Professor für Neues Testament im Interview

Was Auferstehung bedeutet – Theologe Thomas Söding erklärt

Auferstehung. Was bedeutet das eigentlich für mich – ewiges Leben? Auf was kann ich hoffen nach meinem Tod? Antworten gibt der Theologe Thomas Söding aus Münster, Professor für Neues Testament an der Universität Bochum.

Professor Söding, was erwartet mich nach meinem Tod?

Wenn ich Jesus folge, erwartet mich nach dem Tod das ewige Leben. Diese Botschaft ist unglaublich gut. Man kann sich das schwer erklären. Aber wenn Gott wirklich so ist, wie Jesus ihn verkündet hat, darf ich darauf hoffen, dass am Ende nicht das Nichts steht, sondern Gott.

Spielt dann das Leben, das ich vorher hatte, eine Rolle?

Ja, eine sehr, sehr große Rolle – und gleichzeitig wird alles ganz anders, nämlich unendlich viel besser. Es spielt eine große Rolle, weil es nicht um irgend­etwas geht, sondern um mich. Das ist die christliche Botschaft. Man löst sich nicht ins Unendliche auf, sondern das Du, das Gott mir sagt, bewahrheitet sich. Aber es geht Gott sei Dank nicht um mich, wie ich war, sondern es geht um mich, so wie Gott mich geschaffen hat. Ich bin geschaffen, glaube ich, als Ebenbild Gottes. Das ist so, wie ich lebe, getrübt und verschattet, bricht aber strahlend hervor. Das ist die Hoffnung.

Manche Menschen haben die Vorstellung, dass Gott wie ein Buchhalter die guten und die bösen Taten gewichtet.

Gott als Buchhalter, das ist ein Schreckgespenst. Aber Gott, der Gerechte, das ist ein Grund der Hoffnung. Ich möchte nicht einfach durchgewunken werden ins Paradies. Es ist wichtig, dass wenigs­tens am Ende die Stunde der Wahrheit schlägt. Ich muss mich mit der Realität meines Lebens, auch mit den Schattenseiten, mit der Not, mit der Schuld auseinandersetzen. All das, was schon auf Erden abgegolten werden konnte, ist schön und gut. Aber im Kern bleibt ein offener Rest. Und würde das nicht in dem, was das Neue Testament Gericht nennt, angesprochen werden, würde das Evangelium auf eine Illusion hinauslaufen. Das wäre keine Hoffnung.

Ist das eine Drohbotschaft oder eine frohe Botschaft?

Eine frohe Botschaft. Aber dazu gehört auch ein tiefer religiöser und ethischer Ernst. Es gibt kein Heil ohne Gericht, weil es um die Wahrheit geht. Aber ich füge hinzu: Es gibt das Gericht um des Heiles Willen, weil Jesus ganz auf Gott setzt. Und Gott ist größer als unser Herz. Das Reich Gottes ist größer als all das, was wir uns ausmalen können.

Thomas Söding ist Professor für Neues Testament an der Uni Bochum. | Foto: privatThomas Söding ist Professor für Neues Testament an der Uni Bochum. | Foto: privat

Wie ist das denn mit meinem Körper?

Mein Körper, da ist das Neue Testament knallhart, ist der Vergänglichkeit unterworfen. Mein Geist aber auch. Man hat so eine Phase, in der man fit sein will, groß und schön. In Wirklichkeit sieht es anders aus, und am Ende schlägt das Leben zu: Vielleicht werde ich mitten aus dem Leben gerissen, vielleicht unendlich gequält, bis ich endlich sterben kann. Ich habe keine Hoffnung darauf, dass ich mich in einer körperlichen Idealgestalt wiederfinde. Der Apostel Paulus hat dazu gesagt: Gesät wird in Vergänglichkeit, und auferweckt wird in Unsterblichkeit. Es gibt eine Verwandlung zum Positiven hin. Es geht nicht darum zu sagen: Der Körper ist die Fessel, die meinen Geist quält, und jetzt werde ich endlich meinen Körper los. Sondern es gibt eine Einheit von Geist, Seele und Körper. Wie der liebe Gott das macht, ist meine geringste Sorge.

Aber er macht es?

Das ist die Hoffnung. Es ist eine ganzheitliche Hoffnung, die nie nur eine Hoffnung für mich selbst ist. Sondern immer auch eine Hoffnung für andere – ja, eine Hoffnung für die ganze Welt.

Kann man sich das vorstellen wie so eine Art Wiederbelebung des Körpers?

