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26-Jähriger aus Emsdetten setzt sich für die Rettung von Geflüchteten ein

Warum sich Kai Echelmeyer für Seenot-Organisation „Sea-Eye“ engagiert

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Mit ganzer Kraft setzt sich Kai Echelmeyer aus Emsdetten bei der zivilen Seenot-Organisation „Sea-Eye“ für Bootsflüchtlinge ein. Ein Auslandsjahr in Münsters mexikanischem Partnerbistum Tula spielte für sein Engagement eine große Rolle.

Die frohe Botschaft vorab: „133 Menschen konnten wir auf offener See retten“, sagt Kai Echelmeyer. Am Bildschirm berichtet er über seinen Einsatz als Menschenrechts-Beobachter auf dem Schiff „Alan Kurdi“ im September. Mit dem Schicksal von Bootsflüchtlingen setzt er sich als Mitarbeiter der zivilen Rettungsmission „Sea-Eye“ tagtäglich auseinander. Etwa 120 überwiegend junge Leute sitzen allein oder zu zweit vor ihren Geräten und hören ihm zu. Über einen Chat haben sie die Möglichkeit, während des Vortrags Fragen zu stellen. Ein Gedanke verbindet sie: „Menschen dürfen nicht im Mittelmeer ertrinken.“

Am nächsten Tag: Der 26-Jährige wirkt ruhig und sachlich, wenn er am Laptop in seinem Bonner Homeoffice geduldig weitere Fragen beantwortet. Momentan besteht sein Leben überwiegend aus „Online-Konferenzen, Meetings und Gruppenbesprechungen“, schildert er.

„Wir machen diese Arbeit, weil sie sonst niemand tut“

Er studiert Politikwissenschaften in Bonn und ist dabei, seine Bachelorarbeit anzugehen. Doch vor allem nimmt ihn seine Arbeit als Referent für die Organisation „Sea-Eye“ ein. Für Kai Echelmeyer war sein Einsatz auf See im September eine wichtige Erfahrung. Seine Aufgabe ist es nun, den Aufbau der ehrenamtlichen Lokalgruppen zu betreuen.

Und die Weihnachtstage? So richtig Stimmung komme bei ihm nicht auf, meint er. Er werde die Zeit nutzen, den Kopf frei zu bekommen. Der ist momentan ziemlich voll mit organisatorischen Tätigkeiten rund um Sea-Eye. Seit 2016 rettet der Verein mit Mitgliedern in Deutschland und der Schweiz Bootsflüchtlinge: „Wir wollen diese Arbeit nicht machen. Wir machen es, weil sie sonst niemand tut“, betont Echelmeyer. Der Grund: Die Europäischen Staaten haben kein eigenes Seenotrettungsprogramm mehr. Nationale Marineeinsätze gebe es vereinzelt noch mit Unterstützung der europäischen Grenzagentur „Frontex“.

Ein Jahr im Bistum Tula

Die politischen Baustellen sind vielfältig. Gerade jetzt müsste mehr für den Klimaschutz getan werden, damit zukünftig nicht noch mehr Menschen wegen schlechter Lebensbedingungen ihre Heimat verlassen müssten, betont Echelmeyer. „Mir ist immer wichtig, auch darüber zu reden, dass wir die Fluchtursachen bekämpfen – oder sie erst gar nicht schaffen, damit die Menschen nicht flüchten müssen.“

Zu seinem Beruf, der für Kai Echelmeyer Berufung ist, gab auch ein Auslandsjahr in Mexiko über das Bistum Münster den Anstoß. Nach dem Abi ging der Emsdettener für ein Jahr in Müns­ters Partnerbistum Tula. Die Mariengemeinde in Emsdetten, in der er lange Messdienerleiter war, hat eine Partnerschaft mit der mexikanischen Gemeinde in Cardonal. Im Mexikokreis ist Echel­meyer bis heute aktiv. „Dass ich auf der 'Alan Kurdi' mitgefahren bin – da hat mein Auslandsjahr mit Sicherheit mit reingespielt.“

Seit er 14 ist, engagiert er sich

Für ihn ist es selbstverständlich, sich für Menschen in Not einzusetzen. Seit er 14 ist, engagiert er sich freiwillig und ehrenamtlich. Bei „Detten rockt“ zum Beispiel, ein „Umsonst-und-draußen-Festival“, bei dem 3000 Menschen in Ems­detten mit Musik friedlich gegen Rassismus und Diskriminierung feiern.

Wenn er an seinen ersten ehrenamtlichen Einsatz auf der „Alan Kurdi“ zurückdenkt, denkt er an immer wiederkehrende Wartezeiten und Schikanen seitens der Behörden. Doch er ist froh, dass die Mitglieder der „Alan Kurdi“ innerhalb von 24 Stunden 133 Menschen an Bord in Sicherheit bringen konnten. Echelmeyer spricht dabei von „Gästen“: „Es geht um die Wertschätzung, die man diesen Menschen entgegenbringt.“ Ihn stört es immens, „dass in der innenpolitischen Diskussion immer wieder vergessen wird, dass dort Menschen mit ihrer Geschichte, mit ihrem Schicksal vor uns stehen.“

„Ungerechtigkeit kann ich überhaupt nicht ab“

Bei seinem Bericht über die Rettungsaktion, die immer wieder Rückschläge mit sich brachte, ist ihm anzumerken, wie schwer es ihm fällt, sachlich zu erzählen: „Ungerechtigkeit – das kann ich überhaupt nicht ab“, antwortet er auf die Frage, was ihn antreibt. „Andere nennen es vielleicht Nächs­tenliebe, aber ich empfinde es einfach als ein Verlangen nach Gerechtigkeit. Uns geht es gut, es mangelt uns an nichts. Andere ertrinken einfach. Anderen geht es schlecht.“

Das will er so nicht akzeptieren. Insbesondere kritisiert er, dass die zivile Seenotrettung kriminalisiert werde: „Es wird gegen uns gearbeitet.“ Konkrete Beispiele seien lange Wartezeiten in den Häfen, sowohl vor dem Aufbruch als auch bei der Ausschiffung der Menschen. Auch komme es öfter vor, dass die Küstenwachen auf See Rettungsaktionen störten und die Geflüchteten zurück nach Libyen beförderten. „Die Menschen sind dann ohne Geld und Essen und oft krank.“

Das schlimmste Weihnachten: in Moria

Als Missionar sieht er sich bei seinem Engagement nicht. Er redet nicht über seinen Glauben, er macht einfach. Und dabei dreht er nicht nur am großen Rad. In Bonn-Endenich sitzt er im Pfarreirat oder übernimmt die Firmkatechese.

Weihnachten ist für ihn fast schon Nebensache: „Das schlimmste Weihnachten der Nachkriegszeit? Wir haben fast alle eine Wohnung, wir sitzen im Warmen, haben Kleidung genug. Andere haben gar nichts. Das wird einfach vergessen“, sagt Kai Echelmeyer. „Den Menschen in den Lagern in Moria oder auf Lampedusa steht dagegen ein schlimmer Winter bevor.“

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