Interview: "Ab Oktober wieder Zeit für das normale Leben"

Warum Norbert Köster das Amt des Generalvikars abgibt

Norbert Köster wird im Oktober als Generalvikar des Bistums Münster entpflichtet. Er hat Bischof Felix Genn selbst darum gebeten. Es waren nicht die Aufgaben, die ihn zu diesem Schritt bewogen, sondern die Fülle der Aufgaben. Zeit für anderes gab es kaum. Das soll sich jetzt wieder ändern.

Herr Köster, Sie werden nach nur zwei Jahren als Generalvikar entpflichtet – darf man Sie beglückwünschen oder muss man Sie bedauern?

Sicherlich beides. Ich lasse ein gut aufgestelltes Haus mit allem, was daran hängt, hinter mir. Ich bin hier toll aufgenommen worden und habe viele Mitarbeiter erlebt, die wirklich Spaß an ihrer Aufgabe haben und gerne etwas mit nach vorne gebracht haben. Auf der anderen Seite freue ich mich, dass ich in Zukunft wieder ein bisschen mehr das machen kann, was in meinem Herzen ist. Vor allem die wissenschaftliche Arbeit mit den Studierenden der Kirchengeschichte. Das hat mir immer schon sehr viel Spaß gemacht. Ich werde bald wieder mehr Zeit haben, das zu gestalten.

Gibt es auch ein lachendes Auge, weil Sie sich von unschönen Aufgaben trennen können?

Das habe ich in den vergangenen zwei Jahren gar nicht als so schlimm erlebt. Natürlich gibt es unangenehme Dinge, die man entscheiden muss. Aber in den meisten Fällen kann man sehr viel über Gespräche erreichen. Wenn man dabei deutlich macht, dass es Not- und Zwangssituationen gibt und alle Beteiligten in die Diskussion darüber einbezieht, dann gibt es auch viel Einsicht. Natürlich beschweren sich auch einige. Aber die meisten sagen dann, dass sie meine Entscheidung nachvollziehen können.

Dann haben Sie Ihre Entscheidung wegen der Quantität der Aufgaben getroffen, nicht wegen der Qualität?

Genau. Denn was ich nicht vermissen werde, ist der unendlich gefüllte Kalender. Anstrengend war dabei vor allem, dass ich mit ständig wechselnden Themen und Leuten zu tun hatte. Ich musste mich oft von einer Sekunde auf die andere auf völlig andere Dinge und neue Zusammenhänge einstellen. Im direkten Gespräch geht das im Halbstundentakt. Bei den Antworten auf E-Mails zwischendurch geht das im Minutentakt. Das macht wirklich müde.

Wie hat Bischof Felix Genn auf Ihre Bitte reagiert?

Er war am Anfang natürlich nicht begeistert. Das kann ich gut verstehen. Er hat mir das Vertrauen geschenkt und ich gebe es in gewisser Weise wieder zurück. Ich schätze an Bischof Felix, dass er sich mit einem solchen Vorgang einige Zeit zurückzieht. Er entscheidet nicht aus dem Bauch, sondern macht sich Gedanken und wägt intensiv ab. Erst danach ist er zur mir gekommen und hat gesagt: Ich kann es mir so vorstellen.

Norbert Köster
Norbert Köster an seinem Schreibtisch im Bischöflichen Generalvikariat Münster. | Foto: Michael Bönte

Auch Ihre Idee, Klaus Winterkamp zu Ihrem Nachfolger zu berufen?

Ich hatte diesen Gedanken von Beginn an mit meiner Entscheidung verbunden. Meine persönlicher Entschluss und der Vorschlag, in Klaus Winterkamp einen geeigneten Nachfolger als Generalvikar zu sehen, gingen dabei zusammen. Diesen Hintergrund habe ich auch mit dem Bischof erörtert. Ich denke, das hat ihm die Entscheidung erleichtert, mein Gesuch nach Entpflichtung dann anzunehmen.

Haben Sie die Herausforderungen für einen Generalvikar vorher richtig eingeschätzt?

