Von inneren Organen, bösen Schmerzen und einem steinreichen Heiligen

Warum Gott ein Nieren-Spezialist ist

Anzurufen bei Steinleiden: der heilige Liborius. Hier eine Darstellung im St.-Paulus-Dom in Münster, gleich gegenüber der Astronomischen Uhr. In seiner Linken: ein Buch mit Steinen darauf.
Anzurufen bei Steinleiden: der heilige Liborius. Hier eine Darstellung im St.-Paulus-Dom in Münster, gleich gegenüber der Astronomischen Uhr. In seiner Linken: ein Buch mit Steinen darauf.Foto: Michael Bönte

Soll noch einer sagen, die Kirche wäre körperfeindlich! Schließlich interessiert sich sogar Gott selber intensiv für Herz und Nieren. Aber warum ausgerechnet Nieren?

Zugegeben: Es ist nicht jedermanns Sache, einen Bilderrahmen unfallfrei an die Wand zu bekommen. Wenn der liebe Nachbar bei einer solchen Aktion allerdings gefühlte 30 Mal versucht, mit Hammer und Verve einen einzigen Nagel zu treffen – und das Ganze am geheiligten Sonntagmittag, dann wird auch der langmütigste Zeitgenosse auf die Dauer etwas ungehalten.

Wie weit verbreitet solche Erfahrungen sind, zeigt das vielfältige Angebot der Sprache, die aufsteigenden Reaktionen auszudrücken: wahlweise geht der Nachbar einem dann auf den Keks, den Senkel, den Wecker, den Zeiger oder den Zwirn – ohne dass klar wäre, warum die Redensart zu diesen Gegenständen greift.

Von Nerven und unteren Regionen

Dramatischer fällt der Wunsch aus, den Hammermann von nebenan umgehend auf den Mond zu schießen. Körperlich spürbar wird das Nagelklopfen, wenn es nervt, auf die Nerven geht oder gar den letzten Nerv raubt. Derbere Varianten, die Bezug auf die unteren Rumpfbereiche des Menschen nehmen, sollen an dieser Stelle ignoriert sein.
Fakt ist, dass manches Ärgernis offenbar körperliche Reaktionen hervorrufen kann. Richtig heftig wird es, wenn etwas an die Nieren geht. Diese relativ kleinen, gleich doppelt angelegten Organe sind schließlich zu ganz erheblichen Reaktionen in der Lage – bis hin zum Nierenversagen, das lebensbedrohlich ist.

»Vernichtungsschmerz«

Wenn nun redensartlich etwas an die Nieren geht, dann spielt das nicht nur auf den massiven Schmerz an, den Mediziner etwa bei Koliken sogar »Vernichtungsschmerz« nennen. Auch  in der Bibel kommt die Niere mehrfach vor. Zum einen wird sie ausdrücklich als Organ genannt, das von Gott selbst geschaffen wurde: »Du hast meine Nieren bereitet«, heißt es etwa in Psalm 139 – zumindest in der Lutherbibel, während die Einheitsübersetzung allgemeiner formuliert: »Du hast mein Inneres geschaffen.«

Genau darum aber geht es: nicht nur um das »innere Organ«, sondern vielmehr um das Innerste, das Geheimste des Menschen. Ähnlich wie das Herz als Mitte der Persönlichkeit und »Ort« der Gotteserfahrung galten die Nieren sogar als Sitz des Gewissens. Das ist damit gemeint, wenn Gott im alttestamentlichen Prophetenbuch Jeremia sagt: »Ich, der Herr, erforsche das Herz und prüfe die Nieren.«

Ein Heiliger zum Steinerweichen

Lange vor Ultraschall und der Zertrümmerung von Nierensteinen mittels akustischer Druckwellen übrigens haben mittelalterliche Menschen in Paderborn ein ganz eigenes Mittel bei solchen Leiden gefunden. Anlass dazu gab es genug: Die Pader, Deutschlands kleinster Fluss, soll nämlich derart kalkhaltig gewesen sein, dass das buchstäblich vielen Menschen an die Nieren ging. Also riefen sie ihren Stadt- und Bistumspatron an, den heiligen Liborius. Der wird daher – sogar in Münsters Dom (siehe Foto oben) – stets mit Steinen auf einem Buch dargestellt.

Und bis heute singen Tausende Pilger beim Liborifest: »Liborius, halt für uns an, auf dass nicht Gries und Nierenstein die Strafen uns'rer Sünden sei'n.« Sicherlich ist Krankheit keine Strafe für Sünden, aber dass der Glaube nicht nur eine geistige Angelegenheit ist, sondern den ganzen Menschen samt Körper meint und gerade in Krankheiten Kraft zu geben vermag – dafür ist Liborius ein starkes Beispiel.

Gegen verzweifelt hämmernde Nachbarn dagegen hilft womöglich, ihm mit Freundlichkeit und Können zur Hand zu gehen. Oder Ohrstöpsel.