aufhören.“