Wir müssen ehrlich sagen: Wir können es doch gar nicht wissen. Aber, was man tun kann, ist, es zu hoffen. Und der größte Grund der Hoffnung ist, alles auf die Kreativität Gottes zu setzen. Wenn etwas von Gott selbst geschaffen ist, dann will er nicht, dass es endgültig vernichtet wird, sondern, dass es gerettet wird. Und diese Rettung gibt es nicht ohne eine tiefgreifende Verwandlung.

Ist denn Jesus der Erste, der auferstanden ist?

Der Apostel Paulus sagt: Jesus ist der Erste, der von den Toten auferstanden ist in einem ganz bestimmten Sinn: Er prägt ein Bild. Und er hat das jüdische Erntedankfest vor Augen. Das wird anders gefeiert als bei uns. Wir warten ja erst einmal ab, ob wir eine gute Ernte haben, und dann bedanken wir uns. Im Judentum wird dagegen die erste Garbe, die von einem reifen Feld geschnitten wird, Gott dargebracht. Dieses Bild prägt Paulus. Er sagt: Jesus ist ein echter Mensch, er ist wirklich gestorben, wirklich von den Toten auferstanden. Die  Auferstehung Jesu von den Toten ist der Grund der Hoffnung darauf, dass alle, die sterben müssen, von den Toten auferweckt werden. Insofern ist er der Erste in einem theologisch sehr grundsätzlichen und verheißungsvollen Sinn.

Wie ist das mit den Menschen, die in der Zeit vor Jesus gelebt haben?

Wir bekennen ja „hinabgestiegen in das Reich des Todes“ im Glaubensbekenntnis. Das ist so eine etwas mythisch klingende Vorstellung. Aber in der kommt eine tiefe Wahrheit zum Ausdruck: Jesus ist derjenige, der, so sagt es der Glaube, für alle gestorben ist und auch für alle von den Toten auferstanden ist. Wenn wir wirklich diese Hoffnung auf Ewigkeit haben wollen, ist sie nicht an unsere Zeitstrukturen gebunden. Im Augenblick Gottes selbst gibt es die reale Gegenwart pur, diesseits und jenseits aller Zeit. Deshalb ist bei der Auferstehung Jesu von den Toten nicht unser chronologisches System in den Himmel zu projizieren, sondern tatsächlich von Gott her zu denken.

Theologen sprechen von Auferweckung oder Auferstehung. Wo ist der Unterschied?

Das Neue Testament kennt sowohl die Rede von der Auferweckung Jesu wie auch die von der Auferstehung Jesu. Beide Bilder haben mit Schlafen und Aufstehen zu tun. Ich kann auferweckt,  aufgeweckt werden, ich kann auch aufstehen oder auferstehen. Wenn bekannt wird, „Gott hat Jesus von den Toten auferweckt“, ist der Tote erweckende Gott der Akteur. Jesus ist dann derjenige, der sich ganz in die Hand Gottes begeben hat und nun von den Toten auferweckt wird. Genauso alt ist die Rede von der Auferstehung Jesu. Dann ist der Glaube, der hier eine Sprache findet, derjenige, dass Jesus in der Kraft Gottes selbst sein Leben hingegeben hat und aus dieser Gotteseinheit heraus selbst den Tod überwunden hat. Das sind zwei Seiten einer Medaille.

Umfragen zufolge haben auch relativ viele katholische Christen Probleme mit dem Auferstehungsglauben. Wenn jemand an der Auferstehung zweifelt, ist dann sein Glaube an Gott sinnlos?

Die Zweifel an der Auferstehung sind so alt wie der Auferstehungsglaube selbst. Diejenigen, die am stärksten gezweifelt haben, waren die Apostel. Die konnten die Auferstehung nicht glauben. Die Tatsache, dass ihre Probleme im Neuen Testament nicht verdrängt werden, zeigt mir, wie wichtig diese Offenheit für die Zweifel ist. Man darf sie auf gar keinen Fall moralisieren, im Gegenteil. In der Skepsis wird deutlich, wie gut diese Botschaft ist. Wenn es keine Zweifel gäbe, gäbe es auch nichts zu glauben. Das Wichtigste ist, wie man damit umgeht. Man muss die Zweifel ernst nehmen. Das Neue Testament ist aber angetreten, um Menschen nicht den Zweifeln an Gott auszuliefern, die es immer geben wird, sondern um Mut zur Hoffnung zu machen.