Expertin: Nicht jedes verkehrte Kreuz steht für Satanismus

Wacken Open Air: Wie viel Religion steckt in Heavy Metal?

Party, laute Musik und jede Menge Alkohol: Im schleswig-holsteinischen Dörfchen Wacken herrscht am erstem Augustwochenende Ausnahmezustand. Rund 75.000 Fans reisen zum Wacken Open Air an, dem nach eigenen Angaben weltgrößten Heavy-Metal-Festival.

Neben langen Haaren und schwarzer Kleidung gehören auch anti-religiöse Symbole zu den Erkennungszeichen der Metaller: Ihr Gruß mit den zwei abgespreizten Fingern erinnert an die Satanshörner. Mancher Fan schmückt sich gerne mit einem umgedrehten Kreuz oder einer Totenkopfdarstellung. Und die von ihnen umjubelten Bands tragen Namen wie „Megadeth“, „Destroyer“ oder „Die apokalyptischen Reiter“.

Expertin: Unterschiedliche Weltanschauungen in der Szene

Nicht selten wird daher der Generalverdacht gehegt, Heavy Metal stehe mit dem Christentum auf Kriegsfuß. Laut der Religionswissenschaftlerin Anna-Katharina Höpflinger eine unbegründete Vermutung. Die Forscherin an der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität untersucht seit 2006 das Verhältnis von Heavy Metal und Religion. „In der Heavy-Metal-Szene sind so unterschiedliche Weltanschauungen vertreten wie in der Gesamtgesellschaft auch“, sagt die Expertin.

„Nicht jedes verkehrte Kreuz deutet automatisch auf eine satanistische Einstellung hin“, erklärt sie. Häufig dienten die religiösen oder anti-religiösen Symbole als Erkennungszeichen oder seien künstlerischer Ausdruck der Beschäftigung mit dem Tod oder dem Hass. „Sowohl Metal als auch Religion beschäftigen sich unter anderem mit den Schattenseiten des Lebens. Das ist eine Schnittstelle.“ Wer nur von der Musik auf die Lebenseinstellung der Menschen schließt, macht es sich ihrer Meinung nach zu einfach: „Im Pop singen auch alle von Liebe, aber statistisch ist es nicht erwiesen, dass Popsänger besser im Bett sind.“

Es gibt sogar christliche Metal-Bands

Die Bands, die wirklich okkult oder satanistisch sind, machen nach Höpflingers Erkenntnis nur einen kleinen Teil der Szene aus. Die Gruppe „Watain“, die auch schon auf dem Wacken Open Air auftrat und dafür bekannt ist, dass sie ihr Publikum mit Schweineblut bespritzt, gehöre beispielsweise dazu. Im Gegensatz dazu gebe es aber auch zahlreiche explizit christliche Metalbands, etwa „Crimson Moonlight“ aus Schweden und die deutsche Gruppe „Sacrificium“. Die israelische Band „Orphaned Land“ habe in ihren Texten schon zum interreligiösen Dialog aufgerufen.

Für den Festival-Besucher und überzeugten Christen Raphael Kampmann gehen Metal und Religion sehr gut zusammen. Es gelte, sorgfältig auszuwählen, sagt der 25-jährige Hamburger, der regelmäßig freikirchliche Gottesdienste besucht. „Wenn ich neue Bands kennenlerne, schaue ich mir zunächst die Texte und die Bandgeschichte an und prüfe, ob ich das mit meinem Glauben vereinbaren kann.“ Bei Gruppen wie „Ghost“ oder „Judas Priest“ schreckten ihn bereits die Namen ab. „Da geht es mir besser, wenn ich sie nicht höre.“ In Ordnung findet er beispielsweise „Sabaton“ oder „Amon Amarth“. Letztere singen zwar von nordischen Göttern. „Aber sie haben keine gewaltverherrlichenden Texte.“

Die Kirche ist beim Festival präsent

Kampmann besucht in Wacken mit seinen Freunden die „Metal Church“, einen eigens für die Festivalbesucher gestalteten Gottesdienst in der Dorfkirche. Schon seit sechs Jahren macht die lutherische Gemeinde dieses Angebot, das sich mittlerweile großer Beliebtheit erfreut. Darüber hinaus ist die evangelische Nordkirche mit 20 Festivalseelsorgern auf dem Gelände vertreten. Über 200 Beratungsgespräche wurden im vergangenen Jahr geführt, Tendenz steigend.

„Wir bekommen viel Anerkennung, dass wir als Kirche hier präsent sind“, sagt Pastor Tilman Lautzas, der die Festivalseelsorge 2010 ins Leben rief. „Die anti-religiöse Symbolik betrachten viele Metalfans als Kunstform“, weiß er. „Die geben sich böse, sind aber alle total lieb.“ Sicher gebe es auch den ein oder anderen, der es ernst meine. „Aber Extremisten finden sich in allen Bereichen der Gesellschaft“, so Lautzas.