Am Ende geht’s um Ganze

Warum das Gericht zum Glauben gehört

Das Ende des Kirchenjahrs führt das Ende von allem vor Augen. Aber wird es dann wirklich ein Jüngstes Gericht geben? Es sieht ganz danach aus. Und das ist auch gut so.

Gott sei Dank sind die Zeiten im Großen und Ganzen vorbei, in der die Frohe Botschaft eher als Drohbotschaft verkündet wurde. In der Gott weniger ein mit liebevollem Blick uns ansehender, nach uns sehender und uns nachgehender Gott schien als vielmehr einer, der „alles sieht“ – womit vorrangig Sünde und Schuld, Abgründe und Verkommenheiten gemeint waren. Von Barmherzigkeit und Liebe war da wenig bis gar nichts zu hören, von Strafe, Fegefeuer und Hölle umso mehr.

Und doch kommen wir nicht darum herum, dass zum Kern des christlichen Glaubens das „Gericht“ gehört. Das Bibel-Bild dazu liefert Jesus selber mit dem endzeitlichen Richter-Hirten, der hier die Schafe und auf der anderen Seite die Böcke aufteilen wird als der große Entscheider, oder besser: der große End-Scheider. In dem betreffenden Evangelium (Mt 25,31-46) stehen auch diese Sätze: „Dann wird er sich an die auf der linken Seite wenden und zu ihnen sagen: Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist.“

„Gott in der Tasche“

Um solche Sätze kommen wir nicht herum, denn es geht dabei nicht um irgendein Detail des christlichen Glaubens, über das man gelehrt streiten, das man wegerklären oder schlichtweg – weil nicht akzeptabel – ausklammern könnte. Das hieße, unseren Gott zu einem „Gott in der Tasche“ zu machen, den man herausholt, wenn es passt und guttut. Das hieße auch, ihn zu einem freundlichen alten Mann zu degradieren, den man ab und an zum Plausch besucht – dem aber nicht bis in den tiefen Ernst unserer Existenz an uns läge.

Das auszublenden hieße, unseren Glauben als freundliche Empfehlung zu begreifen, der aber weder Verbindlichkeit noch Konsequenz bräuchte und der nicht das Ganze unserer Existenz und Welt beträfe. Vor allem hieße es, dass nicht einmal jene letzten Endes eine Chance auf Gerechtigkeit hätten, die schon hier ständig auf der Verliererseite stehen.

Auf einmal geht das Licht an

Der Glaube sagt aber etwas anderes. Er sagt, dass alle Welt, jeder Mensch, natürlich auch der frömmste Christ sich einmal einer letzten Bewertung, einer Entscheidung aussetzen muss. Doch bei diesem Gericht werden keine Bücher aufgeschlagen, da ist keine kleinliche Prozessordnung zu beachten, da wird der Richter nicht lange suchen und beweisen müssen, was Fakt ist.

„Es wird vielmehr so sein“, sagt Erfurts Alt-Bischof Joachim Wanke, „wie wenn in einem dunklen Zimmer das Licht angeht. In einem dunklen Zimmer hat man keine Orientierung. Man weiß nicht, wo man sich befindet. Man tastet herum und stellt sich dies und das vor, manches mehr oder weniger zutreffend, manches völlig falsch. Wenn dann auf einmal das Licht angeht, weiß man im gleichen Augenblick, woran man ist: Du wirst im selben Augenblick, wenn Gott das Licht anmacht, wissen, wohin du gehörst – zu denen auf der Rechten oder zu denen auf der Linken.“

Der liebe Gott wird’s schon richten

Ob es Menschen gibt, die tatsächlich auf der Seite der Böcke stehen? Bei aller Barmherzigkeit und Liebe Gottes? Das Gerichtsgleichnis von Matthäus schließt das – wie gesagt – als schreckliche Möglichkeit nicht aus. Es mag solche Verhärtung geben, die nicht bereit ist, sich der Liebe gegenüber zu öffnen. Selbst der Liebe nicht, die Gott mit Jesus am Kreuz bewiesen, trotz allem erneuert hat und die uns seitdem umfängt. Es gibt keine „allgemeine Marscherleichterung“ nach dem Motto: „Es ist ja alles nicht so schlimm. Der liebe Gott wird's schon richten.“

Ja, der liebe Gott wird's schon richten. Wie befreiend, dass er das übernimmt! Also können wir uns bis dahin so manches übereifrige Urteil sparen, das Menschen voreilig über Menschen und sogar Christen vorheilig über Christen sprechen. Im Übrigen halte ich mich an ein Wort des klugen Theologen Hans Urs von Balthasar: „Es gibt zwar eine Hölle, aber ich hoffe fest, dass keiner drin ist.“ Die Bibel gibt uns darüber keine Auskunft. Aber sie sagt dagegen ausdrücklich, dass die Liebe „alles hoffen darf“.