Erklärt: Die Gesten in der Liturgie

Was bedeutet die Kniebeuge im Gottesdienst?

Sich freiwillig klein zu machen, wirkt selbst auf erfahrene Katholiken mitunter demütigend. Und doch ist diese Geste Teil des Gottesdienstes. Erniedrigen will sie keinesfalls.

Zugegeben: Dass jemand freiwillig vor einem anderen Menschen auf die Knie fällt, ist in unseren Breiten bestenfalls noch beim Hochzeitsantrag üblich. Das hat aber wohl nur sehr selten etwas mit freiwilliger Unterordnung des Mannes als vielmehr mit eigenwilligen Vorstellungen von Romantik zu tun.

Im Großen und Ganzen aber scheint alles, was das Geläuf des Menschen zum Einknicken bringt, doch eine recht erniedrigende Angelegenheit zu sein. Wenn ein Mensch den anderen in die Knie zwingt oder ein Unternehmen wegen wirtschaftlicher Schwierigkeit in die Knie geht, dann besteht kein Zweifel daran, wie Macht und Ohnmacht verteilt sind, wer oben und wer unten ist. Und klar ist natürlich auch: Nur wer sich nicht klein kriegen lässt, darf bei den Großen mitspielen.

Muss ich mich in den Staub beugen?

Das alles reicht in diese Geste der Kniebeuge hinein, die gleichwohl im katholischen Christentum – weniger im protestantischen – eine wichtige Gebetshaltung ist. Beim Betreten einer Kirche ist sie in Richtung des Tabernakels üblich. Ebenso während des Hochgebets in der Messfeier. Und besonders bei der Verehrung des Allerheiligsten, der Gegenwart Gottes im gewandelten Brot der Eucharistie.

Manche Katholiken haben ihre Schwierigkeiten damit, weil sie eine solche Demutshaltung nicht mit einem liebenden und in Jesus buchstäblich heruntergekommenen Gott zusammenbringen: Der kann doch nicht wollen, dass ich, Gottesgeschöpf und Königskind, mich in den Staub stürze, die womöglich müden und kaputten Knochen beuge und mir meiner Winzigkeit angesichts der Übergröße Gottes bewusst werde!

Auf Knien Richtung Fatima

Da ist sicherlich etwas dran. Kein Mensch muss sich klein machen, um vor Gott bestehen zu können – als ob, wer klein ist, besser gesehen würde! Kein Mensch muss die Knie beugen, weil Gott sonst nicht seine ganze Größe ausspielen oder in seiner Allmacht erfahren werden könnte. Kein Mensch muss sich hinknien, weil er sonst überheblich vor Gott dastehen und Gott ihm den Ernst seines Glaubens nicht abnehmen würde.

Umso befremdeter war ich, als ich bei meinem ersten Besuch im portugiesischen Wallfahrtsort Fatima sah, wie sich einige Pilger – fast ausschließlich Frauen – auf einer markierten Strecke von mehreren hundert Metern auf Knien kriechend der Basilika näherten. Mal begleitet vom quäkenden Sohnemann auf einem Kinderfahrrad, mal vom unbeteiligt mehr stehenden als gehenden Ehegatten, mal von der halben Verwandtschaft, die sich nebenbei noch viel zu erzählen hatte. Die Frauen aber schoben sich betend und schnaufend Zentimeter für Zentimeter voran, mit käuflich zu erwerbenden Schonern um die Knie, das heilige Ziel am Ende einer großen Treppenanlage vor Augen.

Gott steht nicht auf Schmerz

Hochleistungssport als christliche Frömmigkeitsübung? Je weher es tut , je kleiner man sich macht, je mühsamer und schmerzlicher die Übung, desto reicher der Lohn, desto größer die Freude bei der heiligen Jungfrau und das Ansehen beim Herrgott?

Ganz sicher nicht. Keiner muss sich das Leben schwerer machen, als es ohnehin schon ist. Gott steht nicht auf Schmerz. Und doch ist für mich das Knien eine gute Gebetsgeste: Keiner hat sein Leben vollkommen in der Hand. Keiner kann alles, keiner muss alles. So gesehen ist keiner von uns der Große, schon gar nicht der Größte. Vor Gott darf ich in die Knie gehen, weil er mich eben gerade nicht als Erniedrigten sieht, sondern als einen, der sich seiner göttlichen Macht beugt, seiner liebevollen Macht. Und ich vertraue ihm, dass er mir unter die Arme greift, mich meiner Würde versichert. Damit ich wieder stehen kann vor ihm, den Menschen und mir selbst.