Psychotherapeutin Helga Kohler-Spiegel erläutert, wie Kinder Schuld lernen

Warum Schuldgefühle sogar gut sein können

»Nur dort, wo ich beziehungsmäßig sicher bin, kann ich auch eingestehen, was ich falsch gemacht habe«, sagte die Psychotherapeutin und Religionspädagogin Helga Kohler-Spiegel.
»Nur dort, wo ich beziehungsmäßig sicher bin, kann ich auch eingestehen, was ich falsch gemacht habe«, sagte die Psychotherapeutin und Religionspädagogin Helga Kohler-Spiegel.Foto: Shutterstock

Helga Kohler-Spiegel ist Psychotherapeutin und Religionspädagogin. Im Interview beschreibt sie, wie Kinder Schuld lernen und wie es dazu kommt, dass wir uns schuldig fühlen. Und was es braucht, um zu Fehlern stehen zu können.

Kirche+Leben: Frau Kohler-Spiegel, wie lernt man Schuld?

Helga Kohler-Spiegel lehrt seit 1999 an der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg in Österreich. Die promovierte Psychotherapeutin zählt zu den renommiertesten Religionspädagogen im deutschsprachigen Raum.
Helga Kohler-Spiegel lehrt seit 1999 an der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg in Österreich. Die promovierte Psychotherapeutin zählt zu den renommiertesten Religionspädagogen im deutschsprachigen Raum. | Foto: Katholische Kirche Vorarlberg, Patricia Begle

Helga Kohler-Spiegel: Was wir entwicklungspsychologisch wissen, ist, dass es tatsächlich Phasen gibt, die man sowohl unter dem Stichwort »Gewissensentwicklung« als auch »ethische Entwicklung« fassen kann. Kinder lernen über ihre Bezugspersonen, was richtig und was falsch ist. Der Halt und die Orientierung, die schon in frühester Kindheit vermittelt werden, sind eine ganz wichtige Basis. Das geschieht nicht von heute auf morgen, psychotherapeutisch sprechen wir auch von einem »Gewöhntwerden«. Das passiert über die Kontinuität der Erziehung. Die Rituale, die es gibt, die Ritualisierungen im Laufe eines Tages, einer Woche – all das dient diesem »Gewöhntwerden« an Werte und Regeln. Das muss nicht nach Plan geschehen. Wichtig ist ein Mittelmaß, dass das Kind eben auch selbst Erfahrungen machen kann und in den Erfahrungen lernen kann, was richtig und falsch ist. Dann wissen wir, dass es zu einer Verinnerlichung dieser Regeln und Normen kommt. Dazu ein Beispiel: Ein dreijähriges Kind braucht an der Verkehrskreuzung die Hand eines Erwachsenen, da es noch nicht verinnerlicht hat, dass es nicht einfach auf die Straße rennen darf. Aber ein siebenjähriges Kind weiß schon aus sich selbst heraus: »Da muss ich stehen bleiben, vorsichtig sein und auf die grüne Ampel warten.«

Wie komme ich dahin, dass ich mir Schuld eingestehen kann?

Es braucht die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Das heißt: Ich habe ein Bewusstsein über mich selber. Da­rüber hinaus habe ich ein Bewusstsein, dass der andere anders ist und auch anders empfinden kann, ich brauche also eine Unterscheidung zwischen mir und dem anderen. Dann ist »Bindung« ein wichtiges Stichwort: Denn wenn ich nicht die Sicherheit habe, dass ich so angenommen bin, wie ich bin, dann stelle ich mich selbst infrage. Ich habe Angst davor, was passiert, wenn ich etwas zugebe. Nur dort, wo ich beziehungsmäßig sicher bin, kann ich auch eingestehen, was ich falsch gemacht habe.

Worin besteht der Unterschied zu Schuldgefühlen?

Schuld ist an sich nichts Schlechtes. Sie hilft dem Menschen, sich weiterzuentwickeln. In der Erstkommunionkatechese lasse ich Kinder gerne aus den Buchstaben des Wortes »Fehler« ein neues Wort bilden: »Helfer«. Schuldgefühle können sogar gut sein, so komisch das klingen mag. Sie können eine Erfahrung erträglicher machen, manchmal können sie auch ablenken vom tatsächlichen Konflikt. So kann es geschehen, dass es beispielsweise erträglicher ist, sich schuldig zu fühlen, als Zorn zu spüren oder sich abzugrenzen, »Nein« zu sagen. Es ist immer wieder Aufgabe für den Menschen, eigene Schuldgefühle wahrzunehmen, sich bewusst damit auseinander zu setzen und zu verstehen, welche Bedeutung sie haben, um sie neu wahrzunehmen und teilweise auch loszulassen.

Wie kann da unser Glaube helfen?

Jüdisch-christlich zu glauben, ist ein Bindungsangebot mit Autonomie. Im Prinzip steckt es schon in dem Namen JAHWE, »Ich bin der ich bin da«. Diese Zusage Gottes »Ich werde da sein« gilt über den Tod hinaus. Jüdisch-christlicher Glaube verspricht kein leidfreies, aber ein begleitetes Leben, verbunden mit der Aussage »Fürchtet euch nicht, habt keine Angst.« Jesus interessiert nicht, wieso jemand so geworden ist, wie er ist, sondern er fragt nach vorne: Ist die Zeit reif zur Umkehr, zur Veränderung, zu neuen Perspektiven? Ein Blick in die Evangelien hilft da weiter: Zum einen im Gleichnis »Der barmherzige Samariter« (Lukas 10, 25-37), wo wir die Weisung lesen, im entscheidenden Moment auf den anderen zu schauen, zu helfen und zu lieben. Und direkt in Folge bringt Lukas die Erzählung von Maria und Martha (Lukas 10, 38-42) in der Begegnung mit Jesus. In dieser Begegnung ist es richtig, eben nicht zu handeln, sondern sich hinzusetzen und ins Gespräch zu kommen.

Das finde ich so faszinierend, dass es im Neuen Testament nicht heißt, nur das Eine oder nur das Andere ist wichtig, sondern immer diese Zumutung, dass wir selber im Moment entscheiden müssen, Weisungen deuten müssen und in eigener Verantwortung dann auch leben.