Die Mädchen finden es okay so

Warum in Visbek nur Jungs Messdiener sind

Lennard Dasenbrock fand sie „cool“, seine Messdienerstunden, damals, vor gut zehn Jahren. „Sich nachmittags mit Kumpels treffen, zuerst üben in der Kirche und dann ab auf den Bolzplatz.“ Ob es auch daran lag, dass die Jungs dabei unter sich blieben?

Der 21-Jährige, seit diesem Jahr „Präsi“ der Visbeker Oberministranten (Omi), überlegt kurz. „Unbewusst bestimmt“, sagt der groß gewachsene Blondschopf und lächelt. „Mit zehn, elf Jahren hat man eben nicht so viel Lust, viel mit Mädchen zu machen.“

„Wir machen Sachen, wo Jungs Bock drauf haben“

Auch heute noch ähneln die Gruppenstunden der Visbeker Messdiener denen von vor zehn Jahren. „Wir machen Sachen, wo Jungs Bock drauf haben“, sagt Lennard Dasenbrock und zählt auf: „Kicken, über alles Mögliche quatschen, mal Döner- oder Burger-Essen.“ Wichtig vor allen Dingen: „Wir wollen, dass die Kinder Spaß haben und lange dabei bleiben.“

Das funktioniert in St. Vitus ziemlich gut. Fast 200 Mitglieder zählt die Messdienergemeinschaft, rund 80 davon gehören zur Omi-Runde, manche auch noch mit über 25 Jahren.

Der Pfarrer wollte es eigentlich anders

Und bis heute ist eines immer noch so wie vor 20 Jahren: Altardienst in Visbek ist Jungensache. Egal, wie andere Pfarreien es machen. Egal auch, dass in der Filialkirche St. Antonius Jungen und Mädchen längst nebeneinander am Altar stehen.

Nur Jungs am Altar – wer vermutet, dahinter stecke doch bestimmt ein altmodischer Pfarrer, der irrt. „Ich kam 2004 mit ganz anderen Vorstellungen nach Visbek“, sagt Hermann Josef Lücker. Schließlich hatte er als Messdienerleiter in Maria Frieden Vechta für Gleichberechtigung beim Altardienst gekämpft, und zwar erfolgreich. „Wir waren im Oldenburger Land eine der ersten Pfarreien mit weiblichen Messdienern“, sagt er nicht ohne Stolz.

Es gibt eine lebendige Pfarrjugend

Am Ende überzeugten ihn aber die Argumente der Visbeker Jugendlichen, vor allen Dingen die Zahlen. Neben der florierenden Messdienergemeinschaft gibt es in St. Vitus eine ebenso große und lebendige weibliche Pfarrjugend, die Mädchen für Gemeinschaft (MFG).

Der Pfarrer schwärmt: „Jede Woche treffen sich fast 400 Kinder und Jugendliche im Pfarrheim, mit einem Riesenaufgebot an Leiterinnen und Leitern.“ Der Pfarreirat unterstütze deshalb ausdrücklich den von Messdienern und Mädchengemeinschaft gewählten Weg.

Der Pfarreirat unterstützt das

„Bei uns hat sich das bewährt“, sagt auch Lennard Dasenbrock. Er hält das Modell „nicht für rückständig, sondern vielleicht sogar für fortschrittlich.“ Weil es Mädchen und Jungen besser gerecht werde.

Ähnlich argumentieren auch die Mädchen und ihre Leiterinnen. Hannah Neemann (21) aus dem fünfköpfigen MFG-Vorstandsteam hat den Altardienst jedenfalls noch nie vermisst. „Mein Bruder war Messdiener, der musste sonntags früh raus zum Dienen. Da war ich froh, dass ich noch liegen bleiben durfte.“

Die Jungs sagen aber auch: „Gerecht ist das nicht.“

Und wenn ab und zu Mädchen doch mal nachfragen, warum sie nicht auch mit Rochett und Leuchter am Altar stehen dürfen? „Nein zu sagen tut mir dann immer ein bisschen leid“, sagt Lennard Dasenbrock. „Weil ich ja weiß: Wirklich gerecht ist das nicht. Aber die Vorteile überwiegen eben.“

Vorteile, die auch Hannah Neemann sieht. „Wir können  Sachen machen, die Mädchen interessieren.“ Fußball gehört eher nicht dazu. „Stattdessen zum Beispiel Schminkpartys oder Brettspiele.“

Nicht alles läuft getrennt

Außerdem: Längst nicht alles läuft getrennt. Bei der 72-Stunden-Aktion des Bundes der Deutschen katholischen Jugend (BDKJ) haben alle gemeinsam einen Volleyballplatz errichtet. In der Karwoche helfen Leiterinnen und Leiter gemeinsam bei einem Kinderbibeltag mit. Und auch beim Ferienlager arbeiten sie in der Vorbereitung zusammen und fahren dann nacheinander in dieselbe Herberge. So müssen Material und Kochgeschirr nur einmal hin und her transportiert werden.

Hannah Neemann, Vorstandsmitglied der weiblichen Pfarrjugend. | Foto: Michael Rottmann
Hannah Neemann, Vorstandsmitglied der weiblichen Pfarrjugend. | Foto: Michael Rottmann

Und wenn Jungen- und Mädchengruppen getrennt bleiben, aber gemeinsam am Altar stehen würden? Andere Gemeinden haben sich schließlich für dieses Modell entschieden Lennard Dasenbrock wiegt den Kopf hin und her. „Ich weiß nicht“, sagt er. „Wenn sich 14-jährige pubertierende Jungs von Mädchen etwas sagen lassen müssen, dann machen die das natürlich. Aber ob alle das nächste Mal wiederkommen, das ist die Frage.“

Kein Weg auf Dauer

Trotzdem sieht Hannah Neemann Veränderungen auch auf Visbek zukommen. „Weil die Zahlen zurückgehen.“ Das sei schon heute spürbar. Wäre das schlimm? Sie schüttelt den Kopf. „Es wäre besser, man schließt die Gruppen dann zusammen und hat noch eine Messdienergemeinschaft, als gar nichts.“ Lennard Dasenbrock nickt: „Im Moment läuft es. Da brauchen wir nicht einzugreifen. Aber wenn es irgendwann notwendig wird, dann sprechen wir darüber.“