Der Holocaust-Gedenktag am 27. Januar mahnt, die Vergangenheit nicht ruhen zu lassen

Warum auch schmerzhafte Erinnerungen wichtig sind

Sich einmal im Jahr an schöne, aber auch an schlimme Erlebnisse erinnern zu lassen, stärkt für die Zukunft. Erst recht am 27. Januar. Erst recht in diesem Jahr.

Was notieren Sie in Ihrem Kalender? Mal abgesehen von beruflichen und privaten Terminen, die so anstehen. Sicherlich stehen Geburtstage von Familienangehörigen und Freunden darin, vielleicht auch Namenstage, Kennenlern- und Hochzeitstage, womöglich sogar Todestage.

Ich habe mir angewöhnt, auch andere, mehr oder weniger große Ereignisse meines Lebens in meinen Kalender zu schreiben. So werde ich jedes Jahr zum Beispiel daran erinnert, dass etwas Bedeutendes zu Ende ging: eine Zeit im Ausland, das Studium oder eine schwere Zeit. Auch dass etwas besonders Schönes begann: der Umzug in eine heimelige Wohnung, ein traumhafter Urlaub, eine erfolgreich abgeschlossene Prüfung.

Facebooks freundliche Erinnerungen

Spannenderweise erledigt Facebook manche dieser Erinnerungen für mich, ohne dass ich darum gebeten hätte. Ab und an poppt eine Nachricht auf und kramt ein Ereignis wieder hervor, das ich vor einem oder mehr Jahren gepostet habe. Und Facebook sagt mir, dass ich heute genau seit drei Jahren mit dem oder der „befreundet“ bin – online. Im wahren Leben besteht eine solche Freundschaft zwar meist schon viel länger – aber immerhin: Ich denke an ihn oder sie oder ein bestimmtes Ereignis. Und bin dankbar dafür. Meistens jedenfalls.

Offensichtlich weiß Facebook, dass wir solche Erinnerungen mögen. Aber warum liegt uns so daran? Angeblich ist es doch viel wichtiger, „heute“ zu leben, den Augenblick oder – wie das auf „katholisch“ heißt: „im Hier und Jetzt“. Wäre es nicht zeitgemäßer, das Vergangene vergangen sein zu lassen und nach vorn zu schauen?

Religion – mit gutem Grund von gestern

Dass Religion und Kirche häufig vorgeworfen wird, altmodisch und von gestern zu sein, hat wohl damit zu tun, dass sie die Vergangenheit hoch halten. Allerdings, wo es gut geht, doch wohl vor allem das, was sich bewährt hat, was auch in schweren Zeiten trägt und Halt gibt – so wie gute Freundschaften, die durch manches Auf und Ab immer noch halten.

Die Sache geht allerdings noch tiefer. Denn genau genommen bedeutet das Wort „Religion“ soviel wie „Rückbindung“. „Wer ist unser Gott?“, fragen etwa im Alten Testament immer wieder Menschen, wenn sie sich selbst verstehen wollen. Und die Antwort lautet jedes Mal: Unser Gott, das ist jener, der Himmel und Erde erschaffen hat, der uns aus dem Sklavenhaus Ägyptens herausgeführt hat, der uns als sein Volk erwählt hat, der uns 40 Jahre durch die Wüste geführt hat – bis ins gelobte Land letzten Endes.

„Vergangenheit der Schande“

Zu dieser jüdisch-christlichen Gedenkkultur gehören jedoch auch die Wunden der Geschichte, gehören Schuld und Versagen. Das Holocaust-Mahnmal im Herzen der Hauptstadt Berlin ist ein solches Beispiel abendländischer Gedenk-Hochkultur. Sie blendet das Dunkle nicht aus, holt es vielmehr ans Licht, bleibt dennoch verstörend und schmerzhaft. Es ist Deutschland nicht hoch genug anzurechnen, dass diese „Vergangenheit der Schande“ bis heute für eine wachere Zukunft mahnt. Dass das offenkundig bleibend notwendig ist, hat jüngst die Schandrede eines ostdeutschen Landtagsabgeordneten in Dresden gezeigt.

Christliches Gedenken steht und fällt überdies mit dem bewussten Bekenntnis zu einer unüberbietbaren Schande: zu einem Skandal-Gott, der sich ohnmächtig machte, verachtet und verspottet und am Kreuz sterbend zur Schande für viele wurde. Mit Blut hat das viel zu tun, mit Ruhm und Ehre so gar nicht. So gesehen ist jede Kirche ein „Schandmal für Gott“. Den Gott der Christen und der Juden. Den Gott, der in die Hölle ging. Vielleicht sogar in Auschwitz.