Erklärt: Die Gesten in der Liturgie

Was bedeutet das Händefalten im Gottesdienst?

Ein Mann legt die Hände im Gebet aneinander Foto: UfaBizPhoto (Shutterstock)

Die am weitesten verbreitete Geste beim Beten: die Hände zusammennehmen. Auch da gibt es verschiedene Formen. Jene, die manchen frömmelnd vorkommt, hat es in sich.

Wenn einer richtig außer sich ist und sich so gar nicht wieder einkriegen will, dann ist dies wohl der richtige Rat: „Jetzt reiß dich aber mal zusammen!“ Unsere Sprache ist einfach wunderbar! Denn sie bastelt Bilder, die viel mehr ausdrücken, als man aufs erste Sehen oder Hören der Wörter denkt. In unserem Beispiel ist ja klar, dass selbstverständlich ein Mensch ausschließlich im übertragenen Sinn „aus der Haut fährt“. Nur weil er „außer sich“ ist, hat er ja nicht wie ein Dämon oder früher die Frau aus der „Lenor“-Werbung den eigenen Körper verlassen und steht nun neben sich.

Aber gemeint ist das eben doch, wenn man so redet: Wer sich nicht wieder einkriegen will, wer ganz aufgelöst mit den Händen fuchtelt und sich schrecklich aufregt, der ist eben nicht bei sich. Und da hilft, wie gesagt, der Rat: „Reiß dich zusammen!“, oder wie man landläufig etwas weniger aggressiv auch zu sagen pflegt: „Komm mal wieder bei!“
Genau das geschieht, wenn die fuchtelnden Hände im wahrsten Sinn des Wortes wieder herunterkommen, sich wie der dazugehörige ganze Mensch zusammennehmen, die Finger der einen Hand sich mit den Fingern der anderen Hand verschränken – kurzum: wenn wir die Hände falten.

Zur Ruhe kommen

„Als solle der innere Strom, der ausfluten möchte, von einer Hand in die andere geleitet werden und ins Innere zurückströmen, damit alles drinnen bleibe, bei Ihm“: So verbindet der große Theologe und Liturgie-Experte Romano Guardini (1885-1968) dieses Bei-sich-Sein eines Menschen mit dem in jedem Menschen wohnenden Gott. Die Hände zu falten, bringt die Handlungen dieser Extremitäten zur Ruhe, konzentriert alle Handlung und alles Handeln und führt es in der Mitte des Menschen zu sammen. Und so, in sich gesammelt mit verschränkten Händen  und gekreuzten Fingern, kommt er zu sich, erwacht in der Gegenwart Gottes.

Etwas förmlicher und übertrieben frömmelnd wirkt es auf manche, wenn der eine oder die andere die Hände nicht faltet, sondern die Handinnenflächen aneinanderlegt und sie so vor sich hält. Das allerdings ist nach dem Gebet mit geöffneten Armen die ursprünglichste Geste des Gebets, die bis heute vor allem bei jenen üblich ist, die einen Dienst im Gottesdienst übernehmen: bei den Messdienern, dem Diakon und dem Priester.

Auch im Yoga bekannt

Diese aneinander gelegten Hände waren ursprünglich eine Geste der Hingabe, wenn ein Leibeigener seine Hände in die seines Lehnherrn legte. So geschieht es bis heute während einer Weihe, wenn etwa ein künftiger Priester seine so gefalteten Hände in die des Bischofs legt und ihm so „Ehrfurcht und Gehorsam“ verspricht. Natürlich ist dieser Gestus nur im großen Raum liebenden Vertrauens richtig zu verstehen.

Die vor der Brust zusammengelegten Hände kennt auch die fernöstliche Spiritualität – und jeder, der schon einmal Yoga praktiziert hat. Spätestens am Ende einer Übung legt man die Hände eben so zusammen, und zwar bewusst vor dem Herzen. Dazu spricht man „Namasté“, was so viel heißt wie „Ich verbeuge mich vor dir.“ Das gilt zunächst für die Beziehung zwischen Meister und Schüler, sodass die eigene Seele die Seele des Gegenübers würdigt. Denn in jedem Menschen glimmt gemäß dieser Spiritualität ein göttlicher Funke.

Sich zusammennehmen

Die Hände vor dem eigenen Herzen zusammenzulegen, lässt aber auch tief körperlich zu sich kommen, bei sich sein und so auch das Gebet – und sei es ein schweigendes Dasein vor Gott – zu einer wirklichen Herzensangelegenheit werden. „Den Kopf zu senken und die Augen zu schließen, hilft, sich an das Göttliche in unserem Herzen hinzugeben“, heißt es erklärend auf einer Yoga-Internetseite.

Womöglich sind die aufeinandergelegten Handinnenseiten auch für uns Christen stärker noch als die gefalteten Hände ein Gestus der Meditation – und eine gute Hilfe, um sich wieder zusammenzunehmen und „beizukommen“, statt außer sich zu sein und sich draußen zu verlieren.