Erklärt: Die Gesten in der Liturgie

Was bedeutet das Liegen im Gottesdienst?

Für gewöhnlich geht es einigermaßen intim zu, wenn ein Mensch sich in die Horizontale begibt. Aber es muss deswegen nicht immer um Entspannung gehen. Wohl um tiefes Vertrauen. Auch in Gott.

Soll noch einer sagen, Gottesdienste wären zwangsläufig abgehoben und hätten wenig mit der Körperlichkeit des Menschen zu tun. Wenn man Stehen, Knien, sich Verneigen und Hände falten lediglich als einen irgendwie geforderten Ritus versteht, den man tut, weil man ihn eben tut, dann bleiben diese Gesten in der Tat blutleer und stehen bestenfalls im Dienst irgendeiner hehren, heiligen Idee.

Dass es um viel mehr geht, nämlich darum, mit dem ganzen Körper spürbar dem Glauben und tiefem menschlichem Bedürfnis Ausdruck zu geben, zeigt eine der ganz großen Gesten der Liturgie: das Liegen.

Eine seltene Geste

Sie kommt nicht eben häufig vor und wird für gewöhnlich nur selten vom „einfachen Gläubigen“ praktiziert – was schade ist. Sich hinzuwerfen, der Länge nach auszustrecken, auf den Boden zu legen gehört beispielsweise zum Ritus der Weihe, aber auch der Profess, bei der ein Ordensmensch seine Gelübde ablegt. Priester wie mancherorts auch Messdiener praktizieren diese „Prostratio“ genannte Geste auch zu Beginn des Karfreitags-Gottesdienstes. Darüber hinaus legte sich der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode 2010 während eines Bußgottesdienstes längs auf den Boden des Doms – im Rahmen eines Schuldbekenntnisses angesichts des Missbrauchsskandals.

In allen Fällen ist das Hinwerfen oder Liegen Ausdruck des tiefsten Gebets, des Vertrauens und einer selbstbewussten Demut, die sich voller Liebe ganz der Gegenwart Gottes anvertraut, sich ihr deutlich sichtbar völlig schutz- und hemmungslos ausliefert.

Die körperliche Aktion geht tiefer

Warum diese Geste? Könnte man all diese Hintergründe nicht einfach ganz feste mitdenken und ein Gebet einfach ganz besonders innig sprechen? Würde das nicht genügen?

Natürlich, wenn denn „Genügen“ überhaupt eine Kategorie beim Beten ist. Die körperliche Aktion aber geht doch viel tiefer und berührt mich als leibhaftiger Mensch doch noch einmal direkter. Denn bäuchlings auf dem Kirchenboden zu liegen, womöglich dessen Kühle zu spüren und die gewaltige Höhe des Raumes über sich, während einem selber gerade alle Erhabenheit und Größe abgeht  – das trifft beinahe wörtlich bis ins Mark.

„Homo“ und „humilitas“

In der vor 55 Jahren fertiggestellten Abteikirche Königsmünster in Meschede ist der tiefste Punkt des sich sanft zur Mitte hin senkenden Raumes durch ein Halbrund aus groben Pflastersteinen markiert. An genau dieser tiefsten Stelle liegt der Mönch, wenn er seine feierliche Profess ablegt oder eine Weihe empfängt. Dann liegt er dort mit dem Gesicht nach unten, festen Boden unter sich, den Urgrund.

Und weiß sich daran erinnert, was er ist und woher er kommt, biblisch gesprochen: Gleich im ersten Buch der Heiligen Schrift wird der Mensch „Adam“ genannt, was abgeleitet vom hebräischen Wort „adamah – Erde“ so etwas wie „Erdling“ heißt. Und aus dieser Erde hat Gott ihn – wiederum im biblischen Bild – genommen, geschaffen, ihm Gestalt gegeben. Anders gesagt: Der Mensch ist eng verbunden mit dem Humus, dem fruchtbaren Mutterboden. Und die Haltung, die sich daraus für den „homo – Mensch“ ergibt, ist die „humilitas – Demut“.

Wer liegt, der schwebt

Doch damit ist nicht Buckeln gemeint, sondern das staunende Anerkennen, dass ich und jeder Mensch Gottes Geschöpf ist. Wenn so der Mensch auf dem Boden liegt, der Adam auf der Adamah, der „homo“ auf dem „humus“, dann weiß er sich getragen von dem, der den Grund geschaffen und selbst der Grund allen Leben ist: Gott.

Wer also so da liegt in großem Vertrauen, der schwebt eigentlich, so gehalten ist er. Ganz so, wie es sich die Dichterin Hilde Domin auf ihren eigenen Grabstein schrieb: „Ich setzte den Fuß in die Luft, und sie trug.“ Ein scheinbar schwereloser Satz auf einem gewichtigen Grabstein.

Und so liegt in der Klosterkirche von Königsmünster der Mönch an besagter tiefster Stelle auch dann, wenn er gestorben ist. Dann steht der Sarg dort. Doch diesmal sind die wenngleich geschlossenen Augen nach oben ausgerichtet – zum Himmel.