Wie gehen Christen mit dem Sterben um?

Warum sich Schwester Irmtrudis aus Münster auf den Himmel freut

Sterben ist ein großes Thema, und, weiß Gott, viele verdrängen es“, sagt Irmtrudis Brüggehagen. Die 80-jährige Clemensschwester hat „Hunderte von Sterbenden begleitet“. 50 Jahre war sie Krankenschwester, davon 17 Jahre in der Hospizarbeit im niedersächsischen Lemförde. Sie hat erlebt, wie sich Menschen mit Angst und unwilligem Aufbäumen ans Leben klammerten. „Vor allem, wenn sie ihre Kriegstraumata und Fluchterfahrungen nicht verarbeitet haben.“

Sie wurde aber auch „großartig beschenkt“. Ein 15-Jähriger habe mit großen Augen und lautem Staunen seine Todesnähe ausgedrückt. „Er strahlte wenige Minuten vor seinem Tod. Das war umwerfend, mir so eine Botschaft zu vermitteln.“ Eine Patientin, die wider Erwarten wach wurde, war nach Schwester Irmtrudis' inständigem Bitten bereit, ein weiteres Geschenk zu machen: Die Frau berichtete, dass sie durch einen dunklen Tunnel gegangen sei, immer auf ein Licht zu: „Schwester, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie schön das Licht ist!“

Loslassen bis zum letzten Atemzug

20 Jahre ist die Begegnung mit  dem Jungen her, mehr als 30 die mit der Frau. Schwester Irmtrudis hat beide vor Augen, als wäre es gerade geschehen. Ihre Berufung im Hospizdienst hat sie geprägt. „Ich bin endlich“, sagt sie. Das sei unabänderlich. „Und ich setze mich immer neu mit meiner Endlichkeit auseinander. Ich arbeite bis zum letzten Atemzug an dem großen Wort Loslassen.“

Sie habe manchem Menschen dabei geholfen loszulassen, erinnert sie sich. Und wie ist es bei ihr selbst? „90 Jahre möchte ich nicht unbedingt werden“, erklärt sie und schmunzelt verschmitzt. „Nur, wenn Er mir die Kraft dazu gibt.“

Großes Fest auf der anderen Seite

Über die letzte Phase macht sie sich keine Illusionen. „Die sehe ich keineswegs glorios.“ Dazu habe sie zu oft gesehen, wie Sterben voller Schmerzen, Atemnot und Hilflosigkeit sein kann. „Ich möchte eine gute Schmerztherapie, individuell und in dem Maß angepasst, dass ich bis zuletzt leben kann.“

Eine klare Vorstellung hat Schwester Irmtrudis aber davon, was beim Sterben spirituell geschieht: „Ich sehe vor mir meinen Lebensfluss. Und ich gehe sehr mühsam eine Treppe auf die Brücke hoch, die über den Fluss führt, bis ich einen Blick auf mein Leben an dem anderen Ufer habe“, beschreibt sie dieses Bild. „Dort wartet Jesus, und dort warten liebe Menschen auf mich.“ Familie, Verwandte, Freunde. „Dann wird es ein großes Fest geben.“

„Ich werde erwartet"

„Ich lebe gern“, betont die Ordensfrau. „Aber ich freue mich auf den Himmel.“ Sie ist sicher: „Es gibt diese große Zusage: Ich werde erwartet.“

Jesus stelle sie sich aber nicht unbedingt als Person vor: „Er ist von viel Licht umgeben.“ Allein fühlt sie sich in dieser Übergangsphase nicht. „Da sind mehrere Engel, die mir helfen: Raphael, Gabriel. Sie sind Boten Gottes, die mich dabei unterstützen, zu dem Licht zu kommen.“

„Gott hat mich geschubst"

Auch von den Menschen, die am anderen Ufer warten, hat sie kein klares Profil. Aber sie weiß: Sie kannte viele liebe Menschen, die vor ihr gegangen sind. „Neun nächste Verwandte habe ich in den Tod begleitet, darunter drei Geschwis­ter, einen Neffen, eine Patentante.“ Immer sei sie gerufen worden, wenn es soweit war. „Wer sonst sollte es auch tun in unserer Familie?“ Zuweilen habe sie das als bedrückende Verantwortung empfunden. „Jetzt verspüre ich dafür nur noch große Dankbarkeit. Der liebe Gott hat mich jedes Mal dahingeschubst.“

„Wie wir geboren sind, können wir sicher sein zu sterben“, sagt sie. „Das ganze Leben ist nichts anderes als Sterbebegleitung.“ Die Begleitung von anderen und die eigene Begleitung auf den Tod hin. „In unsere Eventgesellschaft passt das Sterben nicht mehr hinein“, sagt sie.

„Wir müssen nicht siegen"

„Doch wenn wir mehr mit unserer Endlichkeit leben, wird vieles eine andere Wertigkeit bekommen: in der Wirtschaft, der Ärzteschaft, der Gesellschaft.“ Wie das? „Wir Menschen müssen nicht so unter Druck stehen. Wir müssen nicht mehr siegen“, sagt sie.