Ich bin viel gewarnt worden, was da alles auf mich zukommt. Die Fülle der Aufgaben hatte ich also erwartet, die Form war dagegen manchmal etwas unerwartet. Ich habe nicht damit gerechnet, dass meine Aufgabe so viel mit Kommunikation zu tun hat. Auch wenn das Spaß gemacht hat, Menschen zusammenzubringen, gemeinsam Entscheidungen zu fällen, Kompromisse zu finden, Konfliktparteien an einen Tisch zu bringen – es war trotzdem kräftezehrend.

Gibt es einen Moment, auf den Sie als Generalvikar gern verzichtet hätten?

Das war die Diskussion rund um die ehemalige NRW-Landwirtschaftsministerin Christina Schulze-Föcking. Mit meinen Äußerungen bin ich in eine scharfe Auseinandersetzung zwischen den Grünen und den Landwirten geraten. Was ich gesagt habe, war grundsätzlich nicht verkehrt. Aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass das Thema so unglaublich aufgeheizt war. Das war eine ganze Woche mit pausenlosem Stress und wüsten Beschimpfungen von vielen Seiten. Es war wohl die bitterste Woche als Generalvikar. Ich bin auf dem Zahnfleisch gekrochen.

Welche Momente waren schön?

Die verschiedenen Prozesse, die es im Bistum gab, weiterzuführen, hat mir Freude bereitet. Ich habe gemerkt, dass es den Leuten Spaß macht, etwas zu bewegen. Da gab es viele Sternstunden hier im Haus. Immer dann, wenn wir trotz der vielen unterschiedlichen Blickwinkel gemerkt haben, dass wir an einem Strang ziehen. Zum Beispiel bei der Vorgabe des Bischofs, dass es keine weiteren Fusionen gibt und der Pfarrer der Leiter in den Pfarrgemeinden bleibt. Das mussten wir im Arbeitskreis Leitung kreativ umsetzen. Die Diskussionen waren intensiv und kontrovers. Am Ende war aber ein gemeinsamer Geist zu spüren. Das tat gut.

Empfinden Sie Ihre Entscheidung nicht als einen Karriere-Knick – immerhin waren viele Bischöfe zuvor auch Generalvikare?

Da kann ich ehrlich sagen, dass ich diesen Ehrgeiz nie gehabt habe. Wer gerne Bischof werden möchte und alles darauf anlegt, der hat irgendetwas nicht verstanden. Denn das ist ein sehr schweres Amt. Und ich kann nur den Hut davor ziehen, wenn jemand die Berufung dazu hat und das auch gern tut. Ich sehe also überhaupt keinen Karriereknick für mich. Denn was kann man Besseres in seinem Leben tun, als seiner inneren Spur zu folgen? Und mein Weg ist jetzt ein anderer als der eines Generalvikars.

Wie sah Ihr Leben als Seelsorger in den vergangenen zwei Jahren aus?

Das war auch ein Problem in meiner Aufgabe. Ich habe immer versucht, es durch einzelne Gottesdienste und geistliche Begleitungen wach zu halten. Aber das gab es für mich leider nur am Rand. Das, was in der Seelsorge unmittelbar zu Herzen geht, kommt viel zu kurz. Ich werde schauen, wo sich jetzt für mich wieder Gelegenheiten ergeben, das mehr zu tun.

Was liegt als Erstes an, wenn wieder mehr Zeit ist?

Ich möchte zur Ruhe kommen. Ab Oktober gehe ich entweder in eine Sabbatzeit von drei Monaten oder steige langsam wieder in meine wissenschaftliche Arbeit an der Universität ein. Ich werde aber ganz sicher wieder mehr spazieren gehen und Bücher lesen. Eben die ganz normalen Dinge machen, die zu kurz gekommen sind. Dazu gehört auch die Pflege von Kontakten und Besuche bei meiner Mutter. Wenn ich das normale Leben wieder etwas mehr leben kann, dann ist das schon sehr viel.