Erklärt: Die Gesten in der Liturgie

Was bedeutet das Stehen im Gottesdienst?

Wer betet, der geht auf die Knie. Sollte man meinen, weil das Gebet natürlich mit Ehrfurcht vor Gott zu tun hat. Warum es dennoch sinnvoll und richtig ist, auch in der Messe aufrecht stehend zu beten.

Für gewöhnlich habe ich nichts dagegen, wenn man sich im Gottesdienst mal ein wenig auf die Pelle rückt. Das lässt auf ein volles Haus schließen – und diese Erfahrung macht man ja nicht mehr alle Tage. Grenzwertig wird eine solche unfreiwillige Form der Nächstenliebe allerdings, wenn das fromme Knien etwa während des Hochgebets mit dem intensiven Einatmen von Haarspray (bestenfalls) oder Küchendünsten (schlimmstenfalls) einhergeht, weil die Vorderfrau oder der Vordermann aus noch so verständlichen Gründen sitzt, während ich dahinter knie. Da kann die Andacht flott dahin sein.

Etwas anders ist die Sache, wenn die mitbetende Schwester oder der mitbetende Bruder in der Vorderreihe zwar nicht in die Nase kriecht, dafür aber den Blick verstellt, weil er oder sie in voller Körpergröße steht statt zu knien. Die versperrte Sicht ist allerdings der einzige Vorwurf, den man solchen „standhaften“ Gläubigen machen kann. Denn im Prinzip machen sie alles richtig.

Stehen als eigentliche Gebetshaltung

Zu stehen ist nämlich in der Tat die eigentliche Gebetshaltung während des Gottesdienstes. So steht es auch im Gotteslob unter Nr. 588,1, in den einleitenden Worten zum Hochgebet mit der Anleitung: „Alle stehen. Wo es üblich ist, knien die Gläubigen nach dem ‚Heilig‘ nieder; gegebenenfalls knien sie nur zu den Einsetzungworten.“

Tatsächlich ist es erst im Mittelalter Usus geworden, während des Hochgebets zu knien. Weil kaum einer die lateinischen Gebete des Priesters verstand, begannen die Gläubigen, währenddessen ihre privaten Gebete zu beten. Das Knien ist die Haltung des persönlichen Gebets, nicht aber die eines Gottesdienstes in Gemeinschaft – es sei denn bei der Anbetung des Allerheiligsten.

„Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr“

Zu stehen ist zudem durchaus ein Zeichen von Ehrfurcht. Stellen Sie sich vor: Sie sitzen in einem Raum auf einem Stuhl. Dann tritt ein Mensch an Sie heran, um  mit Ihnen zu sprechen. Natürlich stehen Sie auf, das gebietet nichts anderes als die Achtung vor dem Gegenüber. Und stehend, Auge in Auge, begegnen Sie einander. Romano Guardini, der große Theologe und Liturgie-Experte (1885-1968) schreibt dazu: Wenn ein Mensch steht, bedeutet das, „dass er sich zusammengenommen hat. Er ist wach, aufmerksam, gespannt. Und er ist bereit.“

Eines der beliebtesten, weil so ehrlichen Gottesloblieder drückt diese Grundhaltung des Gebets kurz und intensiv aus: „Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr“ (Nr. 422). Leere Hände – aber aufrecht stehend und voll Vertrauen: So darf sich der Mensch Gott anvertrauen. Vor ihm hat jeder seinen eigenen Stand – ungeachtet seines gesellschaftlichen Standes und Ansehens, ungeachtet der Stärke seines Rückgrats, ungeachtet der Standfestigkeit seines Glaubens. Zumal der eigentliche „Aufrichter“ Gott selber ist.

Wie man richtig steht

Romano Guardini sagt, das Stehen mache frei: „Aber das richtige Stehen! Auf beiden Füßen, ohne sich aufzustützen. Mit geraden Knien, aufrecht und beherrscht. Darin strafft sich das Gebet und wird frei zugleich, in Ehrfurcht und Tatbereitschaft.“