Interview mit Ludger Rolfes von der Ländlichen Familienberatung

Warum den Bauern Predigen nicht reicht

Die Milchpreise erreichen Tiefstände, auch die Preise für Schweine sind im Keller – dass es den Landwirten gut geht, wird man nicht sagen können. Manche Betriebe geben auf, andere mühen sich mit hohem Einsatz, weiterzumachen. Wie geht es den betroffenen Familien? Lösen die Sorgen Streit aus? Wie können Kirchengemeinden Solidarität zeigen? Fragen an Ludger Rolfes, Geschäftsführer der Ländlichen Familienberatung in Georgsmarienhütte-Oesede. Sie unterstützt auch Familien im niedersächsischen Teil des Bistums Münster.

Kirche+Leben: 20 Cent für einen Liter Milch, Preise für Schweine am Boden – da klingelt das Sorgentelefon der Ländlichen Familienberatung wohl ständig?

Ludger Rolfes: Interessanterweise ist das nicht der Fall. Weder bei uns, noch bei unseren Kolleginnen und Kollegen in Münster und Hannover. Im Gegenteil: Die Nachfrage nach Hilfe ist in letzter Zeit sogar zurückgegangen.

Kirche+Leben: Wie lässt sich das erklären?

Ludger Rolfes
Ludger Rolfes. | Foto: Michael Rottmann

Rolfes: Wir waren zuerst verwundert, dass wir nicht mehr Anrufe bekommen. Aber nach einigen Gesprächen wissen wir: Die Bauern und die Familien haben von der derzeitigen Lage so sehr die Nase voll, dass sie sich jetzt nicht  auch noch ihre privaten Probleme angucken wollen. Sie haben so viel damit zu tun, wirtschaftlich über die Runden zu kommen, dass das Familiäre jetzt erst einmal in den Hintergrund gedrängt wird.

Kirche+Leben: Wie schlimm schätzen Sie selbst die derzeitige wirtschaftliche Krise ein?

Rolfes: So schlimm wie im Moment habe ich die Lage der Landwirtschaft in den letzten 20 Jahren noch nicht erlebt. In unseren Beratungen spüren wir dabei: Das Hauptproblem für viele ist die Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit, verbunden mit dem Gefühl, versagt zu haben.

Kirche+Leben: Wie kann Ihre Beratung in dieser Situation helfen?

Rolfes: Indem wir mit den Betroffenen herausarbeiten: Ihr habt nicht versagt, sondern Ihr seid Opfer der Politik und der Entwicklung. Genau das ist nämlich  ein großes Problem: das Gefühl, versagt zu haben. Daraus folgt für manche, nicht mehr investieren zu wollen, weil sie sagen: Das hat ja doch alles keinen Sinn. Und diejenigen, die investiert haben, die wissen nicht mehr, ob oder wie sie ihre Schulden zurückzahlen können.

Kirche+Leben: Manche geben dann ganz auf.

Rolfes: Auch das kann durchaus eine vernünftige Entscheidung sein, auch wenn es weh tut. Zum Beispiel, wenn in einer Familie lange feststand: Die Tochter will den Hof übernehmen. Sie hat Landwirtschaft studiert und fragt sich heute: Soll ich das wirklich tun? Was tue ich mir damit an? Kommt das investierte Geld je wieder rein? Finde ich einen Mann, der das mitmacht?

Hilfe für Landwirtfamilien in Krisen
Seit 1996 hat die Ländliche Familienberatung von Oesede aus rund 650 Bauernfamilien auch im Offizialatsbezirk Oldenburg geholfen. Zum Beispiel bei Generationenkonflikten, Problemen bei der Hofübergabe oder bei Ehekrisen. Die Katholische Landjugendbewegung (KLJB) Niedersachsen und die Landvolkhochschule Oesede hatten das Angebot 1996 ins Leben gerufen. Kontakt: Ländliche Familienberatung: 0 54 07/50 62 61. Seit neun Jahren gibt es eine vergleichbare Stelle in Münster, die Ländliche Familienberatung im Bistum Münster. Deren Berater sind vornehmlich im Münsterland und am Niederrhein im Einsatz. Kontakt: 02 51/5 34 63 49.

Kirche+Leben: Zu wirtschaftlichen und familiären Sorgen kommt das Ansehen der Landwirte, das sie belastet?

Rolfes: Ja, auch das spüren wir in unseren Gesprächen. Da geht es um das Ansehen im Dorf, Probleme mit der Presse. Schlagzeilen, in denen sie immer wieder beschimpft werden als Umweltzerstörer oder Kükentöter. Das zerrt am Selbstbewusstsein von Menschen, die sieben Tage die Woche arbeiten und derzeit 20 Cent für einen Liter Milch bekommen – weniger als Mineralwasser kostet. Immer häufiger brechen Landwirte unter der geballten sozialen, psychischen und ökonomischen Last zusammen – mit der Diagnose Depression oder Burn-Out.

Kirche+Leben: Pfarrgemeinden können keine Milch- oder Schweinepreise beeinflussen. Wie könnten sie trotzdem helfen? Geht das überhaupt?

Rolfes: Es geht um Wertschätzung und Respekt. Mit einer Predigt allein ist es da nicht getan. Es muss ein Gefühl rüberkommen, das aussagt: „Ihr seid uns wichtig und es ist gut, dass es euch gibt! Wir sind dankbar, dass wir die Lebensmittel bekommen. Aber das Ganze ist ein langer Prozess.

Kirche+Leben: Sie wünschen sich also auch von Kirchengemeinden einen genaueren  Blick auf die Arbeit von Bauern?

Rolfes: Ja. Viele Landwirte hadern zum Beispiel damit, dass an Erntedankfesten noch mal eins drauf gegeben wird. Dass dann Dinge wie Umweltbelastung oder Massentierhaltung in den Vordergrund gerückt werden. Da könnte man auch mal Fragen stellen wie: Was leisten Landwirtsfamilien für uns? Wie stünde es ohne sie um die Lebensmittel-Versorgung der Bevölkerung? Wie sähe unsere Kulturlandschaft aus – wenn es unsere Landwirte nicht gäbe? Aber natürlich müssen schwarze Schafe auch benannt werden, ob es um Gülle geht oder um Tierhaltung.