Interview mit Krankenhausverbands-Chef Theo Paul

Warum leistet sich die katholische Kirche Krankenhäuser?

Warum soll sich die Kirche heute noch mit eigenen Hospitälern engagieren? Antworten von Theo Paul, Generalvikar im Bistum Osnabrück und Vorsitzender des Katholischen Krankenhausverbands Deutschlands.

Herr Generalvikar Paul, warum wird das Existenzrecht kirchlicher Krankenhäuser derzeit so intensiv infrage gestellt?

Intern geht es um die Frage, ob sich Kirche im Krankenhauswesen überhaupt noch engagieren solle, wenn das religiöse Profil wegen der finanziellen Zwänge kaum noch ausweisbar sei. Im Wettbewerb gibt es ja keine Rücksicht auf religiöse Traditionen. Kirche wird zuweilen sogar vorgeworfen, das Gesundheitssystem für missionarische Zwecke zu missbrauchen.

Was antworten Sie den Kritikern?

Generalvikar Theo Paul
Der Osnabrücker Generalvikar Theo Paul ist Vorsitzender des Katholischen Krankenhausverbandes in Deutschland. | Foto: Michael Bönte

Wir haben viele Häuser, die ökonomische Anforderungen, die Sorge um den Patienten und den ethisch-geistlichen Anspruch gut miteinander verbinden. Die entscheidende Aufgabe ist es, den Einsatz nicht nur unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu sehen. Unsere Krankenhäuser sind keine Orte der Geschäftsbeziehungen, und die Patienten sind keine Kunden. Es geht um ganzheitliche Sorge füreinander und um die Würde des Menschen als Ebenbild Gottes.

Wie wird dieser Charakter deutlich?

Das kirchliche Krankenhaus muss sich dadurch auszeichnen, dass es ein religionsfreundliches Klima schafft. Die religiöse Dimension darf nicht tabu sein, sondern muss als wichtiges Moment im Heilungsprozess gesehen werden. Das sollte in einer einladenden, offenen Atmosphäre geschehen. Religion ist für viele Menschen, egal mit welchem weltanschaulichen Hintergrund, ein wichtiger Teil der Auseinandersetzung mit Krankheit.

Wie kann dieses Klima konkret gestaltet werden?

Durch Angebote, die unser Profil zeigen, etwa regelmäßige Gottesdienste und die Krankenhausseelsorge. Entscheidend ist die Ausstrahlung der Mitarbeiter. Sie müssen sich des religiös-ethischen Hintergrundes des Hauses bewusst sein.

Gibt es dafür denn noch das geeignete Personal?

Auch wenn die Ordensschwestern im Alltag unserer Krankenhäuser immer weniger werden, gibt es doch viele Krankenschwestern und Pfleger, Ärztinnen und Ärzte, die sich bewusst für die Arbeit in einer katholischen Einrichtung entscheiden. Ihnen ist es wichtig, dass sie ethische Kriterien einfordern können, sowohl im Umgang mit den Patienten als auch im Umgang der Mitarbeiter untereinander. Da muss man letztlich nicht einmal Christ sein. Auch ein Muslim kann sich mit dem Leitbild eines katholischen Krankenhauses identifizieren.

Was nehmen der Patient und der Angehörige von diesem Hintergrund mit nach Hause?

Das, was sie tatsächlich oder hoffentlich auch aus kommunal oder privat geführten Häusern mitnehmen. Wenn Menschen aus einem katholischen Krankenhaus nach Hause gehen und sagen, dass sie sowohl medizinisch und pflegerisch als auch in der persönlichen Begleitung gut behandelt worden sind, dann ist das schon sehr viel. Wenn sie darüber hinaus eine zurückhaltend einladende Kirche in Erinnerung behalten, die in einfühlsamer Kommunikation mit Patienten, Angehörigen und Mitarbeitern den Kernfragen des Lebens nachspürt, kann ihnen das auch in gesunden Tagen Orientierung geben.

Wenn es ähnliche Strukturen und personelle Angebote auch in anderen Kliniken gibt, reicht dann diese zurückhaltende Präsenz als Argument für katholische Krankenhäuser aus?

Es gibt ein weiteres zentrales Argument für unser Engagement, nämlich den Lernprozess nach innen. Unsere Krankenhäuser sind Orte, wo sich Menschen einfinden, die an den Rand geraten sind, in Extremsituationen, in elementarste Krisen mit existenziellen Fragen. Wenn die Kirche die Weggemeinschaft mit diesen Menschen aufgibt, dann gibt sie einen ihrer Grundaufträge auf.

Welchen?

Ein Erkennungszeichen Jesu ist die Aufrichtung und Heilung der Kranken. Die Botschaft vom Reich Gottes ist ohne Zuwendung zu den Kranken und Leidenden nicht zu verstehen. Und das ist Jesu Auftrag auch an uns. Wenn wir diesen Auftrag zur Krankensorge ernstnehmen, verbietet es sich, unser Engagement auf Fragen der institutionellen Rahmenbedingungen unserer Zeit zu reduzieren.

Wird diese Botschaft in der Gesellschaft denn noch wahrgenommen?

In dieser Tiefe sicher selten. Aber wenn wir uns abkapseln würden von der Wirklichkeit und von den Fragen der Medizin, der Ökonomie, der Ethik oder auch der Personalentwicklung, dann hätten wir mit unserer Botschaft überhaupt keine Relevanz mehr in der Gesellschaft. Ein Blick auf die Sterbehilfe-Diskussionen zeigt, dass wir gewichtig mitreden können, weil wir uns in unseren Krankenhäusern selbst mit der Situation Sterbenskranker auseinandersetzen.

Bei allen Argumenten für das Engagement der Kirche im Gesundheitssystem: Warum trifft die Kritik sie derzeit mit einer solchen Wucht?

Wohl auch deshalb, weil damit Kräfte innerhalb der Kirche bedient werden, die sich verabschieden wollen von unserer pluralen säkularen Gesellschaft. Da haben einige durchaus die Idee, eher eine Ghetto-Pastoral zu etablieren, also Seelsorge-Angebote nur für den inneren Zirkel. Gerade in Bezug auf das Krankenhaus ist dieser Ansatz aber völlig falsch. Es gibt vermutlich kaum einen Ort, an dem mehr gebetet wird als im Krankenzimmer.