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Gedenken an die Toten eines Fliegerangriffs vor 75 Jahren

Warum eine 84-Jährige in Datteln ein drei Meter hohes Holzkreuz aufstellt

  • 75 Jahre nach Kriegsende stellt Josephine Beckmann aus Datteln ein drei Meter hohes Holzkreuz an einem Straßenrand auf.
  • Den Ort verbindet sie mit Erinnerungen an einen schrecklichen Fliegerangriff.
  • Mit ihrem Einsatz möchte sie die traurigen Ereignisse im Bewusstsein erhalten.
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Das Datum hat sie genauso wenig vergessen, wie die Bilder von jenem Tag. Als am 6. März 1945 in Meckinghoven die Sirenen heulten, beeilte sich auch die neunjährige Josephine Beckmann mit ihrer Familie, einen der Luftschutzräume des Dattelner Vorortes zu erreichen. Die folgenden Stunden haben sie so bewegt, dass sie sich jetzt, kurz vor ihrem 85. Geburtstag dazu entschloss, ein fast drei Meter hohes Holzkreuz an einem Ort zu errichten, der für sie zu einem Symbol für das Grauen jener Zeit geworden ist.

Gegen Kriegsende flogen die Alliierten mehrfach schwere Angriffe in der Region um Datteln. Der Bergbau, Industrie-Anlagen und der nahe Dortmund-Ems-Kanal waren Ziele und die Menschen des Ortes waren gewohnt, Tag und Nacht aus ihren Häusern in die Bunker zu rennen. Dieses Mal aber sollte alles anders werden, erinnert sich die 84-Jährige. „Eigentlich liefen wir immer in den kleinen Bunker einer Familie in der Nachbarschaft“, sagt sie auch 75 Jahre später immer noch hörbar bewegt. Sie stockt öfters bei ihren Erzählungen, manchmal bricht ihre Stimme. „Bei diesem Angriff aber sahen wir, wie viele dorthin eilten und entschlossen uns, in den Keller der Schule zu flüchten.“

Tage voller Schrecken

Das neue Eichenkreuz ist aus alten Fachwerkbalken entstanden und misst drei Meter. | Foto: privat
Das neue Eichenkreuz ist aus alten Fachwerkbalken entstanden und misst drei Meter. | Foto: privat

Das rettete ihr und ihrer Familie das Leben. Denn der kleine Bunker auf der Nachbarswiese erhielt den Volltreffer einer Luftmine. 19 der 23 Schutzsuchenden wurden getötet. Darunter viele Nachbarskinder – Freunde, Freundinnen und Schulkameraden. „Die Tage danach war schrecklich“ erinnert sich Beckmann. „Es gab zu wenig Särge, um allen eine eigene Beerdigung ermöglichen.“ Teilweise wurden die Eltern mit ihren Kindern im Arm beigesetzt.

Es ist ein Ereignis, das wie so viele die Menschen der Kriegsgeneration ihr ganzes Leben lang beschäftigt. Für Beckmann war es aber dabei immer wichtig, dass die Erinnerung daran weitergegeben wird und sich nicht von Generation zu Generation verflüchtigt. „So etwas muss wachgehalten werden, damit es nie wieder geschieht.“ Sie war deshalb dankbar, als nach Kriegsende von den Dominikanern des benachbarten Klosters große Kreuze an den Stellen aufgestellt wurden, wo es viele Kriegsopfer gegeben hatte. Auch auf der Wiese in der Nachbarschaft der Beckmanns.

Der Zahn der Zeit

An jenem Kreuz nagte über die Jahrzehnte aber der Zahn der Zeit. Es wurde versetzt, als die Straßen erweitert wurden, das Holz verwitterte, es geriet aus der Form. Heute hängt der Querbalken schief, es droht umzustürzen. Und mit ihm ein Symbol für die Kriegsgrauen, das Josephine Beckmann so wichtig ist.

„Ich wollte das Kreuz deshalb unbedingt erneuern.“ Maximal 1000 Euro sollte das kosten – Material und Akteure hatte sie schnell zusammen. Ihr Enkel Johannes Beckmann ist Schreiner und sagte sofort zu, nach dem Feierabend die Maschinen seines Chefs zu nutzen, um ein wetterfestes Kreuz anzufertigen. Sie entschieden sich für die ehemaligen Eichenbalken eines Fachwerkhauses.

„Es ist ein Wunsch, der gut zu Oma Phine passt“, sagt der 29-jährige Enkelsohn. „Sie erzählt oft von jenen Tagen, ihre Erinnerungen sind lebendig.“ Für ihn war es immer ein wenig Geschichtsunterricht, wenn sie berichtete. Auch das Anfertigen des Kreuzes zählt er dazu. „Ich habe mich natürlich damit auseinandergesetzt, warum dort eine Gedenkstätte erhalten werden soll.“

Keine Zeremonie, keine Inschrift – stille Erinnerungen

Das alte Kreuz ist mittlerweile stark verwittert. | Foto: privat
Das alte Kreuz ist mittlerweile stark verwittert. | Foto: privat

In diesen Tagen wird das neue Kreuz aufgestellt – handwerklich, ohne große Zeremonie. Das passt zum Hintergrund, sagt der Enkel. „Es sind doch die stillen Gedanken, die daran hängen.“ Es wird keine Plakette geben, keine Inschrift. Das alte Holz mit der markanten Maserung habe genug Ausstrahlung, sagt die Großmutter. „Wir werden es pflegen, das Grün drumherum zurückschneiden.“ Ihr Enkel wird von Jahr zu Jahr prüfen, ob die Substanz noch in Ordnung ist. Auch das wird wieder ein regelmäßiger Geschichtsunterricht für ihn sein.

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